Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Entwicklung von Verhaltensmerkmalen bei Saugferkeln der Rassen Deutsches Edelschwein, Piétrain und deren Kreuzung in verschiedenen Aufstellungssystemen

Forner, Elke

In der vorliegenden Arbeit wurden Verhaltensmerkmale von Saugferkeln auf Genotyp-Umwelt-Interaktionen in einem faktoriellen Design von Rasse und Aufstallungssystem untersucht. Die verschiedenen genetischen Gruppen wurden in den einzelnen Altersabschnitten und Aufstallungssystemen hinsichtlich des Expressionsmusters der Verhaltensmerkmale und des Gruppenverhaltens verglichen. Die Untersuchung wurde an Ferkeln der Rasse Deutsches Edelschwein (DE) und Piétrain (PI) sowie deren Kreuzung (DExPI) durchgeführt. Insgesamt konnten 271 Ferkel, für jede genetische Gruppe standen jeweils 10 Würfe zur Verfügung, von der Geburt bis zu einem Alter von 6 Wochen beobachtet werden. Als Aufstallungssysteme dienten eine 5,4 m2 große Abferkelbucht, bei der die Sau durch einen Kastenstand fixiert war und zwei verschieden große Laufställe (Laufstall I: 6,25 m2 und Laufstall II: 9,72 m2 Grundfläche), in denen die Sauen ohne Fixierung waren. Die Würfe wurden für jede genetische Gruppe wie folgt aufgeteilt: vier Würfe in der Abferkelbucht, je drei Würfe in den Laufställen. Alle Aufstallungen waren mit Stroh eingestreut. Die Beobachtungen wurden in drei Altersklassen durchgeführt. Die Altersklassen umfaßten die Zeiträume vom 4. bis 14. Lebenstag (Altersklasse 1), vom 15. bis 28. Lebenstag (Altersklasse 2) und vom 29. Lebenstag bis zum Absetzen im Alter von sechs Wochen (Altersklasse 3). Die Beobachtungen der Tiere erfolgten mit Hilfe einer Videoanlage. Die Verhaltensmerkmale wurden an Momentaufnahmen ("instantaneous sampling") registriert. Dabei lagen die Beobachtungszeitpunkte im zeitlichen Abstand von fünf Minuten. Beobachtet wurden 4 ½ Stunden am Tag an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in jeder Altersklasse. Dabei lagen 2 ½ Stunden in dem Morgenzeitraum und zwei Stunden in der Nachmittagszeit. Die beobachteten Verhaltensweisen umfaßten das Ruhe- und Aktivitätsverhalten. Das Ruheverhalten wurde in Liegen bei der Sau, Liegen im Ferkelnest und Liegen in der Bucht unterteilt. Das Aktivitätsverhalten wurde in die Merkmale Fortbewegung, Wühlen, Kampf und Kampfspiele, Laufspiele, Objektspiele und Erkundungsverhalten, soziale Interaktionen zwischen den Ferkeln sowie mit der Sau, Saugen sowie selbsterhaltende und selbstaufbauende Verhaltensweisen untergliedert. Für die statistische Analyse wurden die in 5-Minuten-Intervallen registrierten und auf eine einheitliche Wurfgröße standardisierten Verhaltensmerkmale verwendet. Das lineare Modell berücksichtigte die fixen Effekte des Wurfes, der Wiederholung am darauffolgenden Tag und der Altersstufe innerhalb des Wurfes sowie der relativen Tageszeit. Die Überprüfung von Datentransformationen mittels natürlichem Logarithmus und Quadratwurzel ergaben gegenüber den nicht transformierten Daten keine eindeutigen Verbesserungen der Bestimmtheitsmaße und der mittleren Reststreuung. Mit zunehmendem Alter nahm das Ruheverhalten von 63,2% in der Altersklasse 1 auf 54,7% in der Altersklasse 3 ab. Dementsprechend nahm das Aktivitätsverhalten von 36,8% auf 45,3% zu. Die DE-Ferkel ruhten in der Altersklasse 1 mit 65,9% am längsten, während die PI-Ferkel die geringsten Ruhephasen aufwiesen. In der Altersklasse 2 zeigten alle drei genetischen Gruppen ein ähnliches Ruhe- und Aktivitätsverhalten. Dagegen nahm die Aktivität in der 3. Altersstufe bei den DExPI-Ferkeln signifikant zu und die PI-Ferkel zeigten die längsten Ruhephasen. Auch zwischen den verschiedenen Aufstallungssystemen zeigten sich in den einzelnen Altersklassen unterschiedlich lange Phasen des Ruhe- und Aktivitätsverhaltens. In der Altersklasse 1 betrug die Ruhephase 66,2% im Laufstall II, während in den anderen Aufstallungssystemen die Dauer des Ruheverhaltens bei etwa 62% lag. In den höheren Altersklassen ruhten die Ferkel in der Abferkelbucht länger. Über die Altersklassen ergab sich für die Dauer des Ruheverhaltens folgende Reihenfolge: Die DE-Ferkel ruhten am längsten, danach folgten die PI-Ferkel und die Kreuzungsferkel; die längsten Ruhephasen waren in der Abferkelbucht zu beobachten, danach folgten der Laufstall II und dann erst Laufstall I. In den Ruhephasen verbrachten die Ferkel die längste Zeit mit dem Liegen im Ferkelnest (31,8% - 24,2%), danach mit dem Liegen in der Bucht (22,1% - 21,8%) und deutlich am kürzesten mit dem Liegen bei der Sau (8,1% - 9,1%). Die Abnahme des Ruheverhaltens mit zunehmenden Alter ist durch die geringere Zeitdauer mit dem Liegen im Ferkelnest zu erklären. Die PI-Ferkel zeigten im Vergleich der genetischen Gruppen mit 11,2% und 10,4% in den ersten beiden Altersklassen die längsten Ruhezeiten mit Liegen bei der Sau, während die PI-Ferkel die geringste Zeitdauer mit Liegen in der Bucht verbrachten. Mit zunehmendem Alter stieg die Häufigkeit des Verhaltens Liegen bei der Sau bei den DE-Ferkeln signifikant an und parallel dazu nahm das Verhalten Liegen im Ferkelnest signifikant ab. Die DExPI-Ferkel zeigten über die Altersklassen eine mehr gleichbleibende Verteilung der Ruheverhaltensweisen. Der Vergleich zwischen den Aufstallungssystemen zeigte, daß das Liegen bei der Sau und im Ferkelnest in der Abferkelbucht am seltensten oft vorkam, während Liegen in der Bucht in der Abferkelbucht am häufigsten auftrat. In beiden Laufställen wurde das Liegen im Ferkelnest mit einer Häufigkeit zwischen 29% und 44% an erster Stelle der Ruheverhaltensweisen registriert. Von den Merkmalen des Aktivitätsverhaltens nahmen die sozialen Interaktionen mit der Sau und das Saugen der Ferkel den größten Anteil an den beobachteten Verhaltensweisen ein. Die sozialen Interaktionen der Ferkel zum Muttertier traten mit einer Häufigkeit von 11,5% über alle Altersklassen auf. Das Saugen der Ferkel nahm von 10,8% in Altersklasse 1 bis 8,6% in den höheren Altersklassen ab. Danach folgten Verhaltensweisen, die der Erforschung der Umgebung dienten. Wühlen, Objektspiel und Erkundungsverhalten machten einen Anteil von 4,6% bis 10,6% bzw. von 2,4% bis 5,9% in den einzelnen Altersklassen aus. Aktivitäten mit Fortbewegung nahmen in der Häufigkeit Anteile zwischen 2,6% und 2,8% (Fortbewegung), 0,9% und 1,1% (Kampf und Kampfspiel) und 0,7% und 1,4% (Laufspiel) ein. Die sozialen Interaktionen zwischen den Ferkeln nahmen von 1,8% auf 2,7% in der höchsten Altersklasse zu. Ebenso nahmen die selbsterhaltenden und selbstaufbauenden Verhaltensweisen mit steigendem Alter der Ferkel von 0,7% auf 1,4% zu. PI-Ferkel hielten mit der Sau in der Altersklasse 1 mehr soziale Interaktionen (13,9%) als die Ferkel der anderen genetischen Gruppen. In den höheren Altersstufen wiesen dagegen die Ferkel der anderen genetischen Gruppen häufiger soziale Interaktionen mit der Sau auf. Mit zunehmendem Alter verringerte sich auffällig die Häufigkeit sozialer Interaktionen der Ferkel mit der Sau in der Abferkelbucht, während die Ferkel in den anderen Aufstallungssystemen ihre sozialen Kontakte zur Muttersau erhöhten. Die DE-Ferkel zeigten ein signifikant geringeres Saugverhalten (9,2%) in der Altersklasse 1 als die Ferkel der anderen genetischen Gruppen. In den höheren Altersklassen bestanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den genetischen Gruppen. Im Verlauf der Säugeperiode gab es keine signifikant unterschiedliche Dauer für das Saugen der Ferkel in den verschiedenen Aufstallungssystemen. Die Verhaltensweisen, die der Erforschung der Umgebung dienen, wie das Wühlen, Objektspiel und Erkundungsverhalten entwickelten sich zunehmend von der ersten Altersklasse (Wühlen: 4,6%; Objektspiel und Erkundungsverhalten: 2,4%) bis zur dritten Altersklasse (Wühlen: 10,6%; Objektspiel und Erkundungsverhalten: 5,9%). Auffällig ist, daß die DE-Ferkel mit 5,7% in der Altersklasse 1 und 9,7% in der Altersklasse 2 signifikant häufiger Wühlen zeigten als die anderen genetischen Gruppen. Beim Vergleich der Aufstallungssystemen begannen die Ferkel aus dem Laufstall II mit der geringsten Wühltätigkeit (3,3%), doch zeigten die Ferkel in den Laufställen dieses Verhalten mit 11,2% in der Altersklasse 3 am häufigsten. Objektspiel und Erkundungsverhalten zeigten dagegen die DExPI-Ferkel in allen Altersklassen am häufigsten im Vergleich zu den anderen genetischen Gruppen. Die Ferkel des Laufstalles II zeigten in allen Altersklassen häufiger Objektspiel und Erkundungsverhalten wobei die Unterschiede zu den anderen Aufstallungssystemen in den beiden Altersstufen 1 und 2 signifikant waren. Die Verhaltensweise Fortbewegung zeigte wenig Variation zwischen den Altersklassen, genetischen Gruppen und Aufstallungssystemen. Beim Vergleich der verschiedenen Aufstallungssysteme zeigten die Ferkel im Laufstall I in den beiden höheren Altersklassen signifikant mehr Fortbewegungsaktivität. Kampf und Kampfspiel wurden von den Ferkeln bevorzugt mit einer Häufigkeit von 1,1% in der Altersklasse 2 ausgeführt, während die anderen Altersklassen eine Häufigkeit von 0,8% zeigten. Die Unterschiede zwischen den genetischen Gruppen und Aufstallungssystemen blieben gering. Laufspiele nahmen von den jüngeren Ferkeln zur Altersklasse 3 in der Häufigkeit ab. Zwischen den genetischen Gruppen und Aufstallungssystemen traten i.d.R. keine signifikanten Unterschiede auf. Die sozialen Interaktionen zwischen den Ferkeln nahmen von 1,8% in der Altersklasse 1 zu den höheren Altersklassen mit 2,7% zu. Die DExPI-Ferkel zeigten häufiger soziale Interaktionen als die anderen genetischen Gruppen, wobei die Unterschiede in Einzelfällen signifikant waren. Ebenfalls zeigten die Ferkel des Laufstalles I in allen Altersklassen signifikant häufiger soziale Interaktionen als die Ferkel in Laufstall II, während Unterschiede zu den Ferkeln der Abferkelbucht statistisch nicht abzusichern waren. In den selbsterhaltenden und selbstaufbauenden Verhaltensweisen zeigten sich nur geringe Unterschiede zwischen den untersuchten genetischen Gruppen. Die Ferkel in der Abferkelbucht zeigten signifikant weniger oft dieses Verhalten (0,5%) als die Ferkel in den anderen Stallungen (0,8%) in der ersten Altersklasse. In der mittleren Altersstufe lag die Häufigkeit des Auftretens der Verhaltensweisen bei 0,7% für alle Ferkel. In der Altersklasse 3 zeigten die Ferkel der Abferkelbucht am häufigsten dieses Verhalten (2,3%), die in dem Laufstall II am geringsten (0,4%), während die Ferkel in dem Laufstall I dazwischen lagen (1,1%). Bei der Untersuchung des Gruppenverhaltens der genetischen Gruppen stellte sich heraus, daß die Rasse Piétrain ein ausgeprägteres Gruppenverhalten als die anderen genetischen Gruppen zeigte. Im Folgenden wird aufgeführt, wieviele der PI-Ferkel im Durchschnitt die einzelnen Verhaltensweisen im Vergleich zu den anderen genetischen Gruppen häufiger gezeigt haben: Gesamtruhe: 2,4%, Liegen bei der Sau: 7,1%, Liegen im Ferkelnest: 5,3%, Gesamtaktivität: 1,5%, Fortbewegung: 1,5%, Wühlen: 2,4%, Kampf und Kampfspiel: 5,6%, Objektspiel und Erkundungsverhalten: 2,6%, Interaktionen zwischen der Ferkeln: 3,7%, Interaktionen zwischen den Ferkeln und der Sau: 2,3%, selbsterhaltende und selbstaufbauende Verhaltensweisen: 2,7%. Keine signifikanten Unterschiede zwischen den genetischen Gruppen bestanden beim Liegen in der Bucht und Saugen. Laufspiele zeigten die Piétrainferkel nur gegenüber den Kreuzungsferkel häufiger (1,8%). Gemeinschaftliches Ruheverhalten wurde von den Ferkeln im Laufstall I gegenüber denen in der Abferkelbucht (Gesamtruhe: 1,2%, Liegen bei der Sau: 5,2%, Liegen im Ferkelnest: 13%, Liegen in der Bucht: 10%) bzw. denen im Laufstall II (Liegen bei der Sau: 3%, Liegen im Ferkelnest: 3,3%) bevorzugt. Auch gemeinsames Aktivitätsverhalten wurde von den Ferkeln des Laufstalles I häufiger gezeigt als in den anderen Aufstallungsformen (Fortbewegung: Abferkelbucht = 0,7%; Laufstall II = 0,8%; Wühlen: Laufstall II = 1,3%; Kampf und Kampfspiele: Abferkelbucht = 2,4%; Laufstall II = 4,2%; soziale Interaktionen der Ferkel mit der Sau: Abferkelbucht = 2,6%; Laufstall II = 1,9%). Die Ferkel des Laufstalles II zeigten signifikant weniger gemeinsam selbsterhaltende und selbstaufbauende Verhaltensweisen als die in den anderen Aufstallungssystemen (Laufstall I: 1,4%; Abferkelbucht: 1,1%). Keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Aufstallungssystemen traten bei den gemeinschaftlichen Laufspielen, sozialen Interaktionen zwischen den Ferkeln, beim gemeinsamen Saugen sowie Objektspiel und Erkundungsverhalten auf.

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Forner, Elke: Entwicklung von Verhaltensmerkmalen bei Saugferkeln der Rassen Deutsches Edelschwein, Piétrain und deren Kreuzung in verschiedenen Aufstellungssystemen. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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