Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Status-quo der Eutergesundheit und Analyse eines modifizierten Beratungsprojekts zur Verbesserung der Herdengesundheit in ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben

Hansmann, Verena K.

Trotz vermehrter Bemühungen der Landwirte im ökologischen Landbau, Krankheiten in der Tierhaltung durch die Einhaltung von besonderen Regularien und Verordnungen zu vermeiden, konnte in der ersten, deskriptiven Studie festgestellt werden, dass die Eutergesundheitssituation in Milchviehherden von ökologisch wirtschaftenden Betrieben in Norddeutschland ein wesentliches Problem darstellt. Für diese Studie wurden über einen Zeitraum von fünfeinhalb Jahren Daten der Milchleistungsprüfungen sowie monatliche Aufzeichnungen der Betriebsleiter aus 102 Betriebsjahren monatlich ausgewertet und schließlich Jahresmittelwerte bestimmter Eutergesundheitsvariablen auf Herdenebene ermittelt. Die Ergebnisse der ersten Studie erlauben die Feststellung, dass die Eutergesundheitssituation in norddeutschen Milchviehherden aus Betrieben, die nach ökologischen Prinzipien wirtschaften, überwiegend vergleichbar mit der von Milchviehherden des konventionellen Landbaus ist. In einigen Parameter kristallisierte sich sogar eine schlechtere Tendenz im Vergleich zu konventionellen Herden heraus, obwohl das Erreichen und die Aufrechterhaltung eines hohen Maßes an Tiergesundheit und Tierwohl wesentliche Ziele im ökologischen Landbau darstellen (Verordnung (EG) Nummer 834/2007). Dass das Erreichen eines hohen Niveaus bestimmter Eutergesundheitsparameter durchaus auch im ökologischen Landbau möglich ist, zeigt die hohe Spannweite einiger Eutergesundheitsvariablen in der ersten Studie. Es konnte festgestellt werden, dass in einigen Milchviehherden beispielsweise Neuinfektionen während der Trockenstehphase, Färsenmastitiden sowie unheilbar chronische Mastitiden nahezu ausblieben und teilweise eine hohe Heilrungsrate der Mastitiden während der Trockenstehphase erreicht werden konnte. Dass dies jedoch nicht der Regelfall war, zeigen, wie bereits erwähnt, die Ergebnisse der ersten Studie. Insbesondere die Neuinfektionsrate während der Trockenstehphase, die Inzidenz klinischer Mastitiden sowie die Färsenmastitisrate stellten kritische Punkte in der Eutergesundheit der teilnehmenden Betriebe dar. Diese teilweise ernüchternden Ergebnisse der ersten Studie entsprechen nicht den Erwartungen der Verbraucher an den ökologischen Landbau. Um sowohl die Verbrauchererwartungen, als auch die von den Landwirten eigens formulierten Ansprüche an den ökologischen Landbau und die anspruchsvollen Forderungen der Verordnung (EG) Nummer 834/2007 bezüglich Tiergesundheit als auch Tierwohl zu erfüllen, sind Betriebsleiter im ökologischen Landbau dazu angehalten, die Eutergesundheit in ihren Milchviehherden zu verbessern. Besondere Herausforderungen hinsichtlich der Eutergesundheit in Milchviehherden des ökologischen Landbaus stellen unter anderem das geforderte organische Einstreumaterial in Liegeboxen, die längere Nutzungsdauer der Tiere und folglich ein fortgeschrittenes Herdenalter, das hohe Erstkalbealter sowie die eingeschränkte Anwendung von antibiotikahaltigen Tierarzneimitteln dar. Trotz des Grundprinzips, in der ökologischen Tierhhaltung die Anwendung phytotherapeuthischer oder homöopathischer Mittel zu präferieren, um Leiden und Schmerzen der Tiere zu verringern, und nur dann auf allopathische Arzneimittel zurückzugreifen, wenn andere Mittel keinen Erfolg versprechen, wurden klinische Mastitiden in etwa zu gleichen Teilen entweder mit homöopathischen Mitteln oder mit Antibiotika therapiert. Eine kombinierte Anwendung beider Mittel fand in den teilnehmenden Betrieben selten statt. Auch beim Trockenstellen ähnelten sich die Raten von einer Behandlung mit homöopathischen Mitteln oder mit antibiotischem Trockensteller. Jedoch war der Anteil der mit Zitzenversieglern trockengestellten Tiere bei den teilnehmenden Betrieben mindestens doppelt so groß. Dies macht die Bemühungen einiger Betriebsleiter deutlich, Neuinfektionen während der Trockenstehphase möglichst zu verhindern. Doch die in der ersten Studie ermittelte hohe Rate von Neuinfektionen während der Trockenstehphase zeigt, dass dieser Versuch allein nicht ausreicht, um die Entstehung von Mastitiden während dieser Periode zu verhindern. Vielmehr sind Optimierungsmaßnahmen vor allem in den Bereichen der Haltung, der Melkhygiene und des Gebrauchs von erfolgreichen (alternativen) Therapiemöglichkeiten erforderlich, um die Eutergesundheitssituation auf ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben nicht nur während der Trockenstehphase, sondern auch während der Laktation zu verbessern. Eine vielversprechende Möglichkeit zur Verbesserung der Herdengesundheit bietet die Teilnahme in modifizierten „Stable Schools“, deren Akzeptanz unter anderem in einer zweiten Studie untersucht wurden. Im Rahmen von modifizierten „Stable Schools“ trafen sich im Projektzeitraum von Juli 2011 bis Dezember 2016 jährlich zwischen 15 und 25 Betriebsleiter, die vergleichbare Betriebe bewirtschafteten, sowie wechselnde „Experten“ mit besonderem Fachwissen regelmäßig aufgeteilt in drei Gruppen rotierend auf den teilnehmenden Betrieben. Die jährlichen Treffen dienten zum einen der gemeinsamen Besprechung von aktuellen Betriebsdaten und zum Erkennen von Problembereichen der Herdengesundheit der teilnehmenden Betriebe, als auch der gemeinsamen Erarbeitung von betriebsspezifischen Lösungsansätzen zur Optimierung der Herdengesundheit, die schließlich schriftlich in sogenannten Herdengesundheitsplänen festgehalten wurden. Durch die Auswertung von Rückmeldungen der Betriebsleiter während der Treffen, der Aufzeichnungen, die im Rahmen der Treffen gemacht wurden sowie von anonymen Fragebögen konnten in einer zweiten Studie die Haltung von Betriebsleitern ökologischer Milchviehbetriebe zu derartigen Beratungstreffen, ihre Einschätzung zur Teilnahme von wechselnden „Experten“ an den jährlichenTreffen sowie wichtige Eigenschaften von Ratschlägen ermittelt werden, die für deren Auswahl zur Umsetzung auf einem Betrieb ausschlaggebend sind. Die Einbindung von externen Personen bei den Treffen auf einem Betrieb hat sich bewährt, da externe Personen Betriebsabläufe und das Betriebsumfeld objektiver betrachten als die jeweiligen Betriebsleiter selbst. Die Teilnahme von „Experten“ an derartigen Treffen wurde im Vorfeld kritisiert. Doch im Gegensatz zu Befürchtungen anderer Autoren empfanden die teilnehmenden Betriebsleiter die Anwesenheit von „Experten“ an derartigen Treffen nicht als einschüchternd, sondern hoben die Wichtigkeit des Austausches von Erfahrungen und Erkenntnissen mit „Experten“ hervor. Zudem führte es zu einer Steigerung ihres Selbstvertrauens, wenn Ratschläge der Betriebsleiter von den „Experten“ bezüglich fachlicher Korrektheit, Effektivität und Umsetzbarkeit bestätigt wurden. Außerdem halfen die „Experten“ den Betriebsleitern durch detaillierte Erläuterungen dabei, betriebsspezifische Daten und deren Zusammenhänge sowie deren Auswirkungen auf den Betrieb zu verstehen. Dabei gefiel den Betriebsleitern insbesondere die Auswahl sowie Präsentation der Daten im Rahmen der regelmäßigen Treffen, sowohl im direkten Vergleich zu vorangegangenen Betriebsjahren und -monaten, als auch im Vergleich zu den Daten der anderen Betriebe der Gruppenmitglieder. Der direkte Vergleich mit Daten anderer Betriebe motivierte dabei die teilnehmenden Betriebsleiter, gewisse Betriebsabläufe zu optimieren um die betriebsspezifischen Ziele zu erreichen. Der Datenvergleich mit den Vorjahren und vorherigen Monaten konnte dabei helfen, Entwicklungen der Herdengesundheit frühzeitig festzustellen, auch wenn diese dem Betriebsleiter in der Herde noch nicht aufgefallen waren. Somit konnte durch die Etablierung von speziellen Maßnahmen der Entstehung von Problemen in der Eutergesundheit frühzeitig entgegen gewirkt werden. Durch die Evaluierung anonymer Fragebögen im Winter 2016/2017 stellte sich heraus, dass Ratschläge vor allem dann zur Implementierung auf dem Betrieb zur Verbesserung der Herdengesundheit ausgewählt werden, wenn sie prakikabel umsetzbar, effektiv sowie wirtschaftlich effizient sind und die tägliche Arbeitslast nur wenig steigern. Dabei wählten die Betriebsleiter überweigend Maßnahmen zur Umsetzung auf ihren Betrieben aus, die entweder nur die „Experten“ vorgeschlugen oder jene, die zunächst von den Betriebsleitern gemacht wurden und im Anschluss von dem jeweiligen „Experten“ bestätigt wurden. Das Vertrauen in die wechselnden „Experten“ bezüglich der fachlichen Einschätzung, Notwendigkeit, Effektivität sowie Umsetzbarkeit der vorgeschlagenen Ratschläge schien dabei größer zu sein als zu den Berufskolleginnen und -kollegen. Die Ergebnisse der zweiten Studie liefern nützliche Hinweise zur zukünftigen Gestaltung von Beratungsprojekten im Milchviehsektor des ökologischen Landbaus. Doch trotz durchweg positiver Einstellungen der Betriebsleiter zur Teilnahme an derartigen Treffen einschließlich wechselnden „Experten“ und vieler genannten Vorteile, die die Teilnahme wechselnder „Experten“ an solchen Treffen mit sich bringt, sollten in Zukunft weitere Studien durchgeführt werden, um den Effekt einer Kombination aus „Wissenschaft“ und Praxis durch die Einbringung von „Experten“ in eine Gruppe von Berufskolleginnen und -kollegen auf die Entwicklung der Herdengesundheit, beispielsweise der Eutergesundheit, zu überprüfen.

Despite special efforts of farm managers in organic farming to prevent diseases of animals by complying with specific regulations, the findings of the first and descriptive study demonstrate that the udder health of organic dairy farms in Northern Germany is a major issue. For this study data of dairy herd improvement tests as well as monthly written records of farm managers of 102 farm years were evaluated during a study period of five and a half years. These data were assessed monthly and finally yearly means of udder health parameters on herdlevel were calculated. The results of the first study show that the udder health of organic dairy herds in Northern Germany is mostly comparable to the udder health in conventional dairy herds or tends to be even worse in some aspects although the aim of obtaining and maintaining a high level of animal health and welfare is clearly stipulated in Council Regulation (EC) No. 834/2007 . In particular, the new intramammary infection rate during the dry period, the heifer mastitis rate as well as the incidence of clinical mastitis turned out to be critical issues of udder health in the organic dairy herds of the participating farms. The partly sobering findings of the first study are not in accordance with the consumers´ expectations of organic farming. To meet the consumers´ expectations on the one hand as well as the farmers´ self-formulated high claims on organic farming and the high demands concerning animal health and welfare clearly stipulated in the Council Regulation (EC) No. 834/2007 farm managers of organic dairy farms have to enhance the udder health situation on their farms. That achieving a high level of udder health in certain aspects is also possible in organic dairy farming is shown by the high variability of some udder health variables in the first study. It was found out that in some dairy herds for example new intramammary infections during the dry period, heifer mastitis, or chronic subclinical mastitis did not occur and a high cure rate of intramammary infections during the dry period could be achieved. However, this was not the rule, as already mentioned in the findings of the first study, where especially the requested organic bedding material in lying areas, the demanded longer lifetime of cows resulting in a high herd age as well as a high first calving age and the restricted use of antibiotic remedies represent - amongst others - special challenges for the udder health in organic dairy farming. Despite of the basic principle in organic farming to prefer the application of herbal or homeopathic remedies to avoid suffer and pain of the animals and to use allopathic remedies only if other remedies do not promise success, clinical mastitis was treated in approximately equal amounts with homeopathic or antibiotic remedies in the first study. A combination of both remedies was rarely used to cure clinical mastitis. Furthermore, a nearly similar treatment rate with homeopathic or antibiotic remedies at the beginning of the dry period was also detected in the first study. However, the amount of cows which were administered internal teat sealants was at least twice as high. This fact highlights the efforts of some farm managers to prevent new intramammary infections during the dry period. But the high rate of new intramammary infections during the dry period of the first study underlined that this alone, however, is not sufficient. To promote the udder health of organic dairy herds not only during the dry period but also during lactation improvements are necessary, especially in housing conditions, milking hygiene and the usage of successful (alternative) therapy options. The participation of farm managers in modified “Stable Schools” constitutes one opportunity to get measures and advice for the of improvement of herd health. To what extent these modified “Stable Schools” were accepted by the farmers was verified - among other questions - in a second study. In these modified “Stable Schools” between 15 and 25 farm managers managing comparable farms and divided into three groups together with changing “experts” having specialist knowledge in specific fields of herd health met annually on various host farms during the study period from July 2011 until December 2016. These annual meetings served the purpose of a common discussion of current farm data on the one hand as well as the identification of issues of herd health and a common development solutions to be proposed. These proposals were written down in so called “herd health plans” to improve herd health. By evaluating the farm managers´ feedback during the meetings as well as written records and anonymous questionnaires the attitude of the farm managers of organic dairy farms towards those modified “Stable Schools” and their opinion about the participation of changing “experts” in their meetings was evaluated in a second study. In addition it could be determined which properties of the proposed measures were important so that these measures were chosen for implementation on the farms. The meeting of external persons on host farms has proven successful as external persons perceive working processes and the working environment on a farm more objectively than farm manager themselves. The participation of “experts” in these meetings had previously been criticized. But contrary to the concerns expressed in previous studies the participating farm managers did not feel intimidated when an “expert” participated in the annual meetings. On the contrary, farm managers highlighted the importance of the exchange of knowledge and experience with the “experts”. Moreover, farmers felt more confident after an “expert” had approved their measures concerning correctness, usefulness, effectiveness, and practicability. Furthermore, the “experts” helped the farm managers to understand the meaning and correlation of farm specific data as well as their impact on the farm as they explained the data in detail. The farm managers appreciated the selection of data and their presentation during the annual meetings, not only of farm data in contrast to previous farm years and months but also in contrast to the data of farms of group fellow farmers. The benchmarking with other farms motivated the participating farmers to implement changes on their farms to achieve their aims. Furthermore, presenting farm data of the previous years and months helped the farm managers to detect tendencies of herd health parameters even if they had not yet noticed this development in their herds. Thus, the early detection of negative developments of certain herd health parameters helped to prevent herd health issues by implementing adequate measures at an early stage. The evaluation of the anonymous questionnaires in winter 2016/2017 highlighted that to be chosen for the implementation on organic dairy farms to improve herd health the proposed measures should be practical, effective and efficient (business-related) and should involve only little additional daily workload. Measures which were suggested by “experts” only as well as measures which were proposed by farm managers first and later approved by an “expert” were chosen by the farm managers for implementation more frequently than measures given by the fellow farmers exclusively. The confidence in the changing “experts” regarding the necessity, the correctness, as well as the effectiveness and feasibility of proposed measures seemed to be greater for choosing measures for implementation than the trust in the fellow farmers. The results of the second study provide useful information for the future design of consulting services. Despite of a throughout positive attitude of the participating farm managers towards the modified “Stable School”, including the benefits of changing “experts” participating in those meetings, further studies should be conducted to determine whether the combination of research and practice by bringing in “experts” on various herd health topics to a group of farm managers can improve herd health.

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Hansmann, V., 2020. Status-quo der Eutergesundheit und Analyse eines modifizierten Beratungsprojekts zur Verbesserung der Herdengesundheit in ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben. Hannover.
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