Nutzerakzeptanz und Herausforderungen bei der Etablierung der Telemedizin in der Kleintierpraxis
Die zunehmende Digitalisierung verändert auch die veterinärmedizinische Versorgung und eröffnet neue Möglichkeiten für die Interaktion zwischen Tierärzt*innen und Tierhalter*innen. Digitale Kommunikationsformen wie Telefon, E-Mail oder Chat sind in vielen Praxen etabliert, oft ohne, dass sie von den Nutzer*innen bewusst als telemedizinische Leistungen wahrgenommen werden. Unter Telemedizin werden tierärztliche Angebote verstanden, die mithilfe digitaler Medien über räumliche Distanz hinweg erbracht werden. Obwohl die Veterinärtelemedizin in Deutschland noch im Aufbau ist, haben technische Entwicklungen und veränderte Erwartungen der Kund*innen ihre Relevanz deutlich erhöht. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die Nutzungsoptionen und Erwartungen von Tierhalter*innen an die Telemedizin zu erfassen. Dazu sollte eruiert werden, ob Tierhalter*innen ein erweitertes telemedizinisches Angebot wünschen, welche Vor- und Nachteile sie bei der Nutzung sehen, ob und wie die Zahlungsbereitschaft für digitale Dienste variiert und welchen Stellenwert die Telemedizin für Besitzer*innen im aktuellen Praxisalltag einnimmt. Zur Überprüfung dieser Annahmen wurde ein paralleles Mixed-Method-Design angewendet. Es kombinierte quantitative Online- und Papierbefragungen von Kleintierhalter*innen mit qualitativen Interviews mit Expert*innen aus Praxis, Tierärztekammer und Versicherungen. Die quantitative Erhebung basierte auf einem strukturierten Fragebogen zu soziodemografischen Merkmalen und digitaler Infrastruktur, bisheriger Nutzung und Einschätzung von Telemedizin, pandemiebedingte Veränderungen, Zahlungsbereitschaft und Wertigkeit, sowie die Bewertung telemedizinischer Leistungen. Die qualitative Komponente umfasste leitfadengestützte Interviews mit Expert*innen aus der Veterinärmedizin. Zusammen mit den Ergebnissen der quantitativen Befragung, wurden die gesammelten Daten entlang der Dimensionen einer SWOT-Analyse interpretiert. Die Befragung zeigte, dass die Mehrheit der Teilnehmenden den Begriff „Telemedizin“ kannte. Knapp die Hälfte hatte bereits digitale Medien zur Kontaktaufnahme mit der Praxis genutzt, vor allem für Befundbesprechungen und laufenden Behandlungen. Als zentrale Vorteile nannten die Befragten die Stressreduktion für das Tier, die bequeme Durchführung von zu Hause und den Wegfall von Transportproblemen. Als größte Nachteile galten das Fehlen der körperlichen Untersuchung, Bedenken gegenüber rein audiovisueller Diagnostik, sowie mögliche Kommunikationsprobleme. Die Zahlungsbereitschaft für digitale Dienste war besonders für Videokonsultationen hoch, für textbasierte Formate lag die Zustimmung deutlich niedriger. Im weiteren Verlauf der Umfrage wurde die Einstellungen der Kleintierhalter*innen zur Telemedizin, sowie ihre Akzeptanz audiovisueller Konsultationen anhand mehrerer Bewertungsfragen erfasst. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass die Covid-19-Pandemie weder ihr Nutzungsverhalten noch ihr Interesse an fernmündlichen Beratungen wesentlich beeinflusst habe. Ob die Telemedizin eine geeignete Alternative zum persönlichen Tierarztbesuch darstellen könnte, wurde unterschiedlich bewertet: Während ein Teil der Teilnehmer*innen die Möglichkeit als innovativ und unterstützenswert einschätzte, sah ein ähnlich großer Anteil in der digitalen Konsultation keinen gleichwertigen Ersatz. Eine vergleichbar zurückhaltende Haltung zeigte sich bei der Frage, ob in Zukunft mehr Telemedizin genutzt werden sollte. Zwar signalisierte ein Teil der Befragten Interesse an einer Ausweitung, doch die Mehrheit reagierte eher skeptisch. Ein Drittel der Befragten äußerte persönliche Bedenken im Umgang mit telemedizinischen Angeboten. Rund die Hälfte der Befragten wünschte sich jedoch mehr Informationen zu den Möglichkeiten und Einsatzbereichen. Besonders positiv bewertet wurde die Vorstellung eines jederzeit erreichbaren tierärztlichen Beratungsdienstes über ein Call-Center. Die SWOT-Analyse verdeutlichte folgende Stärken: Zeitersparnis, Flexibilität, ortsunabhängige Beratung, Entlastung der Praxisorganisation und eine bessere Erreichbarkeit spezialisierter Tierärzt*innen. Schwächen zeigten sich in diagnostischen Grenzen ohne körperliche Untersuchung, technischen Problemen, fehlender digitaler Kompetenz, Abrechnungsunsicherheiten und unklaren rechtlichen Vorgaben. Als Chancen wurden die Nutzung künstlicher Intelligenz, die Ansprache neuer Zielgruppen, die Schließung von Versorgungslücken und eine Entlastung der Notdienste gesehen. Risiken bestanden in Datenschutzbedenken, wirtschaftlicher Belastung kleiner Praxen, unzureichender Internetversorgung und möglichen internen Spannungen bei der Umstellung auf digitale Verfahren. Trotz der gewonnenen Erkenntnisse unterliegt die Untersuchung methodischen Einschränkungen. Die Stichprobengröße der Umfrage begrenzt die Aussagekraft und Generalisierbarkeit. Freiwillige Teilnahme könnte zu einer überdurchschnittlichen Technikaffinität der Befragten geführt haben. Der spezifische gesellschaftliche Kontext, geprägt durch die Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie, könnte die Akzeptanz positiv beeinflusst haben. Qualitative Einschätzungen der Expert*innen basieren zudem auf subjektiven Erfahrungen. Künftige Studien sollten auf größeren, repräsentativen Stichproben basieren, um belastbare Aussagen über Akzeptanz, Nutzungsmuster und Hemmnisse zu ermöglichen. Weiterer Forschungsbedarf liegt bei Unterschieden zwischen Tierarten, Altersgruppen der Halter*innen und regionalen Gegebenheiten. Auch wirtschaftliche Aspekte zur Integration in die Praxis, sowie der Einfluss auf das Tierwohl sollten stärker in den Fokus rücken, um die Telemedizin verantwortungsvoll weiterzuentwickeln und in die tierärztliche Versorgung zu integrieren.
The ongoing digitalisation is also transforming veterinary care and enabling new modes of interaction between veterinarians and small-animal owners. Digital communication channels such as telephone, e-mail, and chat are established in many practices, often without users consciously perceiving them as telemedical services. Telemedicine is understood here as veterinary services delivered across spatial distance through digital media. Although veterinary telemedicine in Germany is still in development, technological advances and changing client expectations have markedly increased its relevance. The aim of the present study was to capture small-animal owners’ usage options and expectations regarding telemedicine. Specifically, it examined whether owners desire an expanded telemedical offering, which advantages and disadvantages they perceive in its use, whether and how willingness to pay for digital services varies, and the role telemedicine currently plays for owners in everyday practice. To examine these propositions, a parallel mixed-methods design was employed. It combined quantitative online and paper surveys of small-animal owners with qualitative interviews involving experts from clinical practice, veterinary chambers, and the insurance sector. The quantitative component used a structured questionnaire covering sociodemogra- phic characteristics and digital infrastructure, prior use and appraisal of telemedicine, pandemic-related changes, willingness to pay and perceived value, as well as the evaluation of telemedical services. The qualitative component comprised semi-structured, guideline-based interviews with experts in veterinary medicine. Together with the survey results, all data were synthesised and interpreted along the dimensions of a SWOT analysis. The survey indicated that the majority of participants were familiar with the term “telemedicine”. Just under half had already used digital media to contact their practice, primarily for discussing findings and questions related to ongoing treatment. The main perceived benefits were reduced stress for the animal, the convenience of consulting from home, and the avoidance of transport problems. The most salient drawbacks were the absence of a physical examination, concerns about purely audiovisual diagnostics, and potential communication issues. Willingness to pay for digital services was particularly high for video consultations, whereas acceptance was markedly lower for text-based formats. In a subsequent set of rating items, respondents’ attitudes towards telemedicine and their acceptance of audiovisual consultations were assessed. Most participants reported that the COVID-19 pandemic had not substantially influenced their use of, or interest in, remote consultations. Views on whether telemedicine could represent an adequate alternative to an in-person veterinary visit were mixed: while some regarded it as innovative and worthy of support, a similarly large share did not consider digital consultation an equivalent substitute. A comparably cautious stance emerged regarding increased use in the future; some expressed interest in expansion, but the majority remained sceptical. About one third reported personal concerns about using telemedical services, whereas roughly half wished to receive more information on options and areas of application. The idea of a round-the-clock advisory service via a call centre was evaluated particularly positively. The SWOT analysis highlighted the following strengths: time savings, flexibility, location-independent consultation, relief of practice organisation, and improved access to specialised veterinarians. Weaknesses comprised diagnostic limitations without physical examination, technical problems, insufficient digital skills, billing uncertainties, and unclear legal requirements. Opportunities included the use of artificial intelligence, reaching new user groups, closing care gaps, and relieving emergency services. Risks related to data protection concerns, economic burdens on small practices, insufficient internet coverage, and potential internal tensions during the transition to digital procedures. Despite these insights, the study is subject to methodological limitations. The survey sample size constrains the strength and generalisability of the findings. Voluntary participation may have resulted in above-average technology affinity among respondents. The specific societal context, shaped by the aftermath of the COVID-19 pandemic, may have positively influenced acceptance. Moreover, the qualitative expert assessments are based on subjective experience. Future research should rely on larger, representative samples to enable robust conclusions regarding acceptance, usage patterns, and barriers. Additional work is needed to delineate differences across animal species, owner age groups, and regional settings. Economic aspects of practice integration, as well as the impact on animal welfare, also warrant closer examination in order to further develop telemedicine responsibly and integrate it into veterinary care.
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