Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Das equine Nasennebenhöhlensystem : Untersuchungen zur Anatomie, Diagnostik und Therapie bei gesunden und erkrankten Pferden

Bienert-Zeit, Astrid

Die Nasennebenhöhlen erfüllen für das gesunde Pferd wichtige Funktionen. Kommt es zu einer Erkrankung, werden Diagnostik und Therapie durch die schwierige Zugänglichkeit zu den Sinus, ihre komplexe anatomische Situation und diverse individuelle und altersabhängige Veränderungen erschwert. Die räumliche Nähe zu den Oberkieferbackenzähnen, dem Canalis infraorbitalis und dem Gehirn führt im Krankheitsfall zu einem Übertritt entzündlicher Prozesse von einer anatomischen Struktur auf die andere mit zum Teil fatalen Folgen. Daher dürfen die Sinus nicht isoliert von ihrer Umgebung betrachtet und therapiert werden. Gleiches gilt vor allem für die Behandlung von Zahnerkrankungen, die speziell im Oberkiefer sehr häufig zu sekundären Sinusitiden führen. Aus diesem Grund haben die Sinusdiagnostik und -chirurgie als Spezialdisziplinen innerhalb der Pferdemedizin in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, ohne dass die anatomischen Grundlagen vollständig geklärt sind. Ziel der vorliegenden Habilitationsschrift war es als Basis für eine verfeinerte bildgebende Diagnostik und zukünftige Behandlungskonzepte Wissenslücken auf dem Gebiet der Anatomie der Nasennebenhöhlen zu schließen. Des Weiteren wurde die schnittbildgebende Diagnostik mittels CT und 3 Tesla MRT eingehend beleuchtet und bezügliche ihrer Vor- und Nachteile verglichen. Ein Ausbau des diagnostischen Portfolios durch die Untersuchung des in den Nasennebenhöhlen gebildeten Sekrets war ein weiterer Arbeitsschritt. Abschließend wurden therapeutische Ansätze bezüglich ihrer Wirksamkeit und Komplikationsrate untersucht. Die Untersuchungsergebnisse werden in drei Teilen (A-C) zusammengestellt und anschließend kumulativ zu einer umfassenden Betrachtung des Gesamtkomplexes der gesunden und erkrankten equinen Nasennebenhöhlen vereint. Teil A beschäftigt sich mit der Anatomie der equinen Nasennebenhöhlen. Mittels computertomographischer Schnittbilder, dreidimensionaler Rekonstruktionen und makroskopischer Präparationen werden immer sieben paarige Nasennebenhöhlen-Kompartimente dargestellt, die in ein rostrales und ein kaudales System unterteilt sind. Im kontralateralen Seitenvergleich bestehen zum Teil erhebliche Unterschiede im Verlauf des Septum sinuum maxillarium. Die Morphologie des Zugangs von den Nasengängen in die Nasennebenhöhlen des Pferdes wird durch virtuelle Ausgusspräparate anschaulich dargestellt. Dies erleichtert das räumliche Vorstellungsvermögen dieser komplexen Region. Die 3D-Darstellungen wurden durch die Segmentierung von CT-Datensätzen erstellt. Eine präzise Ansprache einzelner Abschnitte des sinunasalen Kanalsystems wird durch die detaillierte Beschreibung mit Ergänzungen der bisherigen Nomenklatur ermöglicht. Teil B widmet sich der Weiterentwicklung von diagnostischen Möglichkeiten bei Sinuserkrankungen des Pferdes. Die bildgebenden Verfahren, speziell die 3 Tesla MRT im Vergleich zur CT, werden in den Mittelpunkt gerückt. Für das Erkennen und Beurteilen von pathologischen Veränderungen mit diesen diagnostischen Verfahren ist eine Kenntnis des anatomisch-physiologischen Aussehens der dargestellten Strukturen unabdingbar. Dies fehlte bislang für die Hochfeldmagnetresonanztomographie. Nach der Erarbeitung von Sequenzprotokollen für die Darstellung der Nasennebenhöhlen in der 3 Tesla MRT erfolgte die detaillierte Beschreibung anatomischer Strukturen. Im direkten Vergleich ist die CT mit ihren kurzen Untersuchungszeiten bei der Darstellung feiner Knochenlamellen und Zahnhartsubstanzen überlegen, wohingegen die MRT auch feinste Weichteilstrukturen darstellt. Beide Verfahren können sich also sinnvoll ergänzen oder je nach Fragestellung gezielt eingesetzt werden. Für magnetresonanztomographische Studien sollten möglichst lebende Pferde verwendet werden, da sich die Weichteildarstellung negativ verändert, wenn das Gewebe nicht mehr durchblutet ist. In einem zweiten Schritt wurde das Sekret der Nasennebenhöhlen gesunder und erkrankter Pferde mikrobiologisch untersucht. Die Proben wurden hierzu transendoskopisch direkt aus dem Canalis sinunasalis communis gewonnen. Qualität und Quantität der nachgewiesenen Bakterien lieferten sichere Hinweise für eine Differenzierung zwischen gesunden und erkrankten Pferden. Sie kann auch dabei helfen zwischen primärer und dentogener Sinusitis zu unterscheiden. In Teil C wird die medikamentöse Therapie mit antimikrobiellen Wirkstoffen kritisch beleuchtet, da subinhibitorische Konzentrationen im Zielgewebe ursächlich für Therapieversagen und Resistenzbildung sein können. Eine Methode zur kontinuierlichen Konzentrationsbestimmung von Wirkstoffen in der Nasennebenhöhlenschleimhaut mittels Mikrodialyse wurde etabliert. Das ermittelte Konzentrationszeitprofil für das Chemotherapeutikum Sulfadimidin lag beim gesunden Pferd nach 12 Stunden unterhalb der MHK-Werte für potenzierte Sulfonamide. Dies führte zu einer Anpassung des Dosierungsintervalls um einen ausreichenden antiinfektiven Effekt in der Nasennebenhöhlenschleimhaut zu erzielen. In der übergreifenden Diskussion findet eine eingehende Betrachtung der im Schrifttum bislang vorgestellten Kenntnisse der Anatomie, Diagnostik und Therapie der equinen Nasennebenhöhlen statt. Unter Einbeziehung aller Teilergebnisse wird deutlich gemacht, dass sich die Sinus eines Pferdes stetig verändern und inter- und intraindividuell differierende Formen aufweisen. Dies gilt auch für das zuführende Kanalsystem. Durch Erkrankungen verändert sich die Situation unvorhersehbar, so dass zur Abklärung schnittbildgebende und weitere diagnostische Verfahren nötig sind. Es liegt nun eine umfassende, gut verständliche Darstellung der anatomischen Situation der equinen Nasennebenhöhlen und ihrem Zusammenspiel mit wichtigen benachbarten anatomischen Strukturen vor. Speziell die neuen Erkenntnisse über den Verlauf des sinunasalen Kanalsystems haben Potenzial für neue diagnostische und therapeutische Ansätze bei Sinusitiden. Die schnittbildgebenden diagnostischen Möglichkeiten wurden erweitert und können nun individuell für den jeweiligen Einzelfall ausgewählt werden. Das Potential der mikrobiologischen Untersuchung von Sekreten aus den Nasennebenhöhlen kann zukünftig als weiterer diagnostischer Baustein genutzt werden. Im Rahmen der Therapiekonzepte für sinuidale Erkrankungen werden die Antibiotikaminimierung und die Entwicklung minimalinvasiver Methoden zukünftig eine entscheidende Rolle spielen.

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Bienert-Zeit, Astrid: Das equine Nasennebenhöhlensystem. Untersuchungen zur Anatomie, Diagnostik und Therapie bei gesunden und erkrankten Pferden. Göttingen 1. Aufl. 2018. Cuvillier.

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