Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Belastung von Schlachtschweinen in zwei Zuführungssystemen zur Elektrobetäubung und die Auswirkungen auf das Wohlbefinden

Außel, Melanie

Die Zuführung zur Betäubung stellt für Schweine eine der wesentlichsten Belastungsquellen im Schlachtablauf dar. In vielen Schlachtbetrieben wird ein schonender Umgang des Personals mit den Tieren während Vereinzelung und Zutrieb durch eine unzureichende bauliche Gestaltung dieser Bereiche erschwert, so dass es hier häufig zu Problemen kommt, die das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen können. In der vorliegenden Arbeit sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Belastungen, denen Schweine während der Zuführung zur Betäubung ausgesetzt sind, durch bauliche Maßnahmen reduzieren lassen. Dazu wurden ein herkömmliches und ein neuartiges, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickeltes Zuführungssystem miteinander verglichen. Die Untersuchung, in die insgesamt 515 dem Bundeshybridzuchtprogramm (BHZP) entstammende Schweine einbezogen wurden, gliederte sich in zwei nacheinander im selben Schlachtbetrieb stattfindende Messperioden. In der ersten Messperiode, in der 266 Tiere untersucht wurden, verfügte der Schlachtbetrieb über ein herkömmliches Zuführungssystem (altes System). Dabei gelangten die Schweine aus der im Wartestallbereich gelegenen Vereinzelungsbucht in einen zur Betäubungsfalle führenden Einzeltreibgang. In der zweiten, nach einem Umbau des Schlachtbetriebs stattfindenden Messperiode wurden 249 Schweine untersucht, die nun in dem neuartigen, nach ethologischen Gesichtspunkten entwickelten System der Betäubung zugeführt wurden (neues System). Im neuen System erfolgt die Vereinzelung und der Zutrieb optisch und akustisch von Wartestall und Schlachthalle getrennt, und im Zutrieb werden die Tiere auf einem Förderband stehend automatisch in die Betäubungsfalle transportiert. Um die Belastung der Schweine einschätzen zu können, wurden jeweils kontinuierliche Herzfrequenz- (Polar® Accurex Plus) und Körpertemperaturmessungen (Pillbox® -Logger, intravaginal) vorgenommen, und es wurden über Venenverweilkatheter und aus dem Stichblut gewonnene Blutproben auf ihren Gehalt an Noradrenalin, Adrenalin, Cortisol und Lactat untersucht. Weiterhin wurde das Verhalten der Schweine per Videoüberwachung erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zuführung zur Betäubung im neuen System im Vergleich zum herkömmlichen mit geringeren Belastungen für die Schweine verbunden ist. So lagen während der Zuführung zur Betäubung Herzfrequenz und Körpertemperatur im neuen System mit durchschnittlich 168 Schlägen/min und 39,4 °C signifikant (p < 0,001 bzw. p < 0,05) niedriger als im alten System mit 189 Schlägen/min und 39,6 °C. Zudem fand sich im Plasma der unmittelbar im Anschluss an den Zutrieb gewonnenen Katheterblutproben im neuen System im Vergleich zum alten ein signifikant geringerer Gehalt an hormonellen und biochemischen Belastungsindikatoren. Der Noradrenalingehalt reduzierte sich von 8,57 nmol/l auf 4,89 nmol/l (p < 0,001), der Adrenalingehalt von 2,64 nmol/l auf 1,49 nmol/l (p < 0,001) und der Lactatgehalt von 2,7 mmol/l auf 1,9 mmol/l (p < 0,001). Die im Plasma des Stichbluts gemessene Lactatkonzentration verdeutlicht die Unterschiede zwischen altem und neuem System noch weiter (4,49 mmol/l zu 2,49 mmol/l, p < 0,001). Dagegen repräsentiert der im Stichblut gemessene Cortisolgehalt von 95,17 ng/ml im alten und 105,21 ng/ml im neuen System aufgrund der Ausschüttungslatenz des Cortisols offensichtlich nicht die Belastungen während der Zuführung zur Betäubung. Im Zuge der signifikanten (p < 0,05) Reduzierung des während der Vereinzelung von den Schweinen gezeigten Vermeidungsverhaltens von durchschnittlich 3,4 Sekunden im alten System auf rechnerisch 0,3 Sekunden im neuen System verkürzte sich auch die Zeitdauer der Vereinzelung im neuen System um mehr als die Hälfte (altes System = 10 Sekunden, neues System = 4,3 Sekunden, p < 0,01), der Einsatz von Treibhilfen (Index) reduzierte sich von 17,8 auf 6,3 (p < 0,001) und die Anzahl der Verhaltenswechsel sank von durchschnittlich 2,7 auf 1 (p < 0,05). Im Zutrieb verringerten sich im neuen System signifikant die zeitliche Ausdehnung des Vermeidungsverhaltens (altes System = 10,2 Sekunden, neues System = 4,1 Sekunden, p < 0,01), der Treibhilfeindex (altes System = 76,9, neues System = 28,5, p < 0,001) und die Anzahl der Verhaltenswechsel (altes System = 6,5, neues System = 3,6, p < 0,01). Auch die Zutriebsdauer verkürzte sich im neuen System von 26,8 auf 20,2 Sekunden, dieser Unterschied ist jedoch nicht signifikant. Die deutliche Reduzierung der physischen und psychischen Belastung während der Zuführung zur Betäubung im neuen System ist auf dessen bauliche Gestaltung zurückzuführen. Das beim Bau des neuen Zuführungssystems umgesetzte Prinzip, sich das Erkundungsverhalten von Schweinen zu Nutze zu machen, hilft, insbesondere im Bereich der Vereinzelung, Belastungen zu verringern. So fördert die ruhige und schattenfrei hell beleuchtete Umgebung die Orientierung zum Zutriebseingang hin und ein als zusätzliche Orientierungshilfe eingesetzter Metallspiegel, der die Anwesenheit eines Artgenossen im Zutrieb vortäuscht, motiviert die Schweine über das Setzen eines Erkundungsreizes zum Betreten des Zutriebs. Hierdurch wird eine schonende Behandlung der Schweine durch das Personal gefördert. Der automatische Transport im Zutrieb senkt den auf den Schweinen lastenden Anpassungsdruck und ermöglicht es wiederum dem Personal, weitgehend auf den Einsatz von Treibhilfen zu verzichten. Insgesamt erscheint die bauliche Gestaltung des neuen Zuführungssystems geeignet, das Wohlbefinden von Schlachtschweinen im Problembereich Zuführung zur Betäubung im Vergleich zu herkömmlichen Systemen zu verbessern. Es bleibt zu überlegen, ob der in den letzten Jahren erfolgte Erkenntnisgewinn zur Senkung der prämortalen Belastung von Schlachttieren durch Einführung der Definition "nach Stand der Technik" in den § 3 der Tierschutz-Schlachtverordnung schneller in die Schlachtpraxis umgesetzt werden könnte.

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Außel, Melanie: Belastung von Schlachtschweinen in zwei Zuführungssystemen zur Elektrobetäubung und die Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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