Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Häufigkeit, Entwicklung und Klassifikation des Überbisses beim Warmblutpferd

Domańska-Kruppa, Natalia GND

Von allen angeborenen Unter- und Oberkieferfehlstellungen kommt der Überbiss beim Pferd am häufigsten vor. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Häufigkeit beim Pferd zwischen zwei und fünf Prozent liegt. Abhängig vom Schweregrad der Fehlstellung des Kiefers kann sie verschiedene klinische Symptome hervorrufen. Folgen können Verletzungen und Entzündungen im Bereich der Maulschleimhaut und des harten Gaumens sein. Dies führt zu Schmerzen bei der Futteraufnahme. Die Beschwerden beim Fressen führen ohne entsprechende Therapie zur Abmagerung. Eine finanzielle Konsequenz für den Züchter eines Fohlens mit Überbiss bedeutet die deutliche Minderung des Kaufpreises eines Pferdes, das die genannte Gebissanomalie aufweist. Laut Anlage 1 der Liste der gesundheitsbeeinträchtigenden Merkmale der Zuchtverbandordnung der FN 2019 gehört jede Kieferanomalie von Stute oder Hengst zu den zuchtausschließenden Gründen. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, im Rahmen einer Reihenuntersuchung an den im selben Jahrgang geborenen Fohlen, einen Überblick über die Häufigkeit des Vorkommens, die Entwicklung und geeignete Vermessungsmethoden von Überbissen in einem großen Tierbestand zu bekommen. Ein weiteres Ziel dieser Dissertation war es, einzelne Messstrecken oder Verhältnisse von Messstrecken zueinander zu identifizieren, deren Werte eine Voraussage zulassen, ob sich der Überbiss bei einem Fohlen ohne Therapie positiv oder negativ entwickeln wird. Dazu wurde aus der Humanmedizin eine Vermessungsmethode an das Pferd adaptiert, die so genannte Kephalometrie. Hierzu wurde eine seitliche Röntgenaufnahme vom Kopf angefertigt. Eine stabile Kopfposition während der Untersuchung war entscheidend für die Qualität von direkten und röntgenologischen Messungen. Zuerst wurden Vorversuche zur physiologischen, entspannten Kopfhaltung des Fohlen durchgeführt, welche eine Antwort auf die Frage gaben, in welcher Position das Fohlen während der Messungen fixiert werden soll. Im Vorfeld der Hauptversuche mussten verschiedene Fixierungsmöglichkeiten für den Pferdekopf während der Messungen ausprobiert werden, um ein geeignetes Konstrukt zu erhalten. Um die Bedingungen für die Studie zu standardisieren, wurde das Ziel ausgesprochen, dass alle Fohlen während der Vermessung gleich positioniert werden mussten. Der Winkel zwischen der Unterseite des Kopfes und der Unterseite des Halses sollte 90 Grad betragen. Alle vier Gliedmaßen sollten senkrecht zum Boden stehen. Die Oberseite des Halses sollte horizontal zum Widerrist verlaufen. Diese Position des Fohlens wurde in der Studie als Standardposition bezeichnet. Um diese Position zu erreichten, wurde eine 90 Grad gewinkelte Auflage für den Kopfhalsbereich genutzt, um den Kephalostaten aus der Humanmedizin zu ersetzen. Die direkten Kopfmessungen wurden mit einfachen, analogen Messgeräten durchgeführt. Zur Vermessung von Strecken diente ein Maßband. Ein Profiltiefen-Messgerät ermöglichte in sehr einfacher Weise die Vermessung des Überbisses. Es wurden 13 Fohlen untersucht die innerhalb der ersten zwei Lebenswochen einen Überbiss aufwiesen. Zusätzlich wurden 13 Kontrollfohlen ausgewählt. Insgesamt wurden also 26 Fohlen in der Studie untersucht. Zuerst wurden direkte Kopfmessungen durchgeführt. Dafür wurden sieben Punkte am Kopf identifiziert, die als Referenzpunkte für Messstrecken dienten. Im Anschluss wurde die kephalometrische Untersuchung durchgeführt. Zu diesem Zweck wurde eine seitliche Röntgenaufnahme vom Kopf angefertigt. Zum auswerten des Bildes wurden definierte und reproduzierbare Referenzpunkte, Referenzlinien und Winkel eingetragen. Um die Messungen durchzuführen, wurden alle Referenzpunkte zu Referenzlinien verbunden. 9 Linien und ein Winkel wurden gezeichnet und vermessen. In der vorliegenden Studie wurde die Kephalometrie zum ersten Mal beim Pferd eingesetzt. 19 Verhältnisse von Messstrecken wurden mittels kephalometrische Kopfmessungen überpruft. Fünf davon erwiesen sich als hilfreich zur Ermittlung der Entwicklung des Überbisses. Drei Verhältnisse (Etl/ML, Mxd/Mnd und PiMn/Mnd) dienten zur Unterscheidung zwischen den Fohlen, die mit einem Überbiss geboren worden sind und bis zur Ende der Studie einen fehlerhaften Gebiss behalten haben (overjet group) und Fohlen bei deren sich Überbiss zurückentwickelt hat (negative overjet group). Zwei Verhältnisse (PiMx/PiMn und Mna/ML) waren nützlich, um die Fohlen bei deren sich Überbiss im Laufe der Studie entwickelt hat (positive control group) von der Kontrollgruppe zu unterscheiden. Es waren keine statistisch signifikanten Unterschiede des gemessenen Interinzisal Winkel zwischen untersuchten Gruppen auffindbar. Neben der Erprobung dieser kephalometrischen Methode, galt es zu untersuchen, wie sich der Überbiss bei den Fohlen bis zum Alter von 12 Monaten entwickelte. Die Prävalenz lag in der untersuchten Population von Fohlen bei 2 %. Die Studie hat bestätigt, dass auch Fohlen, die nach der Geburt eine physiologische Okklusion der Schneidezähne aufweisen, zwischen dem ersten und sechsten Lebensmonat einen Überbiss entwickeln können (31% der untersuchten Fohlen). Soweit im internationalen Schrifttum recherchierbar, es wurde zum ersten Mal beschrieben, dass sich diese Fehlbildung bis zum Alter von 12 Monaten spontan zurückentwickeln kann (69% der untersuchten Fohlen). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie können Tierärzten und Pferdebesitzern helfen, Entscheidungen bezüglich der Notwendigkeit einer chirurgischen Therapie zu treffen. Kritisch muß hierbei jedoch die kleine Fallzahl der untersuchten Tiere in der vorliegenden Studie betrachtet werden. Abschließend können die verwendeten Vermessungsmethoden (direkte und kephalometrische Kopfmessungen) als nützlich für die Erforschung der Entwicklung des Überbisses beim Warmblutpferd angesehen werden.

Out of all congenital maxillary and mandibular misalignments, overjet is the most frequently occurring congenital malocclusion in horses. Many studies show that the prevalence of overjet in the equine population is between 2 to 5 %. Dependent on the severity of the malocclusion, affected horses can suffer from diverse clinical consequences, such as injuries of oral mucosa and the hard palate behind the maxillary incisors. Related pain during food uptake can lead to excessive weight loss as a long-term consequence. Overjet is also aesthetically undesirable in foals, implying price reduction at sales. Because there is a possibility that the condition might be hereditary, some breeders’ associations exclude affected stallions and mares from breeding. The aim of this study was to develop a method for evaluating longitudinal changes in skull bone relations in Warmblood foals with and without overjet, and to estimate the prevalence of overjet in the investigated horse population. Furthermore, an attempt was made to identify the measuring cephalometric lines to investigate if overjet develops or resolves in untreated foals. The crucial diagnostic tool used in human orthodontics to investigate overjet behavior is cephalometric analysis. We adopted human cephalometric methods for evaluating overjet development in foals. The cephalogram used for this procedure is a two-dimentional, lateral x-ray image of the skull. A standardized, reproducible head position was essential for both, direct and cephalometric measurements. Preliminary research was carried out to determine the optimal neutral, comfortable head and neck position for incisor measurements and head radiography. Additionally, pilot investigations were performed to create the optimal head-holding device to standardize the conditions during all measurements. Based on the preliminary study of the foal's body position, the standard examination position was described as the angle between the ventral margin of the mandible and the ventral border of the neck (90˚), where the forelimbs are vertical to the ground, the top of the neck is horizontal to the withers and the mouth of the foal is at the level of the elbow. A custom-made head-holding device was developed to replace a cephalostat used in human cephalometric research. The direct linear head measurements were obtained with a retractable measuring tape. Overjet measurements were made using a tire tread depth gauge. 13 foals diagnosed with overjet at two weeks of age were investigated. Simultaneously 13 foals were chosen for the control group. A total of 26 foals were examined in the study. First, direct head measurements were carried out. For this, seven palpable structures on the foal's head were used as reference points to obtain the linear measurements. Subsequently, cephalometric investigation was performed. Laterolateral radiographs were obtained for this purpose. Each radiograph was analyzed according the same procedure. Thirteen landmarks were connected to create nine cephalometric lines. Additionally to those measuring lines, one angle was determined on each radiograph. The present study is the first age-dependent cephalometric study performed in horses. The values measured were used to create 19 measurements ratios for comparison of foals' heads using cephalometry. Five of the ratios that were tested proved to be helpful in analyzing the progression or resolution of the overjet in the foals examined. Three ratios (Etl/ML, Mxd/Mnd and PiMn/Mnd) were shown to be useful to differentiate foals born with overjet in which the malocclusion persisted (overjet group) and foals in which the overjet resolved during the study period (negative overjet group). Two ratios (PiMx/PiMn and Mna/ML) were helpful when comparing the positive control group, which developed overjet during the study with the control group. The measurements of the interincisal angle didn't show any significant differences between the groups. In addition to testing the cephalometric method in horses it was also possible to follow overjet development by the foals within the first 12 months of life. The prevalence of overjet in the foal population investigated in this study was 2 per cent. The present study confirms that foals born with normal incisor alignment can develop overjet between the first and sixth month of age (31% of the investigated foals). Furthermore, this is the first report to describe spontaneous regression of overjet within the first 12 months of life (69% of the investigated foals). Our findings could help clinicians and horse owners to make more informed decisions about the optimal time to perform surgical intervention. A limitation of this study is the small number of the foals affected. Finally, both measurement methods used in the study (direct and cephalometric head measurements) proved to be useful to monitor overjet development in Warmblood foals.

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Domańska-Kruppa, N., 2020. Häufigkeit, Entwicklung und Klassifikation des Überbisses beim Warmblutpferd. Hannover.
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