Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)TiHo eLib

Evaluierung des Tierwohl-Protokolls des italienischen Risikobewertungssystems "ClassyFarm" auf kleinstrukturierten Milchviehbetrieben in Südtirol

Die vorliegende Dissertation widmet sich der Untersuchung der Praktikabilität des Tierwohl-Protokolls von ClassyFarm in Südtiroler Milchviehbetrieben. Im Anbetracht der wachsenden öffentlichen und handelsbezogenen Bedeutung einer tiergerechten Haltung und der Forderung nach Tierwohl, hat Italien ein staatlich-kontrolliertes Bewertungssystem zur gesamtheitlichen Einstufung des gesundheitlichen Risikos von tierhaltenden Betrieben entwickelt. ClassyFarm stellt ein innovatives System dar, das Elemente des Tierschutzes, der Biosicherheit auf landwirtschaftlichen Betrieben, der Funktion von Schlachthöfen als epidemiologisches Observatorium und des nationalen Medikamentenregisters miteinander verknüpft. Seit 2023 ist die Teilnahme an diesem System für Milchproduzenten verbindlich für den Erhalt wichtiger finanzieller Fördermittel. Das Tierwohl-Protokoll zur Bewertung der Betriebe enthält Anforderungen in den fünf Makrobereichen Biosicherheit, Betriebsmanagement, Betriebsstrukturen, Tierwohlindikatoren (tierbasierte Indikatoren) und Gefahren und Risiken, welche je nach Haltungssystem teilweise unterschiedliche Kriterien erfordern. In Südtirol, wie auch in anderen Berggebieten, zeichnet sich die Milchwirtschaft durch kleinstrukturierte Familienbetriebe aus, die unter herausfordernden Bedingungen ihre Viehzucht betreiben. Die Milchviehhaltung in Südtirol ist geprägt durch kleine Herdengrößen mit durchschnittlich 15 Kühen und der weit verbreiteten Nutzung von Anbindeställen, welche von früheren Generationen errichtet und innerhalb der Familie weitervererbt wurden. Die Produktionsbedingungen sind aufgrund topographischer und klimatischer Gegebenheiten eingeschränkt und die Haltungspraktiken gelten als traditionell und eher einfach. Vor diesem Hintergrund hat der Sennereiverband mit dem Projekt Tierwohl Südtirol es sich zur Aufgabe gemacht, die lokalen Milchproduzenten auf die Anforderungen des ClassyFarm-Protokolls vorzubereiten und in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Bozen dessen Anwendbarkeit unter den spezifischen Bedingungen der Milchviehbetriebe in Südtirol zu evaluieren.

Zur Datenerhebung wurden insgesamt 27 Auditoren eingesetzt, die mittels einer mobilen App zwischen Januar und Dezember 2022 Daten von rund 80 % aller Milchviehbetriebe in Südtirol erhoben haben. Diese Auditoren wurden speziell auf das Protokoll und dessen Anforderungen geschult, um eine möglichst konsistente und zuverlässige Datenerfassung zu gewährleisten.

Bei der ersten Studie handelte es sich um eine reine deskriptive Darstellung der Ergebnisse. Sie zeigt die typischen Haltungsbedingungen in Südtirol, mit einer Herdengröße von durchschnittlich 14,8 adulten Milchkühen, den hohen Anteil von Anbindeställen (71,6 %) und die verbreitete Praxis der Weidehaltung, welche als Stärke der Südtiroler Milchviehhaltung eingeschätzt wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass die Leistungen der Südtiroler Milchproduzenten in bestimmten Bereichen nicht den Anforderungen entsprachen. Diese Defizite waren teilweise auf Schwachstellen innerhalb der Betriebe zurückzuführen, zum Teil aber auch auf Anforderungen, die sich angesichts der spezifischen Haltungsbedingungen und Praktiken in bergbäuerlichen Milchviehbetrieben als unpassend herausstellten. In einigen Betrieben wurden Defizite hinsichtlich der Stallstrukturen identifiziert, die auf ältere Stallbauten, die errichtet wurden, bevor aktuelle Anforderungen an die Tierhaltung etabliert waren, zurückzuführen sind. Insbesondere im Bereich der Biosicherheit wurden signifikante Schwachstellen festgestellt, die vor dem Hintergrund der in Südtirol üblichen Haltungspraktiken als ungeeignet bewertet wurden. Zusätzlich wurden einige Schwellenwerte bei den tierbasierten Indikatoren als unangebracht eingestuft, da aufgrund prozentualer Kriterien Betriebe mit kleinen Herdengrößen in die schlechteste Bewertung fallen, sobald nur ein oder zwei Tiere betroffen sind.

Die zweite Studie konzentrierte sich auf die Analyse der Biosicherheitsmaßnahmen und deren Einfluss auf die Milchqualität. Die Milchleistungsdaten wurden vom Sennereiverband Südtirol zur Verfügung gestellt, welche alle 5 Wochen auf den Betrieben erhoben wurden. Zur Quantifizierung der Biosicherheitsmaßnahmen wurden die Ergebnisse der Betriebe in einen Biosicherheits-Score überführt. Ein besonderes Augenmerk galt hierbei dem Zusammenhang zwischen somatischer Zellzahl in der Milch, einem Indikator für Eutergesundheit, und dem Biosicherheits-Score. Dabei wurde eine statistisch signifikante negative Korrelation zwischen dem Biosicherheits-Score und der somatischen Zellzahl festgestellt, was auf die Wichtigkeit von Biosicherheitsstandards hinweist. Ebenso wurde eine negative Korrelation zwischen der somatischen Zellzahl und der Milchmenge beobachtet, was die Auswirkungen der Biosicherheit auf die Milchproduktion verdeutlicht.

In der dritten Studie wurden die Gründe für das schlechte Abschneiden in Bezug auf die Biosicherheitsanforderungen detailliert untersucht. Es zeigte sich, dass die Betriebe unabhängig vom Haltungssystem Schwierigkeiten hatten, die Anforderungen zu erfüllen, was auf die spezifischen Haltungsbedingungen und -praktiken der Bergbetriebe zurückgeführt wurde. Laufställe schnitten zwar signifikant besser ab als Anbindeställe, der Unterschied war jedoch marginal und die Gesamtergebnisse waren unbefriedigend in beiden Haltungssystemen. Dies führte zu der Empfehlung, einen einfacheren Ansatz für die spezifischen Produktionsbedingungen in Berggebieten zu entwickeln, um faire Bedingungen für die Landwirte zu schaffen.

Zusammenfassend verdeutlichen die drei Studien, dass die Implementierung staatlicher Tierwohlprogramme die speziellen Gegebenheiten kleinstrukturierter Betriebe in Bergregionen berücksichtigen muss, um gerechte und umsetzbare Anforderungen für Landwirte unterschiedlicher Produktionssysteme zu gewährleisten. Gleichzeitig weisen Südtiroler Bergbetriebe Verbesserungspotential hinsichtlich Tierwohlanforderungen auf. Die Bedeutung von Biosicherheitsmaßnahmen wurde durch die Korrelation mit der Milchqualität unterstrichen, obwohl die aktuellen Anforderungen des Protokolls als nicht vollständig geeignet für die in Südtirol vorliegende Praxis angesehen wurden. Zukünftige Forschungsarbeiten sollten sich daher auf die Entwicklung effektiver, einfach umsetzbarer und kostengünstiger Biosicherheitsmaßnahmen konzentrieren, die auf die Bedürfnisse kleinstrukturierter Betriebe zugeschnitten sind.

This dissertation is dedicated to examining the practicability of the ClassyFarm animal welfare protocol on dairy farms in South Tyrol. In view of the growing public and trade-related importance of animal-friendly husbandry and the demand for animal welfare, Italy has developed a state-controlled assessment system for the holistic classification of the sanitary risk of livestock farms. ClassyFarm is an innovative system that combines elements of animal welfare, biosecurity on farms, the function of slaughterhouses as epidemiological observatories and the national medicines register. Since 2023, participation in this system has been mandatory for milk producers in order to receive important financial subsidies. The animal welfare protocol contains requirements in the five macro areas of biosecurity, farm management, farm structures, animal welfare indicators (animal-based indicators) and hazards and risks, some of which require different criteria depending on the farming system. In South Tyrol, as in other mountain regions, dairy farming is characterized by small-scale family farms that operate under challenging conditions. Dairy farming in South Tyrol is characterized by small herd sizes with an average of 15 cows and the widespread use of tie stalls, which were built by previous generations and inherited within the family. The production conditions are limited due to topographical and climatic conditions and the husbandry practices are considered traditional and rather simple. Against this background, the South Tyrolean Dairy Association has set itself the task of preparing local milk producers for the requirements of the ClassyFarm protocol with the project Tierwohl Südtirol and, in collaboration with the Free University of Bolzano, evaluating its applicability under the specific conditions of dairy farms in South Tyrol.

A total of 27 auditors were deployed to collect data, who used a mobile app to collect data from around 80 % of all dairy farms in South Tyrol between January and December 2022. These auditors were specially trained in the protocol and its requirements in order to ensure the most consistent and reliable data collection possible.

The first study was a purely descriptive presentation of the results. It shows the typical husbandry conditions in South Tyrol, with an average herd size of 14.8 adult dairy cows, the high proportion of tie stalls (71.6 %) and the widespread practice of grazing, which was seen as a strength of South Tyrolean dairy farming. The results showed that the performance of South Tyrolean dairy producers did not meet the requirements in certain areas. These deficits were partly due to weaknesses within the farms, but partly also to requirements that turned out to be inappropriate in view of the specific husbandry conditions and practices on mountain dairy farms. In some farms, deficits were identified with regard to the barn structures, which can be traced back to older barn buildings that were built before current requirements for animal husbandry were established. Significant weaknesses were identified in the area of biosecurity in particular, which were assessed as unsuitable against the background of common husbandry practices in South Tyrol. In addition, some threshold values for the animal-based indicators were classified as inappropriate, as farms with small herd sizes fall into the worst rating based on percentage criteria as soon as only one or two animals are affected.

The second study focused on the analysis of biosecurity measures and their influence on milk quality. The milk yield data was provided by the South Tyrolean Dairy Association, which was collected every 5 weeks on the farms. To quantify the biosecurity measures, the results of the farms were converted into a biosecurity score. Particular attention was paid to the relationship between somatic cell count in the milk, an indicator of udder health, and the biosecurity score. A statistically significant negative correlation was found between the biosecurity score and the somatic cell count, pointing out the importance of biosecurity standards. Similarly, a negative correlation was observed between somatic cell count and milk yield, highlighting the impact of biosecurity on milk production.

In the third study, the reasons for the poor performance in terms of biosecurity requirements were examined in detail. It was found that farms had difficulties meeting the requirements regardless of the housing system, which was attributed to the specific housing conditions and practices of mountain farms. Although loose housing performed significantly better than tie stalls, the difference was marginal and the overall results were unsatisfactory in both housing systems. This led to the recommendation to develop a simpler approach for the specific production conditions in mountain areas in order to create fair conditions for farmers.

In summary, the three studies illustrate that the implementation of state-controlled animal welfare programs must take into account the specific circumstances of small-scale farms in mountain regions to ensure fair and feasible requirements for farmers of different production systems. At the same time, South Tyrolean mountain farms have potential for improvement in terms of animal welfare requirements. The importance of biosecurity measures was emphasized by the correlation with milk quality, although the current requirements of the protocol were not considered fully suitable for practice. Future research should therefore focus on the development of effective, easy-to-implement and low-cost biosecurity measures tailored to the needs of small-scale farms.

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