Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Körpergewichtsentwicklung, Milchinhaltsstoffe und Milchmengenleistung als Kriterien zur laktationsbegleitenden Beurteilung des Gesundheitszustandes hochleistender DSB-Kühe in Laufstallhaltung

Grabowski, Nils Th.

Die Körpergewichtsentwicklung (durch Körpergewicht und Körperkondition [BCS] in absoluter Form und als proportionale Veränderungen über die Zeit ["relativ"]), majore und minore Milchinhaltsstoffe (pH-Wert, Leitfähigkeit, Na+, K+, Cl-, Laktat, Pyruvat, Galaktose, Glukose, Citrat, Phosphoenolpyruvat [PEP], Laktose, Fett, Protein, Zellgehalt, N-Acetyl-?-D-glukosaminidase-Aktivit?t [NAGase], Harnstoff und ?-Hydroxybutyrat [BHB]) und die Milchmengenleistung wurden als laktationsbegleitende Parameter auf ihre Eignung zur Beurteilung der Gesundheit hochleistender DSB-K?he untersucht. 54 Kühe der Rasse Deutsch-Holstein wurden über einen Zeitraum von x 1,8 Laktationen (insgesamt 28 Monate) mit Hilfe von Viertelanfangsgemelken, Viertelmaschinengemelken und Gesamtgemelken (n = 13777) beprobt. Dabei wurde ein Beprobungsschema mit wöchentlicher (Frühlaktation und letzte drei Wochen vor dem Trockenstellen) und monatlicher (mittlere und Spätlaktation) Befunderhebung verwendet. Die Tiere wurden mit einer Viertelgemelksmaschine gemolken. Die Bestimmung der Körperkondition (BCS) erfolgte zu jedem Untersuchungstag, die Wägungen täglich zu beiden Melkzeiten. Die Kategorisierung der Eutergesundheit wurde entsprechend den Vorschlägen der DVG (1994) vorgenommen. Unspezifische Mastitiden (55 % der Kühe bzw. 25 % der Euterviertel) waren die häufigsten Eutererkrankungen, gefolgt von Mastitiden mit nachgewiesener Erregerbeteiligung (13 % bzw. 5 %). Im Betrieb wurde eine erhöhte Inzidenz von Klauenerkrankungen (19 % der jährlichen Abgangsursachen), insbesondere Rusterholz’sche Sohlengeschwüre, festgestellt. Anhand der Daten von euter- und klinisch unauffälliger Tiere wurde eine physiologische Referenz erarbeitet. Der beobachtete Normbereich von Laktat lag mit x = 37,7 µmol/l ± 34,2 an der unteren analytischen Nachweisgrenze. Diese Substanz kommt anscheinend in der Milch gesunder Euterviertel nur in Spuren vor. Für alle Parameter wurde ein signifikanter Laktationseinfluss nachgewiesen. Weitere physiologische Einflussgrößen (Gesundheitsgruppe, Laktationsanzahl, Gemelksfraktion und Viertelposition) wurden untersucht und beurteilt. Um mögliche pathologische Einflüsse bewerten zu können, wurde das Material in drei Erkrankungsgruppen aufgeteilt: 1.Eutererkrankte Viertel klinisch unauffälliger Kühe (EKAG), 2.Eutergesunde Viertel klinisch allgemeinerkrankter Kühe (EGAK) und 3.Eutererkrankte Viertel klinisch allgemeinerkrankter Kühe (EKAK). Der Betrachtungszeitraum umfasste neben dem Zeitpunkt der Diagnosestellung (0) auch zwei Untersuchungspunkte davor (-2, -1) und zwei danach (+1, +2), um so einen möglichen Übergang von der Physiologie zur Pathologie besser nachzuvollziehen. Die statistische Analyse beinhaltete u.a. die Prüfung auf Sensitivität bei definierter Spezifität (bei einem Grenzwert von x ± 2sd) und auf signifikante Veränderungen im peripathologischen Verlauf. Damit wurden sowohl absolute Über- bzw. Unterschreitungen der Parameter im Vergleich zur jeweiligen Referenz als auch die Abweichungen festgestellt, die sich innerhalb des Referenzbereiches abspielten. Innerhalb der Parameter der Körpergewichtsentwicklung konnten lediglich das relative Körpergewicht und das absolute BCS als Hilfsparameter zur Diagnose schwerer klinischer Allgemeinerkrankungen herangezogen werden. Leitfähigkeit und NAGase-Aktivität im Anfangsgemelk und Laktat, Laktose und Chlorid im Viertelgemelk erwiesen sich als die effizientesten Parameter zur Beurteilung der Eutergesundheit mit Sensitivitäten von 78, 43, 39, 38 bzw. 34 % zum Zeitpunkt 0. Die Korrelationen dieser Parameter zum Zellgehalt betrugen r = 0.36, 0.51, 0.63, -0.60 bzw. 0.54. Die NAGase-Aktivität stieg bereits zum Zeitpunkt –1 an (27 % Sensitivität). Bei Pyruvat, Na- und K-Ionen sowie Glukose wurden darüber hinaus hohe Sensitivitäten (50, 40, 30 bzw. 25 %) zum Zeitpunkt 0 bei Mastitiden mit Erregerbeteiligung ermittelt. Multiple Regressionsanalysen führten zu einer Darstellung von Zellgehalt bzw. Schweregrad der Eutererkrankung (Zellzahlniveaus) durch lineare Funktionen mit NAGase-Aktivität, Leitfähigkeit, Laktat, Pyruvat, Chlorid und Fett (r = 0,71 bzw. 0,64). Im Falle von Allgemeinerkrankungen erlaubten einige Milchinhaltsstoffe eine Beurteilung der Stoffwechsellage des Tieres, nicht aber eine direkte Verwendung zur Diagnose der Erkrankung. PEP, BHB, Citrat, aber auch Pyruvat, Leitfähigkeit und Chlorid überschritten nur innerhalb der Untergruppen die Sensitivitätsgrenze von 25 %. Die Konzentrationsänderungen von PEP, BHB, Citrat und Pyruvat scheinen auf eine energetische Imbalanz des Gesamtorganismus hinzuweisen. Nach multiplen Regressionen ließ sich PEP durch eine afine Funktion aus Galaktose, Chlorid und NAGase-Aktivität (r = 0,58) und BHB durch eine aus pH-Wert, Glukose, Citrat und Harnstoff (r = 0,29) beschreiben. Der Anstieg von Leitfähigkeit und Chlorid in Milch eutergesunder, aber klinisch allgemeinerkrankter Kühe konnte nicht erschöpfend erklärt werden; ein Ansatz dafür besteht in der möglichen hämatogenen Schädigung der Blut-Euter-Schranke. Für die Gruppe EKAK ergaben sich im wesentlichen mit EKAG vergleichbare Ergebnisse. "Additive" Effekte wurden nur insofern ermittelt, als dass die Sensitivität von Pyruvat (33 %) und Glukose (31 %) anstieg und eine Überschreitung der Sensitivitätsgrenze von Laktat bereits zum Zeitpunkt –1 beobachtetet wurde. Die Milchmengenleistung unterlag starken individuellen Schwankungen. Da Erkrankungen die Leistung nachhaltig beeinträchtigen, spiegelte die geringe Milchmenge zum Zeitpunkt –2 möglicherweise das Auftreten früherer Krankheiten wieder. Obwohl statistisch nicht nachweisbar, zeichnet sich bei EKAG ein Verhältnis zwischen Schweregrad der Erkrankung und Umfang der Leistungseinbuße ab (20 % Verlust gegenüber dem gesunden Euterviertel bei Zellgehalt = 100.000 bis 200.000, 30 % bei > 200.000). Auch bei Allgemeinerkrankungen wurden Rückgänge in der Milchmenge beobachtet (bis zu –9 % [Zeitpunkt –2 = 100 %]).

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Grabowski, Nils Th.: Körpergewichtsentwicklung, Milchinhaltsstoffe und Milchmengenleistung als Kriterien zur laktationsbegleitenden Beurteilung des Gesundheitszustandes hochleistender DSB-Kühe in Laufstallhaltung. Hannover 2000. Tierärztliche Hochschule.

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