Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Der Hund als Tiermodell in der Parodontologie am Beispiel der rekonstruktiven Parodontitistherapie

Steible, Judith

In der vorliegenden Arbeit wurde eine neue Behandlungsmethode der Parodontitis basierend auf dem Prinzip der guided tissue regeneration (GTR) am Hund getestet und dabei die Eignung des Hundes als standardisiertes, reproduzierbares und weitgehend auf den Menschen übertragbares Tiermodell für die Parodontologie untersucht. Das Hauptproblem nach jeder Parodontitistherapie besteht im unkontrollierten Wachstum des Saumepithels nach apikal, wodurch die Regeneration des Zahnhalteapparates mit der Ausbildung eines Reattachments verhindert wird. Durch Implantation bioresorbierbarer Membransysteme mit inkorporierten monoklonalen Antikörpern gegen die Integrinuntereinheiten alpha 6 und beta 1 sollte das epitheliale Wachstum gehemmt werden. Die anderen Strukturen des Parodonts sollten dadurch regenerieren und ein Reattachment ausbilden. Basierend auf diesen Überlegungen sollte in der vorliegenden Arbeit die Wirkung verschiedener Membransysteme auf die Knochenregeneration radiologisch untersucht werden. Bei acht English Foxhounds wurden mit einem Trepanbohrer interdental Defekte in den Alveolarknochen des Ober- und Unterkiefers gebohrt und Polylactid-Polymere mit und ohne Anti-Integrin-Antikörper sowie ein Kollagen-Lyophilisat mit Knochenregeneration fördernden Eigenschaften implantiert. Die Regeneration des Alveolarknochens wurde am Tag 30, 60, 90 und 180 computertomographisch dokumentiert. Bei allen Tieren entwickelte sich etwa am Tag 10 post operationem eine mittel- bis hochgradige Gingivitis; die Plaquebildung war während des gesamten Versuchs hochgradig. Im weiteren Verlauf traten Knochensequester auf, die histologisch als Knochennekrosen beurteilt wurden. An manchen Defekten entwickelte sich auch eine gingivale Nekrose. Computertomographisch wurde bei allen Defekten zum Tag 30 hin eine deutliche Zunahme der ursprünglichen Defektgröße infolge hochgradiger Osteolyse nachgewiesen. Im Oberkiefer ging die Entzündung im weiteren Verlauf zurück, die Defekte verkleinerten sich bzw. regenerierten teilweise. Im Unterkiefer bestand dagegen bis zum Versuchsende eine hochgradige Entzündung; keiner der mandibularen Knochendefekte zeigte Anzeichen von Regeneration. Die Ursache für die Knochen- und gingivalen Nekrosen ist sehr wahrscheinlich eine Hitzenekrose infolge ungenügender Kühlung und erhöhten Kraftaufwandes bei der Bohrung. Dieser war aufgrund des im Vergleich zum Menschen dichteren und kompakteren Kieferknochens des Hundes erforderlich. Bei der Bohrung wurde weiterhin die dentale Röntgenanatomie nicht genügend beachtet, da einige Zahnwurzeln beschädigt wurden. Weil der Knochen nach der Bohrung generell eine verminderte Infektionsabwehr besitzt, wäre eine effiziente, tägliche Mundhygiene indiziert gewesen. Daneben wäre, um die Plaquebildung gering zu halten, die Fütterung mit Weichfutter, zumindest nach Resorption der Wundnaht, zu vermeiden gewesen. Die Osteolyse ist mit Sicherheit die Folge der hochgradigen Entzündung. Aufgrund dieser methodischen Probleme kann die Wirksamkeit der Membransysteme bezüglich der Knochenregeneration nicht beurteilt werden. Eine negative Wirkung der monoklonalen Antikörper gegen die Integrinuntereinheiten alpha 6 und beta 1 auf die Knochenregeneration kann nicht ausgeschlossen werden. Die gravierenden Unterschiede des Hundes hinsichtlich der Kau- und Ernährungsphysiologie, der oralen Hygiene sowie die Abweichungen im Aufbau und Regenerationsverhalten des Kieferknochens im Vergleich zum Menschen stellen die Eignung des Hundes als Modell für die Parodontologie in Frage.

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Steible, Judith: Der Hund als Tiermodell in der Parodontologie am Beispiel der rekonstruktiven Parodontitistherapie. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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