Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Methodische und klinische Untersuchungen mit dem Plättchenfunktionsanalysengerät PFA-100 beim Hund

Keidel, Anke Helene

Das Plättchenfunktionsanalysengerät PFA-100 überprüft die kapilläre In-vitro-Blutungszeit anhand des Blutflusses durch eine Kapillare, an deren Ende sich eine mit einem Induktor der Thrombozytenaggregation beschichtete Membran mit einer zentralen Öffnung befindet (Kollagen/ADP bzw. Kollagen/Epinephrin). Hierbei wird neben der Verschlußzeit optional das Gesamtvolumen des aus der Kapillare bis zum Verschluß der Membranöffnung ausgetretenen Blutes angegeben. Ziel der vorliegenden Studie war die Überprüfung der klinischen Anwendbarkeit des Plättchenfunktionsanalysengerätes PFA-100 beim Hund. Hierzu wurden anhand von klinisch gesunden Hunden (Kollagen/ADP-Meßzelle: n=136; Kollagen/Epinephrin-Meßzelle: n=128) Referenzbereiche erstellt sowie verschiedene präanalytische Untersuchungen durchgeführt. Zudem wurden Hunde mit verschiedenen Erkrankungen untersucht, welche beim Menschen und/oder Hund mit Plättchenfunktionsstörungen einhergehen können. Zu diesen Erkrankungen zählten die Willebrand-Erkrankung (n=2), die Urämie (n=10), verschiedene Hepatopathien (n=9) (n=2: Leberzirrhose mit Kupferspeicherung; n=2: Hepatose; n=3: degenerative Hepatopathie; n=1: Tumormetastasen in der Leber; n=1: Hepatitis), der portosystemische Shunt (n=10), die Leishmaniose (n=12), die akute lymphatische Leukämie (n=7), die chronische lymphatische Leukämie (n=4), das maligne Lymphom (n=9) sowie das multiple Myelom (n=4). Des weiteren gingen Hunde in die Untersuchung ein, die eine Hyperfibrinolyse infolge metastasierenden Karzinoms aufwiesen (n=8). Zur Überprüfung des Einflusses von Azetylsalizylsäure auf die primäre Hämostase des Hundes wurde zum einen klinisch gesunden Hunden Azetylsalizylsäure injiziert, zum anderen Azetylsalizylsäure Blutproben gesunder Hunde zugesetzt. Weiterhin wurden 39 Proben von 32 Hunden mit Thrombozytopenien (Thrombozytenzahl < 150.000/µl) unterschiedlicher Ursache und einem Hämatokrit > 30 % ausgewertet. Zur Beurteilung der Spezifität des Plättchenfunktionsanalysengerätes PFA-100 gingen außerdem Hunde mit plasmatischen Gerinnungsstörungen (Cumarinvergiftung: n=8; Hämophilie A: n=3) in diese Studie ein. Es wurden folgende Ergebnisse erzielt: Mit der Kollagen/ADP-Meßzelle ergab sich beim Hund ein Referenzbereich von 53-98 Sekunden (Median: 73 Sekunden) für die Verschlußzeit und von 227-318 µl (Median: 264 µl) für das Gesamtvolumen. Mit der Kollagen/Epinephrin-Meßzelle ergab sich ein Referenzbereich von 92 bis >300 Sekunden (Median: 163 Sekunden) für die Verschlußzeit, wobei die Meßbereichsgrenze von 300 Sekunden erreicht wurde, und von 296-720 µl (Median: 414 µl) für das Gesamtvolumen. Die Referenzwerte der parallel bestimmten In-vivo-Blutungszeit betrugen 60-150 Sekunden für die kapilläre Blutungszeit und 45-90 Sekunden für die subaquale Blutungszeit. Die Präzisionsanalyse ergab für die mit der Kollagen/ADP-Meßzelle gemessene Verschlußzeit einen Variationskoeffizienten von im Mittel (Median) 7,3 %, für das mit dieser Meßzelle bestimmte Gesamtvolumen einen mittleren Variationskoeffizienten von 2,7 %. Beim Vergleich sechs verschiedener Kollagen/ADP-Meßzellchargen ergab sich weder für die Verschlußzeit (p=0,1548, Varianzanalyse) noch für das Gesamtvolumen (p=0,0921) ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den verschiedenen Chargen. Bei der Überprüfung des Einflusses des Meßzeitpunktes nach Blutentnahme (0-24 Stunden) auf die In-vitro-Blutungszeit ergab sich für die Kollagen/ADP-Meßzelle beim globalen statistischen Vergleich mit der Varianzanalyse weder für die Verschlußzeit (p=0,0842) noch für das Gesamtvolumen (p=0,0655) ein Unterschied zwischen den einzelnen Meßzeitpunkten. Für die Kollagen/Epinephrin-Meßzelle ergab sich beim globalen statistischen Vergleich mit dem Friedman-Test ein deutlicher Unterschied (Verschlußzeit: p=0,0120; Gesamtvolumen: p=0,0061). Der lokale statistische Vergleich mit dem Wilcoxon-Test zeigte eine Zunahme der Verschlußzeit vom Zeitpunkt 1-h bis zum 24-h-Wert. Auffällige Unterschiede zeigten sich bei Messungen von Blutproben verschiedener Hämatokritniveaus (Kollagen/ADP-Meßzelle). Schon bei einer Verminderung des Hämatokrits von 40 % auf 30 % ergab sich eine deutliche Verlängerung der Verschlußzeit (p=0,0049, t-Test) bzw. Erhöhung des Gesamtvolumens (p=0,0030, t-Test). Basierend auf Blutproben von thrombozytopenischen und gesunden Hunden ergab sich für die Gruppe der Hunde mit Thrombozytopenie sowie für die Gesamtzahl der Hunde mit der Kollagen/ADP-Meßzelle eine engere Korrelation zwischen Verschlußzeit (Hunde mit Thrombozytopenie: r = - 0,5793; Gesamt-zahl der Hunde: r = - 0,3991) bzw. Gesamtvolumen (Hunde mit Thrombozyto-penie: r = - 0,5493; Gesamtzahl der Hunde: r = - 0,4340) und Thrombozytenzahl der Probe im Vergleich mit der Kollagen/Epinephrin-Meßzelle. Auch in der Beziehung zur kapillären bzw. subaqualen Blutungszeit war in der Gruppe der Hunde mit Thrombozytopenie mit der Kollagen/ADP-Meßzelle die Korrelation deutlicher ausgeprägt als mit der Kollagen/Epinephrin-Meßzelle. Nach Applikation von Azetylsalizylsäure wurde sowohl bei In-vivo-Zusatz als auch bei In-vitro-Zusatz mit der Kollagen/Epinephrin-Meßzelle eine ausgeprägte Verlängerung der Verschlußzeit sowie Erhöhung des Gesamtvolumens festgestellt. Mit der Kollagen/ADP-Meßzelle waren diese Veränderungen weniger deutlich ausgeprägt. Unter den untersuchten Erkrankungen mit möglichen erworbenen Plättchenfunktionsstörungen fanden sich vor allem bei der Urämie, bei der Leishmaniose und beim multiplen Myelom wesentliche Hinweise für Funktionsdefekte der Thrombozyten. Bei vielen Erkrankungen erschwerte allerdings die parallel vorliegende Thrombozytopenie und/oder Anämie die Interpretation der Ergebnisse der automatisierten Thrombozytenfunktions-messung. Bei den Blutproben der Hunde mit portosystemischem Shunt lagen die Verschlußzeiten dagegen innerhalb der Referenzbereiche. Bei den Hunden mit Störungen der plasmatischen Gerinnung entsprachen die medianen Verschlußzeiten wie auch die medianen Gesamtvolumina denen der Kontrollgruppe. Obgleich also auch beim Hund mit dem Plättchenfunktionsanalysengerät PFA-100 Thrombozytopenien, die Azetylsalizylsäure-induzierte Thrombozytopathie sowie verschiedene andere Thrombozytopathien wie auch das Willebrand-Syndrom aufgezeigt wurden und das Gerät im Hinblick auf thrombozytäre Hämostasestörungen eine hohe Spezifität aufwies, wird die klinische Verwendbarkeit der Methode durch den Einfluß des Hämatokrits deutlich eingeschränkt.

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Keidel, Anke Helene: Methodische und klinische Untersuchungen mit dem Plättchenfunktionsanalysengerät PFA-100 beim Hund. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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