Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Neue Erkenntnisse zu Tierschutzaspekten in der Schweinehaltung unter Einbeziehung planimetrischer und ethologischer Methoden

Fels, Michaela

Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, neue Aspekte und Ansätze zur Bewertung und Optimierung der Tiergerechtheit in der Schweinehaltung wissenschaftlich zu beleuchten, wobei der Fokus auf die bauliche und soziale Haltungsumwelt der Tiere gelegt wurde. Hinsichtlich der baulichen Haltungsumwelt wurden die Faktoren Flächen- und Beschäftigungsangebot herausgestellt, während sich Untersuchungen zur Gruppenhaltung ferkelführender Sauen sowie Analysen zum Aufbau des Sozialgefüges in Ferkelgruppen mit der sozialen Haltungsumwelt beschäftigten. Die Erprobung eines neuartigen Parameters zur Detektion von chronischem Stress bei Schweinen schloss Auswirkungen der baulichen und sozialen Haltungsumwelt auf die Tiere mit ein. Planimetrische Analysen des statischen Flächenbedarfs von Aufzuchtferkeln verschiedener Alters- und Gewichtskategorien ermöglichten eine Evaluierung gängiger Mindestflächenvorgaben auf Basis der Ermittlung der für die Körperdimensionen der Tiere benötigten Bodenflächen (Tierflächen). Die daraus ableitbare Quantifizierung der nach (gesetzlichen) Mindestvorgaben abzüglich der Tierflächen verbleibenden Freifläche, welche für artspezifisches Verhalten genutzt werden kann, stellt einen bedeutenden Parameter zur Bewertung der Tiergerechtheit eines Haltungssystems dar. So wurde durch präzise, bildbasierte und automatisierte Messungen anhand eigens für diese Fragestellung entwickelter Algorithmen sowohl der statische Flächenbedarf von Einzeltieren als auch von Tiergruppen ermittelt. Hierbei zeigte sich, dass gemäß der (gesetzlichen) Mindestflächenanforderungen verschiedener Länder zwar stets ein über den statischen Platzbedarf hinausgehendes Flächenangebot gewährt wird, dessen Dimensionen jedoch in vielen Fällen sehr gering ausfallen. So steht beispielsweise Tieren in der EU in einem Gewichtsbereich von 10 kg bis 20 kg in Gruppen zu acht Tieren lediglich eine mittlere Freifläche von 0,4 m2 in der Bucht zur Verfügung. Somit erscheint es fraglich, ob artspezifische Verhaltensweisen, wie die Trennung von Kot-/Urinbereichen und Liegeplatz oder die Einhaltung von Individualdistanzen, bei einer derartigen Flächenrestriktion noch ausgeführt werden können. Während aus planimetrischen Analysen keine konkreten Empfehlungen für die pro Tier in einem Haltungssystem anzubietende Fläche abgeleitet werden können, da die über den statischen Flächenbedarf hinaus benötigte Freifläche nicht beziffert werden kann, ist die Nutzung der Daten für Bereiche, in denen die anzubietende Freifläche von untergeordneter Bedeutung ist, unmittelbar möglich. Dies gilt sowohl für den Flächenbedarf auf Transportfahrzeugen als auch im Ferkelnest. So ergaben die Ergebnisse der planimetrischen Vermessungen von liegenden Saugferkeln die Empfehlung einer Flächenzuteilung von 0,06 m2 pro Tier im Ferkelnest, welche es auch Ferkeln großer Würfe bis zu 14 Tieren ermöglicht, zeitgleich bis zur dritten Lebenswoche im Ferkelnest zu ruhen. Gängige Ferkelnestgrößen von 0,6 m2 bis 0,7 m2 erfüllen diese Anforderung nicht, so dass ein gleichzeitiges entspanntes Liegen aller Ferkel eines großen Wurfes mit 12 bis 14 Ferkeln in Seitenlage bis zum Ende der Säugeperiode schon rein rechnerisch nicht stattfinden kann. Demgegenüber steht eine Bestätigung der in der wissenschaftlichen Literatur empfohlenen Formel A = 0,027 x Lebendmasse0,667 für den Flächenbedarf pro Tier auf Tiertransportfahrzeugen anhand der in der vorliegenden Arbeit präsentierten Ergebnisse zum statischen Flächenbedarf von Schweinen bis zu einer Lebendmasse von 24 kg. Auf Grundlage der planimetrischen Evaluierung des Flächenangebots in der Ferkelaufzucht ist jede Erhöhung der Flächenzuteilung über gesetzliche Mindestanforderungen hinaus zu begrüßen. Dies kann u. a. durch den Einsatz erhöhter Ebenen erreicht werden, welche eine Vergrößerung des Flächenangebots auf gleicher Stallgrundfläche ermöglichen. In der vorliegenden Arbeit werden ethologische Untersuchungen zur Nutzung derartiger erhöhter Ebenen durch Aufzuchtferkel vorgestellt. Diese zeigten eine Akzeptanz und Nutzung der erhöhten Flächen während der gesamten Aufzuchtperiode, wobei die erhöhten Ebenen vornehmlich während der Aktivitätsphase am Nachmittag aufgesucht, in der Nacht jedoch weitgehend gemieden wurden. Zudem wurden individuelle Unterschiede in der Besuchshäufigkeit der erhöhten Ebene offensichtlich. Negative Auswirkungen auf die Tiergesundheit oder das Stallklima zeigten sich nicht. Eine weitere Möglichkeit der Vergrößerung des Flächenangebots stellt die Gruppenhaltung von Schweinen in Haltungsabschnitten dar, in denen sonst die Einzelhaltung dominiert. So bietet die Gruppenhaltung laktierender Sauen für Muttertiere und Ferkel ein erhöhtes Platzangebot bei einer gleichzeitigen Anreicherung der sozialen Haltungsumwelt. In der vorliegenden Arbeit wurde daher auch der Frage nachgegangen, wie Schweine dieses erweiterte Flächenangebot nutzten und welche Auswirkungen die Haltung von Saugferkeln in diesem Haltungssystem auf deren späteres Sozialverhalten ausübte. Es zeigte sich, dass die Gruppenhaltung laktierender Sauen die Tiere dazu veranlasste, artspezifische Verhaltensweisen auszuführen, wie ein Verlassen des Nestes um den 10. Lebenstag und ein Zusammentreffen zwischen Sauen und wurffremden Ferkeln während der Säugezeit. Sauen und Ferkel gaben zu diesem Zeitpunkt ihre Geburtsbucht auf und nutzten sowohl andere Buchten als auch einen Gemeinschaftsbereich. Ferkel suchten hierbei die Nähe der Muttersau, und Fremdsäugen trat zwar auf, involvierte jedoch lediglich 0,8 Ferkel je Saugakt und Sau bei einer Gruppengröße von fünf ferkelführenden Sauen. Nach dem Absetzen und der Neugruppierung in Gruppen zu je zehn Tieren wiesen Ferkel, welche dem Gruppenhaltungssystem entstammten und demnach einander bereits aus der Säugezeit bekannt waren, weniger durch Rangkämpfe bedingte Hautverletzungen auf als Ferkel, welche zuvor in Abferkelbuchten mit Einzelhaltung der Sau im Kastenstand gehalten wurden. Somit zeigten sich positive Effekte einer Gruppenhaltung ferkelführender Sauen, wobei jedoch Maßnahmen zur Vermeidung von Erdrückungsverlusten zu treffen sind, um eine Überlagerung positiver Auswirkungen des Haltungssystems durch eine erhöhte Saugferkelmortalität zu vermeiden. Neben der sozialen Anreicherung der Haltungsumwelt wurde auch die bauliche Anreicherung der Haltungsumwelt durch Beschäftigungsmaterialien in dieser Arbeit thematisiert. So stellte das Angebot von Beschäftigungsmaterialien in konventionellen Abferkelbuchten bereits während der Säugezeit eine frühzeitige Umweltanreicherung dar, welche von den Ferkeln ab dem zweiten Lebenstag kontinuierlich und mit steigendem Interesse genutzt wurde. Auch wenn die höchste Nutzungsintensität in der dritten Woche nach dem Absetzen ermittelt wurde, war der positive Effekt eines geringen Grades an Hautverletzungen schon am Ende der Säugezeit ersichtlich. Ein gesteigertes Interesse an Beschäftigungsmaterialien wurde jeweils in den Nachmittagsstunden festgestellt. Auch wenn ein erhöhtes Interesse der Ferkel an den Beschäftigungssubstraten nach dem Absetzen bestand, so reduzierte doch das Angebot von Beschäftigungsmaterialien, welche den Tieren bereits aus der Säugezeit bekannt waren, das Ausmaß aggressiver Auseinandersetzungen nach der Neugruppierung nicht. Eine Verminderung aggressiver Interaktionen am dritten Tag nach der Neugruppierung verglichen mit einer Kontrollgruppe deutete jedoch auf potenziell langfristige positive Effekte des Beschäftigungsangebotes hin. Aggressive Interaktionen nach der Neugruppierung von Schweinen dienen der Etablierung einer Rangordnung in der Gruppe. In zwei Studien wurden die Rangpositionen jedes einzelnen Individuums in der Gruppe ermittelt und hierbei ein Einfluss der Wurfzugehörigkeit eines Ferkels auf dessen Rangposition festgestellt. Innerhalb von drei Tagen nach dem Absetzen und der Neugruppierung erreichten so Wurfgeschwister bei Gruppengrößen von zehn oder zwölf Tieren jeweils ähnliche Rangpositionen. Die Ursachen dieses Effektes sind bisher nicht eindeutig geklärt und bedürfen weiterführender Untersuchungen. Die Ermittlung mentaler Belastungen, welche Schweine aufgrund nicht adäquater baulicher und/oder sozialer Haltungsumwelt erfahren, gestaltet sich schwierig, ist jedoch zur Bewertung der Tiergerechtheit von Haltungssystemen essenziell. Hierfür sind Parameter gefordert, welche eine Belastungssituation des Einzeltiers über einen längeren Zeitraum wiederspiegeln. In der vorliegenden Arbeit wird in einer Pilotstudie die DHEA-Konzentration im Speichel als potenzieller Parameter für die Detektion von Langzeitstress vorgeschlagen. Ebenso wie durch Cortisol ließen sich durch DHEA-Messungen im Speichel Schweine aus drei verschiedenen Haltungssystemen differenzieren. Das Potenzial dieses neuartigen Parameters für weitere Forschung zur Beurteilung der Tiergerechtheit wird herausgestellt, bedarf jedoch noch einer umfangreicheren Validierung.

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Fels, Michaela: Neue Erkenntnisse zu Tierschutzaspekten in der Schweinehaltung unter Einbeziehung planimetrischer und ethologischer Methoden. Gießen 1. Auflage 2020 2020. VVB Laufersweiler.

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