Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)TiHo eLib

Untersuchungen zum tierschutzgerechten Fang von Nutria (Myocastor coypus) und Waschbär (Procyon lotor) in Lebendfallen

Seit 2016 sind Nutrias und Waschbären als invasive gebietsfremde Arten von Bedeutung für die Europäische Union gelistet (Durchführungsverordnung (EU) 1141/2016). Der dreistufige Managementplan sieht vor, die weitere Ausbreitung der in Deutschland bereits etablierten Arten zu verhindern (Verordnung (EU) 1143/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates). Lebendfallen sind gängige Instrumente in der Jagdpraxis, aber auch im Arten- und Tierschutz. Diese Arbeit untersucht die Tierschutzgerechtigkeit bei lebend gefangenen Nutrias (n=55) und Waschbären (n=45) in drei unterschiedliche Typen von Lebendfallen. Zum einen konzentrierte sich der Versuchsaufbau auf die durchgehende Beurteilung des Verhaltens der Tiere während des Fangzeitraums von sechs Stunden. Die Videoaufnahmen, mit 179,0 Stunden Videomaterial, wurden mit Hilfe eines Ethogramms und einer quantitativen Beobachtungsmethode analysiert. Die maximale Fangzeit von sechs Stunden wurde durch die Tierversuchsgenehmigung vorgegeben, die in der realen Fangpraxis jedoch länger sein kann. Für die Stressbeurteilung wurden im Rahmen von endokrinologischen Untersuchungen Blut- und Haarproben entnommen und auf Cortisol- und Dehydroepiandrosteron (DHEA)-Werte mit einem Radioimmunoassay bzw. mittels Gaschromatographie und Massenspektrometrie-Kopplung bestimmt. Zum anderen wurde der Gesundheitszustand der Tiere untersucht, bei dem der Fokus auf der Dokumentation von fangbedingten Verletzungen lag. Für die Bewertung der Verletzungen wurden Trauma-Skalen genutzt, die sowohl die Einzelverletzungen (injury score) als auch den ganzen Tierkörper (Gesamtscore) kategorisierten. Die Ergebnisse der Verhaltensuntersuchung (Nutria: 31, Waschbär: 8) zeigten artspezifische und individuelle Unterschiede in der Ausprägung eines breiten Spektrums von Verhaltens- und Bewältigungsstrategien, die in fünf Verhaltensklassen kategorisiert wurden. Auffällig zeigten sich die Unterschiede der Ereignisse in Bezug auf Dauer (Minuten) und Häufigkeit (Anzahl), die kurz andauerndes, aber ständig wechselndes Verhalten abbildeten und auf Stressäußerung schließen lassen. Die Nutrias zeigten ein Bewegungsverhalten mit hoher Häufigkeit (Mittelwert (M) 940,10) und einer niedrigen Dauer (M 38,76). Die Waschbären zeigten ein lang andauerndes Explorationsverhalten (M 172,16) mit hoher Häufigkeit (M 687,0), gefolgt von einem Ruheverhalten mit langer Dauer (M 119,91) und etwas geringerer Häufigkeit (M 226,88). Komfort- und Nahrungsverhalten wurden bei beiden Arten mit sehr geringer Häufigkeit und kurzer Dauer beobachtet. Nach den AIHTS Kriterien wurden keine Indikatoren für ein schlechtes Befinden der gefangenen Tiere dokumentiert. Automutilationsverhalten wurde bei einem Waschbären gefunden. Die Ergebnisse der endokrinologischen Untersuchungen der Stressparameter Cortisol und DHEA, ergaben Unterschiede zwischen den Arten, was auf unterschiedliche Basalwerte hinweist. Bei Nutrias ergaben die Messungen signifikante Unterschiede in den Serum- und Haar-Cortisolwerten zwischen juvenilen und adulten Nutrias. Die Tierkörperuntersuchungen von 55 Nutrias und 45 Waschbären ergaben, dass bei 54,5% der Nutrias (30/55) und 93,3% der Waschbären (42/45) Läsionen dokumentiert wurden, die mit dem Lebendfang assoziiert sind. Es zwei Läsionen bei Nutrias und drei bei Waschbären, die dem GS4 zugeordnet wurden und relevante Indikatoren in der Bewertung des AIHTS darstellen. Die weitere Bewertung zeigte Nutrias mit hauptsächlich gering- bis mittelgradigen Verletzungen (n=25), die Waschbären vornehmlich mittelgradige- hochgradige Verletzungen (n=31). Im Rahmen der Stressbewertung wurde festgestellt, dass äußere Faktoren, unter anderem die bauliche Art der Falle, einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten und die Verletzungen von Nutria und Waschbär haben. Optimierte Fangbedingungen verbessern das Wohlergehen der Tiere, so muss z.B. das Material der Falle in Abhängigkeit vom Standort neu überdacht werden (Jahreszeit, Temperatur). Je nach Tierart muss die Innenfläche frei von hervorstehenden und beweglichen Teilen sein, die als Angriffsfläche und Verletzungsmöglichkeit dienen könnten. Es ist entscheidend, die Dauer der Fänge so kurz wie möglich zu halten und unter Verwendung von Fallenmeldern mit Erinnerungsfunktion zu gewährleisten, dass der verantwortungsvolle Umgang mit gefangenen Tieren forciert wird. Nach AIHTS Kriterien weisen die Drahtgitterfalle und Trapper-Neozoen-Falle für die Nutria und die Siebdruckkastenfalle und Trapper-Neozoen-Falle für den Waschbären keine Ausschlusskriterien für ihre Verwendung auf. Aufgrund fehlender Tierzahlen konnte die Siebdruckkastenfalle für Nutria und die Drahtgitterfalle für die Waschbären vor dem Hintergrund des AIHTS nicht bewertet werden. Die Grundlagen des AIHTS werden von führenden Wissenschaftler*innen als unzureichend angesehen. Als führende Leinlinie für mehr Tierschutz wird das „Fünf-Domänen-Modell“, das ursprünglich seine Anwendung bei Nutztieren findet, auch im Wildtierbereich genutzt. Die Bewertung der Fallentypen auf Grundlage des AIHTS steht in Diskrepanz zu einer ganzheitlichen Bewertung des Tierwohls unter Berücksichtigung der Kriterien des Modells. Die Komplexität der verschiedenen Parameter verdeutlicht, dass die Analyse des Verhaltens und der Verletzungen, nur einen Teilaspekt zur Bewertung der Situation des gefangenen Tieres abbilden. Schlussfolgernd könnten artspezifische als auch individuelle Verhaltensmuster, wie in dieser Studie vorgeschlagen, als Indikatoren für das Wohlergehen der Tiere dienen. Jeder, der Lebendfallen einsetzt, ist für ein gewissenhaftes und tiergerechtes Arbeiten im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben verantwortlich. Erweiterte, dem modernen Verständnis von Tierschutz angepasste Richtlinien, um in Zukunft einen verantwortungsvollen Lebendfang, insbesondere im Konfliktbereich mit invasiven Arten, durchführen zu können. Schlussfolgernd muss man sich darüber bewusst sein, dass beim Lebendfang das Tierwohl in allen Qualitäten beeinträchtigt wird. Die durch die Untersuchung herausgearbeiteten Aspekte, sollen als Verbesserungsmöglichkeit verstanden und zur Verfügung gestellt werden, um ein besseres Tierwohl gefangener Tiere zu erreichen. Besonders dann, wenn wir beabsichtigen, Tiere unversehrt zu fangen, muss der Fallenfang verbessert werden. Um das täglich genutzte, wichtige Instrument des Lebendfangs auch in Zukunft weiterhin einsetzen zu können, ohne gegen Tierwohlaspekte zu verstoßen, sollte der Tierschutz im Artenschutz bzw. bei der Durchführung von Managementplänen priorisiert werden. Der Tierschutz beim Fang von Wirbeltieren (Wildtieren) muss auch bei dem Management von invasiven gebietsfremden Arten beachtet werden. Nicht zuletzt deshalb, um die Integrität der Forschung mit gefangenen Wildtieren auch weiterhin gewährleisten zu können.

Since 2016, coypu and raccoons have been listed as invasive alien species of concern for the European Union (Implementing Regulation (EU) No. 1141/2016). The three-stage management plan aims to prevent the further spread of species already established in Germany (Regulation (EU) No. 1143/2014 of the European Parliament and of the Council). Live trapping is a common tool used in hunting practice, but also in species conservation and animal welfare. This work is part of a comprehensive study to assess the welfare of live-trapped coypu and raccoons in three different types of live traps. Firstly, the experimental setup focused on the continuous assessment of the animals' behavior during the six hours trapping period. Video recordings, totaling 179.0 hours of footage, were analyzed using an ethogram and a quantitative observation method. The maximum trapping time of six hours was specified by the governmental permit, although this may be longer in real-life trapping practice. For the stress assessment, blood and hair samples were taken as part of endocrinological examinations and analyzed for cortisol and dehydroepiandrosteron (DHEA) levels using a radioimmunoassay resp. gas chromatography and mass spectrometry coupling. Secondly, the health status of the animals was examined, focusing on the documentation of trapping-related injuries. Trauma scales were used to assess the injuries, which categorized both the individual injuries (injury score) and the entire animal body (total score). The results of the behavioral study (coypu: 31, raccoon: 8) showed species-specific and individual differences in the expression of a broad spectrum of behavioral and coping strategies, which were categorized into five behavioral classes. Notably, the difference in the events regarding duration (minutes) and frequency (number) reflected short-lasting but constantly changing behavior patterns and suggesting the expression of stress. The coypu exhibited high-frequency movement behavior (mean (M) 940.10) with low duration (M 38.76). The raccoons showed a long-lasting exploration behavior (M 172.16) with a high frequency (M 687.0), followed by a resting behavior with long duration (M 119.91) and slightly lower frequency (M 226.88). Comfort and feeding behavior were observed in both species with very low frequency and short duration. According to the AIHTS criteria, no indicators of poor welfare of the captured animals were documented. Automutilation behavior was found in one raccoon. The results of the endocrinological examinations of the stress parameters cortisol and DHEA revealed differences between the species, indicating different basal values. In coypu, the measurements revealed significant differences in serum and hair cortisol levels between juvenile and adult animals. The post-mortem examinations of 55 coypu and 45 raccoons revealed that lesions associated with live capture were documented in 54.5% of the coypu (30/55) and 93.3% of the raccoons (42/45). There were two lesions in coypu and three in raccoons, which are classified as GS4 and are relevant indicators in the assessment of AIHTS. Further analysis showed coypu with mainly low to moderate injuries (n=25), whereas raccoons showed mainly moderate-high injuries (n=31). The stress assessment revealed that external factors, including the type of trap, have a significant influence on the behavior and injuries of coypu and raccoons. Optimized trapping conditions improve the welfare of the animals, for example the material of the trap must be reconsidered depending on the location (season, temperature). The interior surface must be free from protruding and movable parts, which could serve as an attack surface and cause injury, depending on the animal species. It is crucial to keep the duration of trapping as short as possible and to use trap alarms with a reminder function to ensure that the responsible handling of trapped animals is enforced. According to AIHTS criteria, the wire mesh trap and Trapper-Neozoen trap for coypu and the wooden-box trap and Trapper-Neozoen trap for raccoons have no exclusion criteria for their use. Due to the lack of animal numbers, the wooden-box trap for coypu and wire mash trap for raccoons could not be evaluated against the background of the AIHTS. Leading scientists consider the legal basis of the AIHTS to be inadequate. The “five-domain model”, which originally applied for livestock, is increasingly being used in wildlife management as a leading guideline for improving animal welfare. Evaluation traps based on AIHTS standards conflicts with a holistic evaluation of animal welfare as proposed by the model. The complexity of various parameters demonstrates that the analysis of behavior and injuries provides only a partial assessment of the welfare of captured animals. In conclusion, species-specific as well as individual behavioral patterns, as proposed in this study, could serve as indicators of animal welfare. Anyone who uses live traps is responsible for working conscientiously and in an animal-friendly manner within the framework of the legal requirements. Extended guidelines adapted to the modern understanding of animal welfare, such as the “five-domain model”, are necessary to be able to carry out responsible live capture in the future, especially in areas of conflict with invasive species. In conclusion, we must be aware that live capture compromises animal welfare in all its qualities. The findings of this study should be seen as opportunities for improvement and made available to enhance the welfare of captured animals. If we intend to capture animals unharmed, improvements to trap design are necessary. Animal welfare should be prioritized in species protection and in the implementation of management plans to be able to continue using the important instrument of live trapping in the future without compromising animal welfare aspects. Animal welfare in the capture of vertebrates (wild animals) must also be considered in the management of invasive alien species. Not least to be able to continue to guarantee the integrity of research with captured wild animals.

Cite

Citation style:
Could not load citation form.

Access Statistic

Total:
Downloads:
Abtractviews:
Last 12 Month:
Downloads:
Abtractviews:

Rights

Use and reproduction: