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Untersuchungen zur Habitatnutzung des Birkhuhns (Tetrao tetrix) in der Lüneburger Heide unter Berücksichtigung der Einflüsse von Landschaftsstruktur und Tourismus

Das Birkhuhn (Tetrao tetrix) hat in Mitteleuropa ab den 1950er Jahren weite Teile seines Verbreitungsgebietes verloren und kommt heute nur noch in wenigen, isolierten Lebensräumen vor. In Niedersachsen befindet sich die letzte verbliebene Population in der Naturregion Lüneburger Heide. Der Bestand schwankt in den letzten 20 Jahren zwischen 100 und 200 Individuen, die sich auf die nach europäischem Recht geschützten Heidehabitate im NSG Lüneburger Heide, den Truppenübungsplätzen Bergen und Munster sowie der Großen Heide bei Unterlüß verteilen. Trotz intensiver Bemühungen durch Landschaftspflegemanagement und Prädatorenkontrolle (im NSG) steigen die vom Aussterben bedrohten Bestände nicht weiter an.

Die Grundvoraussetzung für stabile Populationen liegt in der Qualität und Größe der verfügbaren Lebensräume. Das Birkhuhn benötigt offene Habitate der Heiden und Moore mit ausreichendem, vielfältigem Nahrungsangebot für adulte und juvenile Tiere sowie deckungs- und abwechslungsreiche, kleinräumige Strukturen. Die Habitatwahl wurde auf Grundlage der Positionsdaten von sieben besenderten Birkhühnern im NSG Lüneburger Heide und umfangreichen Vegetationskartierungen über ein Generalized Linear Mixed Model (GLMM) modelliert. Die Studientiere bevorzugten ungestörte, heterogene Lebensräume fernab dichter Wälder und touristischer Infrastruktur, mit weiten Heide- und Magerrasenbiotopen. Von besonderer Bedeutung sind die Durchmischung dieser Biotope mit Feuchtgebieten, die Verfügbarkeit artenreicher Vegetation und lockerer Baumbestände von geringer Dichte. Laut dem Modell sind etwa 2% der offenen Heideflächen von optimaler Habitatqualität, 6% haben eine moderate bis hohe, etwa 10% eine geringe bis moderate und 81% eine schlechte bis geringe Habitateignung. Der große Anteil schlecht geeigneter Heidehabitate ist auf die Meidung von nicht aufgelichteten Waldrändern, den Einfluss touristischer Störungen in Bereichen mit dichtem Wegenetz, einen zu hohen Deckungsgrad der Strauch- und Baumschicht und fehlende Diversität zurückzuführen. Die geeigneten Habitate liegen vorwiegend in ungestörten Rückzugsräumen abseits der Wege und decken sich mit den Beobachtungen der Frühjahrsbalz und ganzjährigen Zufallsbeobachtungen von Birkhühnern. Die Modellergebnisse können zur Verbesserung des Pflegemanagements zum Schutz des Birkhuhns im NSG Lüneburger Heide und den benachbarten Vorkommensgebieten, für die keine Raumnutzungsdaten existieren, genutzt werden.

Der Störeinfluss von Wanderern und anderen Erholungssuchenden auf das Raum-Zeit-Verhalten der besenderten Tiere wurde auf Grundlage einer Langzeit-Besucherzählung an verschiedenen öffentlichen und gesperrten Wegen modelliert. Birkhühner zeigen eine grundsätzliche Meidung der Nahbereiche von Wanderwegen, wobei die Meidungsdistanz direkt von der Höhe des Besucheraufkommens abhängt. Das GLMM zeigt keine saisonale Veränderung der Raumnutzung entlang von Wanderwegen, jedoch werden gesperrte Wege während der Heideblüte aufgrund erhöhter unerlaubter Betretung gemieden und wichtige Rückzugsräume dadurch gestört. Birkhühner passen zudem ihre tageszeitliche Raumnutzung an. Die Studientiere nutzten nachts und in der Morgendämmerung die Nähe öffentlicher Wege, wichen aber um die Mittagszeit und am Nachmittag aus, wenn die Besucheraktivität am höchsten war. Störungen durch Naherholung und Tourismus beeinträchtigen die effektive Habitatverfügbarkeit im NSG Lüneburger Heide erheblich, können jedoch durch wegbegleitende Vegetation als natürliche, abschirmende Struktur vermindert werden. Dies stellt eine wirksame Schutzmaßnahme dar, die nur minimalen Aufwand für das Pflegemanagement erfordert.

Since the 1950s the black grouse (Tetrao tetrix) has lost large parts of its dispersal area in Central Europe. Today it occurs only in a few isolated habitats. In Lower Saxony, the last remaining population is in the Lüneburg Heath Region. The population has fluctuated between 100 and 200 individuals over the last 20 years and is dispersed among the open heath habitats in the Lüneburg Heath Nature Reserve (LHNR), the military training areas Bergen and Munster, and the special protection area “Große Heide” (Unterlüß). Despite intensive efforts through landscape management and predator control (in the LHNR), the critically endangered population has not increased any further.

Habitat quality and quantity are key factors for stable populations. Black grouse require open habitats of heaths and bog with sufficient, diverse food supply for adults and juveniles, as well as cover and heterogeneous, small-scale structures. Habitat selection was modeled using a Generalized Linear Mixed Model (GLMM) based on location data of seven GPS-tagged black grouse in the LHNR and detailed vegetation mapping. The study animals preferred undisturbed, heterogeneous habitats far from dense forests and tourist infrastructure, with extensive heath and natural grassland biotopes. Intermixed wetlands, availability of diverse vegetation and trees and shrub formations of low-density increase habitat quality considerably. Model results show about 2% of open heathland to be of optimal habitat quality, 6% has moderate to high habitat suitability, about 10% has low to moderate habitat suitability, and 81% has poor to low habitat suitability. The large proportion of poorly suitable heathland habitats is due to avoidance of forest edges lacking smooth transition gradients, the influence of anthropogenic disturbance in areas with dense trail networks, dominant cover of the shrub and tree layers, and lack of plant diversity. Suitable habitats are predominantly in undisturbed refuges far from trails, which spatially coincide with lekking observations and long-term observations of black grouse. The model results can be used to improve local conservation management in the LHNR and neighbouring habitats for which no GPS-location data exist.

The influence of outdoor recreation on the spatio-temporal behaviour of the the tagged black grouse was modeled using long-term visitor counting at different public trails and closed routes. Black grouse significantly avoid the proximity of trails, with avoidance distance directly related to the number of visitors. The GLMM shows no seasonal shift of habitat use alongside trails, but closed routes are temporarily avoided due to increased trespassing during the blooming season of the heather, resulting in the disturbance of important refuge areas. Also, black grouse adapt their diurnal behaviour. Study animals used the vicinity of public trails at dawn but avoided these around noon and in the afternoon when visitor activity was highest. Disturbance from outdoor recreation and tourism significantly affects effective habitat availability in the LHNR but can be mitigated with high vegetation alongside trails providing visual cover. This is an effective measure that requires minimal effort for local conservation management.

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