Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Gasmessungen bei der Kohlendioxidbetäubung von Schweinen in einem ausgewählten Schlachtbetrieb

Remien, Dirk

In einem EU-zugelassenen Schlachtbetrieb wurden an einer Kohlendioxid (CO2)-Betäubungsanlage, die im Dip-Lift-Verfahren als Eingondelsystem arbeitet, längerfristige Messungen der CO2- und Sauerstoff (O2)-Konzentrationen in der Betäubungsgrube vorgenommen. Die CO2- und O2-Konzentrationen wurden an sechs Messpunkten im Abstand von 50 cm über die Tiefe der Betäubungsgrube erfaßt. Eine Messposition wurde in der Betäubungsgondel auf Augenhöhe der Tiere mitgeführt. Damit ließen sich die in der Einatemluft während des Betäubungsvorganges befindlichen CO2- und O2-Konzentrationen messen. Weiterhin wurden die CO2- und die O2-Konzentrationen im Bereich des Arbeitsplatzes des Anschlingers gemessen. Es wurden zwei verschiedene CO2-Sollwerteinstellungen geprüft: Versuchsanordnung I (VI = 90 Vol. % CO2, B90) und Versuchsanordnung II (VII = 80 Vol. % CO2, B80). Der Betäubungserfolg wurde klinisch anhand der noch auslösbaren Reflexe und Eigenbewegungen der Tiere überprüft. In der Grube bildeten sich während des Betriebes zwei unterschiedliche Gaskonzentrationsbereiche aus. Dies war zum einen der Bereich des sprunghaften CO2-Konzentrationensanstieges im oberen Grubendrittel (etwa 1,20 m unter dem oberen Grubenrand) und zum anderen der Konzentrationsbereich tiefer in der Grube mit einer weitgehend stabilen CO2-Konzentration. Die kontinuierlichen Auf- und Abwärtsbewegungen der Betäubungsgondel führten besonders im Bereich des sprunghaften Konzentrationsanstieges zu Verwirbelungen und erheblichen CO2- und O2-Konzentrationsschwankungen. Die O2-Konzentrationen verhielten sich stets reziprok zu den CO2-Konzentrationen. Den Schweinen wird in der Mischatmosphäre des oberen Drittels der Grube beim Absenken innerhalb von etwa 6 sec der Sauerstoff weitgehend entzogen. Der Betäubungserfolg der beiden Versuchseinstellungen (B90 mit N = 314 und B80 mit N = 233) wurde anhand der noch auslösbaren Reflexe (Cornealreflex und Nasenscheidewandreflex), der beobachteten Schnappatmung sowie der Eigen-bewegungen der Schweine während des Anschlingens und der Entblutung verglichen und bewertet. Bei der Betäubung mit 80 Vol. % CO2 zeigte sich bei einer erheblichen Anzahl der Tiere (zwischen 42 % und 12 %) eine offensichtlich unzureichende Ausschaltung des Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens. Bei dieser Betäubungskonzentration konnten bei fast jedem zweiten Tier Eigenbewegungen während der Entblutung festgestellt werden. Bei mehr als jedem dritten Tier konnte ein Cornealreflex nach dem Setzen des Entblutungsschnittes registriert werden. Im Gegensatz dazu führte die Betäubung mit 90 Vol. % CO2 zu wesentlich weniger Bewegungen und Reaktionen. Ein Teil der Tiere verließ die Betäubungsgrube jedoch bereits tot oder in der Agonie. Vor der Betäubungsgrube am Arbeitsplatz des Anschlingers wurden CO2-Konzentrationen bei B90 bis zu 12.500 ppm gemessen. Ohne zusätzlich Zwangslüftung wurde der MAK-Wert von 5.000 ppm regelmäßig überschritten. Durch den Einbau einer Ventilatorlüftung und einer Absaugung in der Nähe des Auswurfschachtes konnte die CO2-Konzentration am Arbeitsplatz durchgängig auf Werte um 3.000 ppm gesenkt werden. Die Befunde zeigen, dass die derzeit vorgeschriebene CO2-Konzentration von 80 Vol. % für 70 sec bei Schlachtschweinen nicht regelmäßig ausreicht, um eine Betäubung der Tiere vor dem Töten durch Entbluten sicherzustellen. Bei Anwendung von 90 Vol. % CO2 ist ein Teil der Tiere zum Zeitpunkt des Auswurfs aus der Betäubungsgondel bereits tot. Die Tierschutzschlachtverordnung sollte daher überdacht werden. Für die Arbeitsplätze an CO2-Betäubungsanlagen ist eine betriebsspezifische Zwangslüftung vorzusehen, um besonders den Anschlinger vor Gesundheitsschäden durch zu hohe CO2-Konzentrationen zu schützen.

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Remien, Dirk: Gasmessungen bei der Kohlendioxidbetäubung von Schweinen in einem ausgewählten Schlachtbetrieb. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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