Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Prof. Dr. med. vet. Erwin Becker (1898-1978)

Kunkemöller, Indra

Die Arbeit stellt eine bioergographische Abhandlung über den Veterinärmediziner Erwin Becker (1898-1978) dar. Die Basis bildet ein umfangreiches Quellen- und Literaturstudium, ergänzt durch Photos, Urkunden, persönliche Dokumente und Aussagen von Zeitzeugen aus der Familie und ehemaligem Mitarbeiterstab. Erwin Becker war ein bedeutender Veterinärdentist, -chirurg und der Konstrukteur einer Vielzahl veterinärmedizinischer Instrumentarien. Becker studierte 1921-1926 an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, wo er 1928 mit einer Arbeit über die SO2-Begasung räudekranker Pferde und Exoten promoviert wurde. Von 1926 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leitete er die renommierte, private Tierklinik seines 1925 verstorbenen Onkels Helmar Dun in Sarstedt, der seinen Neffen förderte und als Promotor der neuzeitlichen Tierzahnheilkunde beim Pferd die berufliche Karriere Beckers richtungsweisend vorantrieb. Nach einem kurzen Aufenthalt in der chirurgischen Abteilung eines Armeepferdelazaretts der Wehrmacht stand er während der restlichen vier Jahre des Zweiten Weltkriegs der Klinik der Heereslehrschmiede I in Berlin als Veterinäroffizier vor. In den folgenden Jahren unterrichtete er in einem ehemaligen Wehrmachtsinstitut in Salzburg amerikanische Veterinärstudenten und übernahm 1947 die Leitung eines "Veterinary Hospital" auf dem ehemaligen Rittergut Düppel in Berlin. 1951 habilitierte er sich an der Medizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin für Veterinärchirurgie mit einer Arbeit über die von ihm zusammengestellte "Fahrbare Zahnstation für Pferde" und übernahm die Leitung des Instituts für Röntgenologie, Tierzahnheilkunde und Veterinärorthopädie. Drei Jahre später erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Veterinärchirurgie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der FU Berlin. Damit war die Leitung der Klinik für Pferdekrankheiten auf Düppel verbunden. Das "Veterinary Hospital" und das Institut für Röntgenologie, Tierzahnheilkunde und Veterinärorthopädie blieben unter der Führung Erwin Beckers. An der FU Berlin wurde 1956 ein Hochschulfilmreferat (HFR) eingerichtet, welches Becker von 1958 bis 1973 ehrenamtlich leitete. Zwei Jahre nach seiner Emeritierung, im Herbst 1968, schied Becker endgültig aus dem Dienst der FU Berlin aus. Becker hatte maßgeblichen Einfluß auf die Erschließung des Standorts Düppel als Klinikgelände der FU Berlin, einmal indem er 1951 sein "Veterinary Hospital" als "Keimzelle" für die spätere Gründung der Veterinärmedizinischen Fakultät an der FU zur Verfügung stellte. Zum anderen engagierte er sich zur Zeit seines Dekanats stark für die Übergabe Düppels aus den Händen der Amerikaner an die Freie Universität und ermöglichte so eine Zentralisation und Expansion der Veterinärmedizin in Westberlin. Seine wissenschaftliche Laufbahn war geprägt von der Entwicklung und Modifikation zahlreicher veterinärmedizinischer Instrumente, die er durch experimentelle Forschung und anschließende Erprobung bis hin zur Praxisreife perfektionierte. Angefangen mit der Vollendung der "Fahrbaren Zahnstation für Pferde" blieb die Tierzahnheilkunde mit der Entwicklung dentalchirurgischer Instrumente seit Beginn des Veterinärmedizinstudiums Beckers Passion. In Fachkreisen war er als "Zahn-Becker" bekannt. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hatte 1953 die wissenschaftliche Leistung Beckers auf dem Gebiet der neuzeitlichen Zahnbehandlung beim Pferd durch die Verleihung der Dammann-Medaille gewürdigt. Sein zweites großes Standbein war in den 50er Jahren die perkutane Osteosynthese mit extrakutaner Kunststoffbrücke. Beckers Methode hielt Eingang in die Humanchirurgie und hat bis in die Gegenwart nicht an Aktualität verloren. Das wissenschaftliche Werk Beckers schlug sich in 57 Publikationen und in der Mehrzahl der etwa 400 im Hochschulfilmreferat unter seiner Leitung produzierten Lehr- sowie Operationsfilme nieder, die er oft und gern im Unterricht einsetzte. Dafür, daß er "aus Versehen" Tierarzt geworden war, stieg Becker auf der Karriereleiter weit empor, nicht zuletzt durch Glück. Becker war ein Erfinder mit Pioniercharakter, ein Lehrer mit Geschick zur Vereinfachung, eine Führungsperson mit Organisationstalent, ein Praktiker mit Gabe zur Problemlösung und ein Perfektionist mit dem technischen Verstand eines Ingenieurs.

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Kunkemöller, Indra: Prof. Dr. med. vet. Erwin Becker (1898-1978). Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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