Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Ein Vergleich von Klauendiagnosen bei lahmen Milchkühen aus Herden mit und ohne dem chronischen Krankheitsgeschehen

2012 wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) das Projekt „Bedeutung von Clostridium botulinum bei chronischem Krankheitsgeschehen“ in Auftrag gegeben. Es sollte klären, ob Clostridium botulinum der Auslöser für das „Chronische Krankheitsgeschehen“ ist. Das Projekt war eine Fall-Kontroll-Studie. Betriebe mit einer längerfristig gestörten Herdengesundheit wurden als Fall-Betriebe (F) und Betriebe ohne Herdengesundheitsprobleme wurden als Kontroll-Betriebe (K) eingestuft. Fallbetriebe mussten mindestens drei von fünf Kriterien aufweisen: Milchleistungsabfall, erhöhte Abgangsraten, erhöhte Anzahl von Todesfällen und Euthanasien, vermehrt festliegende Tiere (ohne Milchfieber als Ursache) sowie den Eindruck eines vermehrten Krankheitsaufkommens. Kontrollbetriebe durften keines dieser Kriterien aufweisen. Fallbetriebe wurden nochmals in Fall-1- und Fall-2-Betriebe unterteilt. Fall-1-Betriebe waren solche, welche keinerlei Impfungen gegen Clostridien durchgeführt hatten. Fall-2-Betriebe hatten gegen Clostridien, allerdings nicht gegen Clostridium botulinum geimpft. Im Rahmen dieser Studie fiel unter anderem auf, dass in den Studienbetrieben unabhängig vom Fall- Kontroll-Status sehr viele Kühe lahmten. Außerdem war im Vorfeld dieser Studie postuliert worden, dass Tiere mit dem chronischen Krankheitsgeschehen eine typische Art von Lahmheit zeigen. Deshalb sollte in der vorliegenden Studie untersucht werden, ob sich die Verdachtstiere von Kontrollbetrieben hinsichtlich der Häufigkeit, der Verteilung und der Ausprägung von Klauenerkrankungen von den Verdachtstieren der Fallbetriebe unterscheiden. Außerdem sollten eventuelle Beziehungen zwischen dem Auftreten von Klauenerkrankungen und Management-, Haltungs- und Fütterungsfaktoren ermittelt werden und die Fragestellung geklärt werden, ob sich diese eventuellen Beziehungen zwischen Kontroll- und Fallbetrieben unterscheiden.

Folgende Ergebnisse wurden erzielt:

Klauengesundheit:

Die untersuchten Kühe der Kontrollbetriebe wiesen im Mittel 10,2 Klauenerkrankungen pro Tier auf, die der Fall-1-Betriebe im Mittel 11,1 und die der Fall-2-Betriebe im Mittel 11,6 Klauenerkrankungen pro Tier. Damit hatten die untersuchten Kühe der Kontrollbetriebe statistisch signifikant weniger Klauendiagnosen pro Tier als die untersuchten Kühe der Fallbetriebe. Dermatitis interdigitalis, Klauenrehe und Dermatitis digitalis wurden mit hoher Häufigkeit festgestellt (44,4 bis 82,0 %). Das Rusterholz´sche Sohlengeschwür, Limax, konkave Dorsalwand, Verfärbung im Sinne von Sohlenblutung, Doppelte Sohle und Phlegmona interdigitalis wurden mit mittleren Häufigkeiten festgestellt (14,0 bis 47,5 %). Seltener wurden axiale Wandbeschädigungen und Klauensohlengeschwüre festgestellt (2,0 bis 11,2 %). Dermatitis interdigitalis, das Rusterholz´sche Sohlengeschwür, Doppelte Sohle und Sohlenblutung traten bei den untersuchten Kühen insbesondere in den Fall-2-Betrieben in der Regel statistisch signifikant häufiger auf als in den Kontrollbetrieben. Den Grad der Ausprägung der verschiedenen Klauenerkrankungen betreffend wurden keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Fall- und Kontrollbetrieben festgestellt.

Managementfaktoren:

Die Kontrollbetriebe hatten statistisch signifikant mehr Arbeitskräfte als die Fallbetriebe. Arbeiteten auf den Betrieben mehr als drei Arbeitskräfte, wiesen die Studientiere bei einer Anzahl von unter 80 oder über 120 laktierenden Kühen statistisch signifikant weniger Klauendiagnosen auf als bei weniger Arbeitskräften. Bei einer Anzahl von 80 bis 120 laktierenden Kühen traten allerdings mehr Klauenerkrankungen pro Kuh auf, wenn sich mehr als drei Arbeitskräfte um die Kühe kümmerten. Wurde die Bestandsklauenpflege vom Klauenpfleger und Tierarzt durchgeführt, wiesen die Studientiere statistisch signifikant weniger Klauendiagnosen pro Tier auf, als wenn die Klauenpflege vom Klauenpfleger und vom Landwirt durchgeführt wurde. Waren die Klauenpflegespuren frisch, wiesen die Kühe statistisch signifikant weniger Klauendiagnosen pro Tier auf als bei älteren oder fehlenden Klauenpflegespuren. Hatten die Studientiere flache Ballen, so wurden statistisch signifikant mehr Klauendiagnosen festgestellt als bei ausreichender Ballenhöhe.

 

Haltungsfaktoren:

In den Fall-2-Betrieben gab es signifikant mehr Kühe mit deutlichen Integumentschäden, die auf Mängel in der Liegeflächengestaltung hindeuteten, als in den Kontrollbetrieben. Der Kuh-Komfort-Index war in den Fallbetrieben statistisch signifikant niedriger als in den Kontrollbetrieben. Es gab statistisch signifikant mehr Fallbetriebe als Kontrollbetriebe, die bei Vorhandensein von Tiefboxen keine Einstreu in den Liegebuchten hatten. Wurde keine

Einstreu auf den Liegeflächen benutzt, wiesen die Kühe statistisch signifikant mehr Klauendiagnosen pro Tier auf als bei der Nutzung von Stroh, Strohmehl, Sägemehl oder sonstiger Einstreu. Häckselstroh benutzten die Fall-2-Betriebe statistisch signifikant seltener als die Fall-1- und die Kontrollbetriebe. Die Fall-2-Betriebe hatten statistisch signifikant seltener eine Einstreu- bzw. Gummimatratze als die Kontrollbetriebe. Weidegang hatte keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Anzahl der Klauendiagnosen pro Tier. Die Kühe der Fall-2-Betriebe wiesen statistisch signifikant häufiger eine befriedigende bis schlechte Verschmutzungsbonitur der Euter auf als die Kühe der Kontrollbetriebe. Die Kühe der Fall-1- und Fall-2-Betriebe wiesen statistisch signifikant häufiger eine befriedigende bis schlechte Verschmutzungsbonitur der Beine und der Flanke auf als die Kontrollbetriebe. War das Tier-Fressplatz-Verhältnis > 1,50, wiesen die Kühe statistisch signifikant mehr Klauendiagnosen pro Tier auf, als wenn das Tier-Fressplatz-Verhältnis bei < 1,25 lag.

Fütterungsfaktoren:

Die Energiedichte des Grobfutters, die Energiedichte der Ration bei durchschnittlicher Milchleistung, das Vorhandensein von mindestens einer Silage mit mikrobiologischen Abweichungen, der Anteil an Kühen mit einem F-E-Quotienten ≤ 1 oder der Anteil an Kühen mit einem Fettgehalt ≤ 3 % hatten in dieser Untersuchung keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Anzahl der Klauendiagnosen pro Tier. Der einzige untersuchte Fütterungsparameter, der einen Einfluss auf die Anzahl an Klauendiagnosen pro Tier hatte, war die Gestaltung der Trockensteherfütterung. Bei einer zweiphasigen Trockensteherfütterung wiesen die Kühe statistisch signifikant mehr Klauendiagnosen pro Tier auf als bei einer einphasigen Trockensteherfütterung (11,1 vs. 10,1).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass aus den vorliegenden Ergebnissen bezüglich der Ausprägung der Klauenerkrankungen und des Gangbildes der untersuchten Tiere keine für den sogenannten viszeralen Botulismus bzw. für das chronische Krankheitsgeschehen typische Lahmheit abgeleitet werden konnte. Diese Studie zeigt allerdings deutlich, dass es hinsichtlich Haltung, Fütterung und Management verschiedene Parameter gab, die Einfluss auf die Klauengesundheit und das Auftreten von Lahmheit haben. Es ist auffällig, dass die Studientiere der Kontrollbetriebe weniger Klauenerkrankungen aufwiesen als die Studientiere der Fallbetriebe. Dies kann damit erklärt werden, dass die Kontrollbetriebe in verschiedenen Bereichen der Haltung, Fütterung und des Managements besser waren als die Fallbetriebe. Somit gibt diese Studie Hinweise darauf, dass verschiedene Haltungs-, Fütterungs- und Managementkomponenten ursächlich für das sogenannte chronische Krankheitsgeschehen sind.

Schlussendlich ist aber auch zu vermerken, dass sowohl in den Kontroll- als auch in den Fallbetrieben zu viele lahme Kühe vorzufinden waren. Es ist zu vermuten, dass die Landwirte aus Kostengründen und Zeitmangel zu selten Klauenpflege betreiben und dass nötige Klauenbehandlungen in zu geringem Ausmaß stattfinden. Es ist Aufgabe der Tierärzte und Berater, die Landwirte hinsichtlich der Wichtigkeit der Klauenpflege zu sensibilisieren, damit die Klauenpflege sowie die Klauenbehandlungen in regelmäßigen Abständen von versierten Personen korrekt durchgeführt werden. Auch hinsichtlich der Haltung, der Fütterung und des Managements können die meisten Betriebe noch vieles optimieren, um die Gesundheit ihrer Kühe zu verbessern. Es erscheint sinnvoll, dass die betroffenen Betriebe gemeinsam mit ihrem Hoftierarzt und evtl. anderen Beratern eine betriebsindividuelle Analyse der Risikofaktoren erstellen und anhand derer eine schrittweise Optimierung der betroffenen Faktoren planen und durchführen.

On behalf of the Federal Ministry of Food and Agriculture, the research project „Importance of Clostridium botulinum for chronic disease process in dairy cattle“ was launched in 2012. This study should clarify whether or not Clostridium botulinum could be a trigger of „Chronic Disease“. The project was a case-control study. Farms with long-lasting herd health problems were classified as case-farms (F). Farms without herd health problems were classified as control-farms (K). Case-farms had to fulfill at least three of five criteria: a decreased milk yield, an increase in deaths and euthanasia, an increased culling rate, an increase in cases of downer cows (except for hypocalcaemia) and the subjective impression regarding an increase in chronic diseases in the herd. Control-farms (K) were not allowed to have any those criteria. Case-farms were additionally divided in case-1- and case-2-farms. Case-1-farms did not vaccinate their herds against Clostridia spp., while case-2-farms used vaccination against diseases caused by Clostridia spp. except Clostridium botulinum. One result of this case-control study was that many of the examined dairy farms had a high frequency of lame cows. Additionally, in advance of this study, it was postulated that dairy cows with „Chronic Disease“ showed a typical lameness. Therefore, the following study should examine, if there were differences between the examined animals on control-farms and case-farms concerning the frequency, distribution or specificity of claw diagnoses. Futhermore, associations between claw diagnoses and management, housing, feeding and the case-control-status were evaluated, respectively.

Results

Claw health:

Examined cows in control-farms, case-1-farms and case-2-farms showed on average 10.2, 11.2 and 11.1 claw diagnoses per animal, respectively. Thus, in the examined cows in control-farms statistically significant less claw diagnoses were found compared with the examined cows in the case-farms. With regard to diagnoses found on the hind legs, high frequencies (44.4 bis 82.0 %) were recorded for interdigital dermatitis, laminitis and digital dermatitis. Medium frequencies (14.0 bis 47.5 %) were documented for typical sole ulcer, interdigital hyperplasia, concave dorsal wall, sole haemorrhage, double sole and interdigital phlegmon. Low frequencies (2.0 bis 11.2 %) were found concerning axial horn fissure and sole ulcer. Interdigital dermatitis, typical sole ulcer, double sole and sole haemorrhage occured in the examined cows of case-2-farms statistically significant more often than in the examined animals of control-farms. Overall, concerning severity of the claw diagnoses, there was no statistically signifcant difference between case- and control-farms.

Management:

Control-farms had statistically significantly more employees than case-farms. The examined cows from farms with less than 80 or more than 120 lactating cows with more than three employees had statistically significantly less claw diagnoses compared with farms with less employees. However, in herds with 80 to 120 lactating cows, more claw diagnoses per animal occured, when the farm had more than three employees. When claw trimming was performed by professional claw trimmers and veterinarians compared with claw trimming by professional claw trimmers and farmers, statistically significantly less claw diagnoses per animal occured. Cows with fresh signs of claw trimming showed statistically significantly less claw diagnoses per animal than cows with older signs or without signs of claw trimming. Cows with flat bulbs had statistically significantly more claw diagnoses than cows with adequate bulbs.

Housing:

Case-2-farms had statistically significantly more cows with severe skin lesions at the tarsal joint, which is a sign for low bedding comfort, compared with control-farms. Cow comfort index was statistically significantly lower in case-farms than in control-farms. Case-farms had statistically significantly more often no litter in low beddings than control-farms. The examined cows in farms with no litter in the bedding area had statistically significantly more claw diagnoses than the cows from farms with litter (stray, chopped straw, sawdust, etc.) in the bedding area. Chopped straw was used statistically significantly less often in case-2-farms than in case-1- and control-farms. Case-2-farms used less often litter or rubber matresses in the bedding area than control-farms. Access to pasture had no statistically significantly effect on the number of claw diagnoses per animal. Examined cows of case-2-farms had statistically significantly more often highly dirty udders than the examined cows of control-farms. Additionally, the examined cows of case-farms had statistically significantly more often highly contaminated flanks compared with the examined cows of control-farms. With an animal-feeding space-ratio > 1.50, the examined cows showed statistically significantly more claw

diagnoses per animal compared with an animal-feeding space-ratio < 1.25.

Feeding:

Energy density in the roughage, energy density in the diets for average milk yield, existence of at least one silage with microbiological deviations, fat-protein-quotient ≤ 1 or ratio of cows with fat ≤ 3 % had no statistically significant effect on the number of claw diagnoses per animal. Concerning feeding, only the dry cow feeding system had an effect on the number of claw diagnoses per animal. With a two-phase dry cow feeding, a higher number of claw diagnoses per animal was recorded compared with one-stage dry cow feeding (11.1 vs. 10.1).

In conclusion, the present results suggest that neither the distribution of claw diagnoses, nor the way of walking and typical lameness in dairy cows with „Chronic Disease“ differed in comparison with lame cows of control farms. On the other hand, the findings of this study indicate various housing, feeding and management factors with an impact on claw health and lameness. Remarkably, the number of claw diagnoses was lower in the examined cows of the control-farms than in the examined cows of the case-farms. This could be due to the fact that control farms performed better concerning housing, feeding and management than case-farms. Therefore, this study suggests that housing, feeding and management factors might be causal for „Chronic Disease“. Finally, on both control- and case-farms, too many lame cows existed. Probably due to financial reasons and lack of time, farmers only infrequently applied claw trimming and sufficient claw treatments. Veterinarians and consultants are in duty to sensitize farmers for the importance of regular claw trimming and early treatment of lame cows which should be carried out by skilled persons. Additionally, most farms could optimize housing, feeding and management to improve herd health. It appears to be reasonable that farms with health problems perform an analysis of farm individual risk factors together with their farm veterinarian and/or other advisors to optimize the concerning risk factors step-by-step.

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