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Der Einfluss sportlicher Nutzung auf die Kopf- und Maulgesundheit bei Reitpferden : Bestandsaufnahme und Auswertung pathologischer Befunde des Kopfes und der Gebisslage sowie Entwicklung eines Prototyps eines Bewertungsbogens für den Turniertierarzt

Der Pferdesport sieht sich immer wieder öffentlicher Kritik hinsichtlich mutmaßlicher Tierschutzrelevanz von Trainingsmethoden und im Zusammenhang mit der sportlichen Nutzung entstandenen pathologischen Befunden ausgesetzt. Ergebnisauswertungen von Turnierkontrollen zeigten ein gehäuftes Auftreten dieser Befunde am Pferdemaul und insbesondere an den Maulwinkeln.

Ziel der vorliegenden Dissertation war zum einen die Schaffung einer objektiven und aussagekräftigen Datengrundlage hinsichtlich der Prävalenz, der Art und der Beschaffenheit reitsportinduzierter pathologischer Befunde am Kopf und in der Gebisslage bei Reitpferden, die Erfassung der Befundverteilung auf die anatomischen Strukturen und die Überprüfung möglicher individualspezifischer und nutzungsbedingter Einflussfaktoren auf die Ergebnisse.

Zum anderen sollte im Rahmen dieser Arbeit ein Prototyp eines für den Turniertierarzt geeigneten Bewertungsbogens entwickelt werden. Dieser sollte eine objektive, einheitliche und vollständige Erfassung und Bewertung der Befunde und damit auch eine Bewertung bzw. Kategorisierung der Pferde und in der Folge das Aussprechen einer Empfehlung an den verantwortlichen Richter bezüglich der zu erteilenden oder zu verweigernden Starterlaubnis ermöglichen.

Dafür wurde, basierend auf aktueller wissenschaftlicher Literatur, ein Befundbogen erstellt. Anhand der hier aufgeführten Untersuchungskriterien wurden 748 Pferde im Rahmen der routinemäßigen Zahnkontrolle bzw. -behandlung hinsichtlich pathologischer Befunde des äußeren Kopfes und der Gebisslage untersucht. Um eine objektive Einstufung der Pferde bezüglich ihrer Nutzung und ihres Leistungsniveaus vornehmen zu können, wurden lediglich Pferde untersucht, die regelmäßig an Pferdeleistungsschauen teilnehmen.

In dieser Dissertation wurden akute und chronische Befunde als tierschutzrelevant definiert. Zusätzlich wurden sekundär verheilte Befunde als Relikte früherer Traumatisierungen erfasst. Beschränkt sich die Betrachtung auf die tierschutzrelevanten Befunde, betrug die Prävalenz 35,8 %, die betroffenen Pferde wiesen durchschnittlich 1,8 Befunde auf.  Bei Einbeziehung auch der sekundär verheilten Befunde betrug die Prävalenz 47,1 %, die durchschnittliche Befundhäufigkeit betroffener Pferde 2,2. Bei beiden Betrachtungsweisen wurden maximal 6 Befunde je Einzeltier festgestellt.

Erosionen nahmen hierbei den größten Anteil ein (32,4 %), gefolgt von Ulzera (17,8 %), De-/Hyperpigmentierung (16,7 %), Narben (10,7 %) und Exostosen (10,3 %). Die meisten Befunde (32,3 %) wurden im Bereich der Maulwinkel, 29,6 % an den Wangeninnenseiten (zwischen den Maulwinkeln und dem Bereich der ersten Backenzähne) und 18,5% am Unterkiefer im Bereich der Laden unmittelbar rostral der ersten Backenzähne dokumentiert.

Basierend auf den Ergebnissen dieser Dissertation wurde eine Bonitur zur Bewertung der Befunde und zur Kategorisierung der Pferde anhand ihrer Gesamtbefundlage entwickelt.

Anhand dieser wurden 37,3 % der Befunde wurden als Befunde ohne zu erwartende Relevanz, 25,8 % als geringgradige, 18,1 % als mittelgradige und 18,9 % als hochgradige Befunde eingeschätzt und die untersuchten Pferde zu 66,0 % der Kategorie „Grün“, 20,1 % der Kategorie „Gelb“ und 13,9 % der Kategorie „Rot“ zugeordnet.

Während Alter, Geschlecht, Nutzungsrichtung und Leistungsniveau teils eine hoch signifikante Ungleichverteilung der Ergebnisse verursachten und somit wesentliche Einflussfaktoren darstellen, konnte dieser Zusammenhang bei der Betrachtung der Anlage und des Status der Wolfs- und Hengstzähne nicht oder nur sehr eingeschränkt festgestellt werden.

Der Befundbogen in leicht abgewandelter Form und die Bonitur wurden zusammengefügt und zu einem Prototyp eines Bewertungsbogens für den Turniertierarzt erweitert. Dieser ermöglicht neben der detaillierten und systematischen Erfassung und Bewertung der Befunde und der Kategorisierung der Pferde auch eine standardisierte Empfehlung hinsichtlich der zu erteilenden (Kategorien Grün und Gelb) oder zu verweigernden (Kategorie Rot) Starterlaubnis. Zur Nutzung des Bewertungsbogens im Rahmen der tierärztlichen Turnierkontrolle ist neben einer weiteren Testphase und Überprüfung bzw. Diskussion der einzelnen Parameter dessen Erweiterung auf alle anatomischen Strukturen notwendig, an denen potentiell reitsportinduzierte Befunde auftreten können.

Zum anderen scheint eine Digitalisierung zur einfacheren Anwendung und systematischeren Auswertung der gewonnenen Daten sinnvoll. Hierfür wurde der Entwurf einer App entwickelt. 

Equestrian sport is repeatedly exposed to public criticism regarding the alleged animal welfare relevance of training methods and pathological findings arising in connection with athletic use. Evaluation of the results of horse inspections at competitions showed an increased occurrence of these findings on the horse's mouth and especially on the commissures of the lips.

The aim of the present dissertation was, on the one hand, to create an objective and meaningful database with regard to the prevalence, type and nature of equestrian-sport-induced pathological findings on the head and in the oral cavity of riding horses, to record the distribution of findings on the anatomical structures and to check possible individual-specific and usage-related factors influencing the results.

On the other hand, the prototype of a form sheet suitable for the official show veterinarian should be developed. This should enable an objective, uniform and complete recording and evaluation of the findings as well as an evaluation or categorization of the horses and, as a result, a recommendation to the responsible judge referring to the starting permit to be granted or refused.

For this purpose, a findings sheet was created based on current scientific literature. Using the examination criteria listed here, 748 horses were examined as part of routine dental examinations and treatment with regard to pathological findings of the external head and oral cavity. In order to be able to make a objective classification of the horses referring to their use and their level of performance, only horses that regularly take part in horse shows were examined.

In this dissertation, acute and chronic findings were defined as relevant to animal welfare. In addition, secondarily healed findings were recorded as relics of earlier traumas. If the observation is limited to the findings relevant to animal welfare, the prevalence was 35.8 %, the affected horses had an average of 1.8 findings. Including the secondarily healed findings, the prevalence was 47.1 % and the average frequency of findings in affected horses was 2.2. With both approaches, a maximum of 6 findings per individual animal were found.

Erosion accounted for the largest share (32.4 %), followed by ulcers (17.8 %), de-/ hyperpigmentation (16.7 %), scars (10.7 %) and exostoses (10.3 %). Most of the findings (32.3 %) were documented at the commissures of the lips, 29.6 % on the inner sides of the cheeks (between the commissures of the lips and the area of the first molars) and 18.5 % on the mandible in the area of the interdental space (bars) directly rostral of the first molars.

Based on the results of this dissertation, a rating was developed to evaluate the findings and to categorize the horses based on their overall findings. 

On the basis of these, 37.3 % of the findings were assessed as findings without expected relevance, 25.8 % as low-grade, 18.1 % as medium-grade and 18.9 % as high-grade findings and the examined horses as 66.0 % of the category “Green”, 20.1 % assigned to the category “Yellow” and 13.9 % to the category “Red”.

While age, gender, discipline and level of performance sometimes caused a highly significant unequal distribution of the results and therefore represent significant influencing factors, this correlation could not be determined or only to a very limited extent when it comes to the presence or status of canine and wolf teeth.

The findings sheet in a slightly modified way and the rating were put together and expanded to become a prototype of a form sheet for the official show veterinarian. In addition to the detailed and systematic recording and evaluation of the findings and the categorization of the horses, this also enables a standardized recommendation regarding the starting permits to be granted (categories green and yellow) or to be refused (category red). In order to use the form sheet as part of the veterinary horse inspection, besides a further test phase and review or discussion of the individual parameters, an extension to all anatomical structures on which potentially equestrian-sport-induced findings can occur is necessary.

Furthermore digitalisation seems to make sense for easier application and more systematic evaluation of the data obtained. For this purpose, the draft of an app was developed.

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