Untersuchungen zu Anämien und zur Körperkondition bei Lamas (Lama glama) und Alpakas (Vicugna pacos)
Domestizierte Neuweltkamele [NWK: Alpakas (Vicugna pacos) und Lamas (Lama glama)] füllen in der Nutztierpraxis in mittlerweile längst keine Nischenposition mehr aus, Nutztierpraktikerinnen und Nutztierpraktiker werden immer häufiger zur Behandlung dieser Spezies konsultiert. Anämien spielen dabei eine wichtige Rolle, nicht selten weisen Alpakas und Lamas einen Hämatokrit von deutlich unter 0,10 l/l auf, was in der Regel einen lebensbedrohlichen Zustand für das betroffene Tier darstellt. Eine häufige Ursache für derartige Anämien ist eine Infektion mit Haemonchus contortus, über die detaillierten hämatologischen Befunde bei betroffenen NWK ist bisher jedoch erst wenig bekannt. Im ersten und zweiten Teil dieser Arbeit werden die Fälle eines Lamas und eines Alpakas mit einem Hämatokrit von 0,06 l/l beziehungsweise 0,05 l/l in Folge einer Haemonchose beschrieben. Beide Tiere wiesen eine höchstgradige regenerative Anämie mit einer hohen Anzahl an Normoblasten im peripheren Blut auf. Während das Lama nach Behandlung mit Bluttransfusionen und Anthelmintika wieder in den Bestand entlassen werden konnte, wurde das Alpaka aufgrund der schlechten Prognose euthanasiert. Im Fall des Lamas wurde die Regeneration der Anämie über einen Zeitraum von mehreren Wochen charakterisiert. Der Hämatokrit des Tieres erreichte dabei innerhalb des Klinikaufenthaltes von vier Wochen nicht den Referenzbereich, was vermutlich auf einen Eisenmangel zurückzuführen war. Im Fall des Alpakas konnten sowohl labordiagnostisch als auch histopathologisch eine deutlich gesteigerte hämatopetische Aktivität festgestellt werden. Die dabei massenhaft im peripheren Blut aufgetretenen Normoblasten können in der hämatologischen Routinediagnostik zu fehlerhaften Messungen führen, da sie fälschlicherweise als Leukozyten erfasst werden können. Im dritten Teil der vorliegenden Arbeit wird der Fall eines Alpakas mit hochgradiger Anämie (Hämatokrit 0,13 l/l) in Folge eines rupturierten Magenulkus vorgestellt. Magenulzera kommen bei NWK sehr häufig vor. Verschiedene Ursachen, insbesondere Stress und übermäßiger Einsatz von nichtsteroidalen Entzündungshemmern werden dafür diskutiert. Nach derzeitigem Stand der Literatur wird davon ausgegangen, dass Magenulzera bei NWK im Gegensatz zu denen bei anderen Spezies nicht mit starken Anämien assoziiert sind. Das in diesem Fall beschriebene Tier verendete kurz nach Einlieferung in die Klinik, pathomorphologisch konnten mehrere erosive bis ulzerative Entzündungen im ersten Kompartiment des Tieres festgestellt werden. Eine Hämonchose konnte bei diesem Tier ausgeschlossen werden. Ein durchgebrochenes Ulkus führte dabei zu Blutungen und konsekutiver Peritonitis. Dieser Fall stellt daher eine mögliche, bisher kaum beschriebene Differentialdiagnose in der Diagnostik von Anämien bei NWK dar. Viele NWK, die zur tierärztlichen Behandlung vorgestellt werden, weisen außerdem einen schlechten Ernährungszustand auf, der unter dem dichten Haarkleides der Tiere im Bestand lange unerkannt bleiben kann. Anämien und Ernährungszustand sind bei Alpakas und Lamas eng miteinander assoziiert, Tiere mit einer Anämie haben meist auch einen schlechten Ernährungszustand. Die palpatorische Untersuchung des Ernährungszustandes spielt gerade bei diesen Spezies eine besondere Rolle in der Identifizierung abgemagerter und von Anämien gefährdeter oder betroffener Tiere. Eine standardisierte Untersuchung der Körperkondition kann mit Hilfe des Body Condition Scores (BCS) vorgenommen werden. Die Tiere werden nach Palpation der Lendenwirbel einem Score von 1 (abgemagert) bis 5 (adipös) zugeordnet, der optimale Score beträgt 3. Bei Rindern und Schafen ist die BCS-Beurteilung bereits seit längerem ein wichtiger Bestandteil im Herdenmanagement. Bei diesen Spezies gibt es umfassende Daten zur Zuverlässigkeit der BCS-Untersuchung, die bei NWK bisher fehtlen. Im vierten Teil dieser Arbeit wurden die Ergebnisse der BCS-Untersuchung eines gemischten Lama- und Alpakabestandes, die von sechs verschiedenen Personen durchgeführt wurden miteinander verglichen. Die Berechnung der Interrater-Reliabilitäts-Statistiken lieferte vergleichbar hohe Übereinstimmungen, wie sie von Rindern und Schafen berichtet wurden (r=0.52‐0.89; τ=0.43‐0.80; κw=0.50‐0.79). Anämien kommen bei Alpakas und Lamas regelmäßig vor. Sie können mit einem deutlich erhöhten Auftreten von Normoblasten im peripheren Blut einhergehen. Entgegen den Angaben in der Literatur können sie auch durch blutende Magenulzera bedingt sein. Besonders abgemagerte Tiere sind häufig von Anämien betroffen. Ein schlechter Ernährungszustand kann aufgrund des dichten Haarkleides lange unerkannt bleiben, dem kann durch regelmäßige palpatorische Untersuchung des BCS an den Lendenwirbeln vorgebeugt werden. Die Ergebnisse verschiedener Untersucher weisen dabei hohe Übereinstimmungen auf.
Domesticated South American camelids [SAC: alpacas (Vicugna pacos) and llamas (Lama glama)] are no longer exotic species in Germany, livestock practitioners are increasingly consulted for treatment of SAC. They often suffer from anemia; a hematocrit below 0.10 l/l is not uncommon in alpacas and llamas. This is usually a life-threatening condition for the affected animal. A common cause of severe anemia is Haemonchus contortus, however, little is known about the detailed hematologic findings in affected SAC yet. The first and second parts of this thesis describe the cases of a llama and an alpaca suffering from haemonchosis with a hematocrit of 0.06 l/l and 0.05 l/l, respectively. Both animals revealed a highly regenerative anemia with a high number of normoblasts in the peripheral blood. While the llama could be released back into the herd after treatment with blood transfusions and anthelmintics, the alpaca was euthanized due to poor prognosis. In the case of the llama, regeneration of the anemia was characterized over a period of several weeks. In this process, the hematocrit of the animal did not reach the reference range within the hospital stay of four weeks, which could be attributed to iron deficiency. In the case of the alpaca, both, laboratory diagnostics and histopathology, revealed a marked increase in hematopoietic activity. The normoblasts that thereby appeared in a high number in the peripheral blood can lead to erroneous measurements in routine hematological diagnostics, since they can be mistakenly recorded as leukocytes. In the third part of the thesis, the case of another alpaca with severe anemia (hematocrit 0.13 l/l) secondary to a perforated gastric ulcer is presented. Gastric ulcers are very common in NWK. Various causes, especially stress and excessive use of nonsteroidal anti-inflammatory drugs are discussed as triggers. Based on the current literature, gastric ulcers in SAC are not thought to be associated with severe anemia, unlike in other species. The animal described in this case died shortly after admission to the hospital. Multiple erosive to ulcerative inflammations were noted in the first compartment of the animal during necropsy. Hemonchosis could be excluded in this animal. The cause of the anemia in this case was the ruptured gastric ulcer, which led to hemorrhage and consecutive peritonitis. This case represents a possible differential diagnosis in the diagnosis of anemia in NWK, which has not been described in detail so far. Many SAC presented for veterinary treatment further reveal a poor nutritional status, which can stay undetected for long periods of time due to the dense fiber coat of the animals. Anemia and nutritional status are closely associated in alpacas and llamas; animals suffering from anemia usually also have a poor nutritional status. Palpatory examination of nutritional status is important for identifying emaciated animals at risk of or affected by anemia in SAC. A standardized examination of body condition can be performed using the Body Condition Score (BCS). Animals are assigned a score from 1 (emaciated) to 5 (obese) after palpation of the lumbar vertebrae; the optimal score is 3. In cattle and sheep, BCS assessment has long been an important tool in herd management. For these species, there are data on the reliability of the assessment of the BCS, which have been lacking in SAC so far. Therefore the fourth part of this thesis compared the BCS of a mixed llama and alpaca herd that were assessed by six different examiners. Calculation of inter-rater reliability statistics provided comparably high levels of agreement as reported for cattle and sheep (r=0.52‐0.89; τ=0.43‐0.80; κw=0.50‐0.79). Anemia is a common condition in alpacas and llamas. They may lead to an increase of normoblasts in the peripheral blood. In contrast to the current literature, severe anaemia may also occur due to bleeding gastric ulcers. Especially emaciated animals are frequently affected by anemia. Poor nutritional status may remain undetected for a long time due to a dense fiber coat; this can be prevented by regular palpatory assessment of the BCS at the lumbar vertebrae. The results of different examiners show high agreements.
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