Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Zur Distanzimmobilisation des Eurasischen Luchses (Lynx lynx)

Schöne, Joachim

Für den Eurasischen Luchs (Lynx lynx) wurde ein modernes, tierart- und tierschutzgerechtes Anästhesie- und Immobilisationsverfahren erarbeitet. Erstmals werden statistisch gesicherte Daten einer nahezu vollständigen Anästhesieüberwachung bei dieser Felidenart vorgestellt. Zur Schonung der Probanden fand ein praxisnahes und unter Feldbedingungen einsetzbares nicht bzw. minimal invasives Monitoring Verwendung. Anhand der Überwachung von Reflexerregbarkeit, Schmerzempfinden, Muskelrelaxation, Atem-, Kreislauf- und Stoffwechselfunktionen wurden die klinische Eignung und die veterinärmedizinische Praktikabilität einer Medetomidin/Ketamin-Anästhesie beim Luchs überprüft. Die Untersuchungen wurden unter weitestgehend standardisierten Bedingungen und unter Berücksichtigung der Geschlechter sowie unterschiedlicher Alters- und Gewichtsklassen an 17 Versuchstieren durchgeführt. Das Alter der 10 männlichen (davon 1 Kastrat) und der 7 weiblichen Tiere reichte von etwa 3 Jahren bis 14 ½ Jahren, bei einem Körpergewicht von 16,8 kg bis 35 kg. Es wurden – nach geschätztem Körpergewicht – 0,03 mg/kg Kgw Medetomidin und 3 mg/kg Kgw Ketamin auf Distanz injiziert (0,0319 ± 0,0031 mg/kg Kgw Medetomidin und 3,19 ± 0,31 mg/kg Kgw Ketamin absolut). Alle experimentell-anästhesiologischen Immobilisationen wurden mit diagnostischen und/oder therapeutischen Maßnahmen verbunden. In 5 min-Intervallen (15 min bis 45 min nach Injektion) wurden Daten der Reflexaktivität, des Schmerzempfindens, der Muskelrelaxation, der Atemfrequenz, des ausgeatmeten Kohlendioxids (Kapnometrie), der peripheren Sauerstoffsättigung (Pulsoximetrie), der Herzfrequenz, der indirekten Blutdruckmessung, der kapillären Rückfüllungszeit, der Schleimhautfarbe und der Thermoregulation in einem eigens für diese Studie entwickelten Anästhesieprotokoll dokumentiert. Die Aufzeichnungen der Elektrokardiogramme sowie die venösen Blutgasanalysen (inkl. Säure-Basen-Status) erfolgten in 10 min-Intervallen (15 min bzw. 20 min bis 45 min bzw. 50 min nach Injektion). Die mittlere Einleitungsphase betrug 0:10:21 ± 0:03:26 [h:min:sek], die Toleranzphase 0:50:27 ± 0:08:42 [h:min:sek] und die Aufwachphase 0:13:56 ± 0:07:53 [h:min:sek]. Die Toleranzphase wies eine sehr gute Anästhesietiefe mit deutlicher peripherer Analgesie und vollständiger Muskelrelaxation auf. Kapnometrie, Pulsoximetrie, indirekte Blutdruckmessung, Elektrokardiographie und mobile Blutgasanalyse erwiesen sich als zuverlässige nicht bzw. minimal invasive Methoden für eine Anästhesieüberwachung unter Feldbedingungen. Erregbarkeit des Pupillarreflexes (p=0,0031), endexspiratorischer Kohlendioxidgehalt (p=0,0002), periphere Sauerstoffsättigung (p=0,0098), venöser Sauerstoffpartialdruck (p=0,0026) und venöser Kohlendioxidpartialdruck (p=0,0030) erfuhren im Verlauf der Anästhesie von Minute 15 bis Minute 45 bzw. 50 einen signifikanten Anstieg. Erregbarkeit des Kornealreflexes (p=0,0063), Herzfrequenz (p<0,0001), diastolischer Blutdruck (p=0,0216) und Körperinnentemperatur (p<0,0001) verringerten sich im selben Zeitraum signifikant. Alle übrigen Parameter erfuhren im Verlauf der Anästhesie keine Veränderungen oder die Veränderungen waren statistisch nicht signifikant. Die i.m. Gabe von Atipamezol in der 5fachen Dosis des verabreichten Medetomidin erwies sich bei dieser Felidenart als geeignet, den Medetomidinanteil rasch und effektiv aufzuheben. Die gewonnenen Daten belegen, daß systemische wie organspezifische Einflüsse der Medetomidin/Ketamin-Anästhesie in oben genannter Dosis durch endogene Regulationsmechanismen der Luchse kompensiert wurden und bei gesunden Tieren keine klinischen Komplikationen hervorriefen. Die Kombination aus dem α2-Agonisten Medetomidin und dem dissoziativen Anästhetikum Ketamin führt beim Eurasischen Luchs in der verwendeten Dosis zu einer sicheren, effektiven und antagonisierbaren Immobilisation, die für kleine chirurgische Eingriffe und Managementmaßnahmen geeignet ist.

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Schöne, Joachim: Zur Distanzimmobilisation des Eurasischen Luchses (Lynx lynx). Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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