Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)TiHo eLib

Studien zur Prävalenz der Makrodontie und Evaluation eines neuen Therapieansatzes bei mandibulären Inzisivus-Erkrankungen der Meerschweinchen (Cavia porcellus L.)

Die als Liebhabertiere gehaltenen Meerschweinchen leiden häufig unter Zahnerkrankungen. Es werden viele Ätiologien für die Entwicklung dieser in der gängigen Literatur angeführt. Im eigenen Patientengut der zahnerkrankten Meerschweinchen traten in der Vergangenheit nach subjektivem Empfinden gehäuft Makrodonten auf. In der Literatur hingegen kam ihnen bisher wenig Bedeutung zu. Auch wurden mit den bislang postulierten Therapieoptionen insbesondere in Bezug auf primäre Erkrankungen der Unterkieferschneidezähne des Meerschweinchens unbefriedigende Erfahrungen gemacht. Deswegen wurde zur Extraktion dieser Zähne die Operationsmethode der ventralen Mandibula-Trepanation, welche laut Literatur bislang als sekundärer Eingriff nach missglückter klassischer Extraktion mittels Luxatoren erwähnt wird, als primärer Therapieweg in der Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Tierärztlichen Hochschule Hannover etabliert. Ziel der vorliegenden Promotionsarbeit war es einerseits, herauszufinden in welcher Prävalenz Makrodonten tatsächlich im Patientengut der zahnerkrankten Meerschweinchen vorkommen. Dabei sollten die röntgenologisch auffälligen Veränderungen der Makrodonten erfasst sowie eine röntgenologische Beschreibung dieser erarbeitet werden. Andererseits sollte die ventrale Mandibula-Trepanation zur Extraktion erkrankter Unterkieferschneidezähne des Meerschweinchens, in Ermangelung detaillierter Beschreibungen des Operationsherganges bis dato, nachvollziehbar beschrieben und das klinische Outcome evaluiert werden. In der ersten Studie wurden die Patientendaten von 131 Meerschweinchen mit klinisch und röntgenologisch (laterolateraler, lateral-verkippt linksanliegender und rechtsanliegender, rostrokaudaler sowie dorsoventraler Strahlengang, des Weiteren isolierte Darstellungen des Unter- und Oberkiefers) bestätigter Zahnerkrankung retrospektiv ausgewertet. Jeder Zahn wurde röntgenologisch beurteilt und als verändert dokumentiert, wenn eine Veränderung der Zahnbreite, der Zahnstruktur, des Periodontalspaltes, der Lamina dura des Alveolarknochens und - bei den Schneidezähnen - der Pulpahöhle vorlag. Ein besonderes Augenmerk wurde auf Zahnverbreiterungen (=Makrodontie) gelegt. Die zweite Veröffentlichung veranschaulicht den Operationsgang der ventralen Mandibula-Trepanation zur Extraktion erkrankter Unterkieferinzisivi des Meerschweinchens. Es wurden die Patientendaten von 40 Meerschweinchen, die aufgrund einer primären mandibulären Inzisivus-Erkrankung mittels angeführter Methode operiert wurden, retrospektiv in Bezug auf die Indikation der Extraktion sowie das klinische Outcome evaluiert. In der ersten Studie konnte ermittelt werden, dass die Mehrheit aller zahnerkrankten Meerschweinchen (89% = 116/131) mindestens einen Makrodonten aufwies. Es waren mehr als die Hälfte der als verändert gewerteten Zähne (58% = 246/422) Makrodonten. Insgesamt wurden 54 Schneidezähne und 192 Backenzähne anhand ihrer röntgenologisch detektierbaren Verbreiterung als Makrodont eingestuft. Hauptsächlich waren Unterkieferschneidezähne (87% = 47/54) sowie die Backenzähne der letzten beiden Zahnpositionen (91% = 175/192) von Makrodontie betroffen. Des Weiteren konnte dokumentiert werden, dass 97% aller Makrodonten (238/246) neben der teils imposanten Verbreiterung zudem einen Strukturverlust aufwiesen. Veränderungen des Periodontalspaltes wurden bei 76% (118/246) der Makrodonten festgestellt. Die Lamina dura des Alveolarknochens war in 46% (113/246) der Fälle verändert. Bei 80% (43/54) der Schneidezahn-Makrodonten lagen Anomalien der Pulpahöhle vor. Die zweite Studie ergab, dass insgesamt 42 Unterkieferschneidezähne via ventraler Mandibula-Trepanation extrahiert wurden. Mehrheitlich waren Makrodonten (25/42), gefolgt von periapikalen und alveolären Veränderungen (8/42), der Grund für die Extraktion. In weitaus geringerem Ausmaß lagen Zahnresiduen unklarer Genese (4/42), sowie nach fehlgeschlagenem konventionellem Extraktionsversuch (3/42) und traumatische Zahnlockerungen (2/42) vor. Kieferabszesse, die mit dem zu extrahierenden Inzisivus assoziiert waren, lagen in 40% (16/40) der Fälle vor. Bei 40% (16/40) der Meerschweinchen war die Inzisivus-Erkankung der Auslöser für eine therapiebedürftige sekundäre Elongation der Backenzähne. Bei allen Patienten war eine vollständige Extraktion der veränderten Unterkieferschneidezähne möglich. Sowohl eine eigenständige Futteraufnahme als auch die Entlassung in die häusliche Pflege konnten nach durchschnittlich zwei Tagen dokumentiert werden. Eine Ausheilung wurde nach durchschnittlich 39 Tagen (Minimum 9 Tage, Maximum 98 Tage) festgestellt. Die Differenzierung nach dem Vorliegen eines Kieferabszesses ergab, dass Patienten mit Kieferabszess im Mittel eine vergleichsweise längere Rekonvaleszenz (47 Tage) hatten, als jene Patienten ohne Kieferabszess (34 Tage). Auf die Ausheilungsrate hatte das Vorhandensein eines Kieferabszessen hingegen keinen nennenswerten Einfluss. Ein halbes Jahr nach dem Eingriff wiesen die noch zu evaluierenden 22 Patienten keine erneuten zahnassoziierten Beschwerden auf. Die vorliegende Arbeit konnte somit zum einen zeigen, dass eine Makrodontie viel häufiger auftritt als bisher dokumentiert und einen häufigen röntgenologischen Befund bei Meerschweinchen mit Zahnerkrankungen darstellt, welcher  sich röntgenologisch durch eine Zahnverbreiterung und einen Strukturverlust auszeichnet. Zum anderen wurde gezeigt, dass eine vollständige Extraktion erkrankter Unterkieferschneidezähne via ventraler Trepanation der Mandibula möglich ist und damit einen kurativen Eingriff mit guter Ausheilungsprognose darstellt.

Guinea pigs kept as pets often suffer from dental diseases. Many aetiologies for the development of these are cited in the current literature. In our own patient population of guinea pigs with dental diseases, macrodonts have been subjectively perceived to occur rather frequently. In the literature, however, they have so far been given little importance. In addition, unsatisfactory experiences have been made with the previously postulated treatment options, especially with regard to primary diseases of guinea pig mandibular incisors. Therefore, the surgical method of ventral mandibular trepanation was established as primary therapeutic approach for extraction of these teeth in the Clinic for Pets, Reptiles and Birds at the University of Veterinary Medicine Hannover. According to the literature, this method has to date only been mentioned as a secondary intervention after unsuccessful classical extraction by means of luxators. The aim of the present thesis was to investigate the actual prevalence of macrodonts in guinea pigs with dental disease. For this purpose, the radiographically conspicuous changes of macrodonts were to be recorded and a radiographic description of these elaborated. Furthermore, since detailed descriptions of the surgical procedure were not available, the ventral mandibular trepanation for extraction of diseased mandibular incisors in guinea pigs were to be described in a comprehensible way and the clinical outcome evaluated. In the first study, patient data from 131 guinea pigs with clinically and radiographically confirmed dental disease (laterolateral, oblique, rostrocaudal, dorsoventral and isolated views of the mandible and maxilla) were analysed retrospectively. Each tooth was radiographically evaluated and documented as changed if there was a change in tooth width, tooth structure, periodontal ligament space, lamina dura of the alveolar bone and, in the case of incisors, the pulp cavity. Special focus was placed on tooth expansion (= macrodontia). The second publication illustrates the surgical procedure of ventral mandibular trepanation for extraction of diseased guinea pig mandibular incisors. In addition, the patient data of 40 guinea pigs treated for primary mandibular incisor disease using the method described were retrospectively evaluated in terms of the indication for extraction and the clinical outcome. The first study revealed that the majority of all guinea pigs with dental disease (89% = 116/131) had at least one macrodont. More than half of the altered teeth (58% = 246/422) were macrodonts. A total of 54 incisors and 192 molars were classified as macrodonts based on their radiographically detectable expansion. Mainly mandibular incisors (87% = 47/54) and the cheek teeth of the last two tooth positions (91% = 175/192) were affected by macrodontia. Furthermore, it was documented that 97% of all macrodonts (238/246) showed a structural loss in addition to the partly imposing expansion. Changes in the periodontal ligament space were found in 76% (118/246) of the macrodonts. The lamina dura of the alveolar bone was altered in 46% (113/246) of cases. Pulp cavity abnormalities were present in 80% (43/54) of incisor macrodonts. The second study revealed that a total of 42 mandibular incisors were extracted via ventral mandibular trepanation. Macrodonts were the main reason for extraction (25/42), followed by periapical and alveolar lesions (8/42). Tooth residues of unclear origin (4/42), as well as those following a failed conventional extraction attempt (3/42) and traumatic tooth loosening (2/42) were present to a much lesser extent. Jaw abscesses associated with an incisor to be extracted were present in 40% (16/40) of cases. In 40% (16/40) of guinea pigs, the incisor disease was the underlying cause of secondary elongation of cheek teeth requiring treatment. In all patients, complete extraction of the altered mandibular incisors was possible. Both independent feed intake and discharge to home care were documented after an average of two days. Healing was observed after an average of 39 days (minimum 9 days, maximum 98 days). The differentiation according to the presence of a jaw abscess yielded an average convalescence time of 47 days for patients with a jaw abscess compared to patients without a jaw abscess (34 days). However, the presence of a jaw abscess had no noticeable influence on the healing rate. Six months after surgery, no further tooth-associated complaints were observed in the remaining 22 patients. Correspondingly, the present thesis was able to demonstrate that macrodontia occurs much more frequently than previously documented and represents a common radiographic finding in guinea pigs with dental disease, which is characterised by expansion and structural loss of the teeth. Furthermore, it was shown that complete extraction of diseased mandibular incisors via ventral trepanation of the mandible is possible and thus represents a curative procedure with good healing prognosis.

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