Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Reproductive tactics in male grey mouse lemurs (Microcebus murinus, J.F.Miller 1777) in Northwestern Madagascar

Schmelting, Barthel

Ziel dieser Studie ist es, die soziobiologischen Aspekte von männlichen Reproduktionstaktiken und –strategien des promisken M. murinus zu untersuchen. Hierbei wurden Langzeitdaten zum Verhalten und Demographie mit molekulargenetischen Daten zur Vaterschaftsanalyse unter der Verwendung der Mikrosatellitentechnik verbunden. Die Ergebnisse sollen erstmals aufzeigen, wie in einer nachtaktiven, freilebenden Primatenart Verhalten und Fortpflanzungsaktivitäten zum Reproduktionserfolg in Bezug stehen, wobei als Modell der Graue Mausmaki verwendet wird. Von 1995 bis 2000 wurden insgesamt 320 (210 Männchen, 110 Weibchen) verschiedene Individuen mit der Fang-Wiederfangmethode in einem ca. 30 ha großen Untersuchungsgebiet im laubabwerfenden Trockenwald von Ampijoroa (Nordwest-Madagaskar) gefangen. Die berechnete Populationsdichte schwankte zwischen 75 Tieren/km² in der Regenzeit und 148 Tieren/km² in der Trockenzeit. In keinem Monat wurde eine signifikante Abweichung von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis (1:1) beobachtet. Die Überlebensrate verminderte sich in beiden Geschlechtern besonders stark zwischen der ersten und zweiten Fortpflanzungszeit; die mediane Überlebenszeit betrug nur zehn Monate. Insgesamt gesehen, war im Studiengebiet die Langzeit-Überlebensrate der Männchen gegenüber der der Weibchen leicht erhöht, während sie in den ersten zwei Lebensjahren nahezu ausgeglichen war. Männchen wurden bis zu einem Lebensalter von mindestens sechs Jahren wiedergefangen, während Weibchen letztmals mit einem angenommenen Alter von etwa vier Jahren gefangen wurden. Für zehn mit Peilsendern ausgestattete Männchen konnten zwischen Juli 1998 und April 1999 Langzeitdaten über mindestens vier Monate zu Aktionsräumen und Schlafplätzen gewonnen werden. Die Aktionsräume der Männchen erreichten ihre größte Ausdehnung während der zwei Paarungszeiten (beginnend im September und November) innerhalb der Reproduktionszeit. Die Größe der Langzeit-Aktionsräume schwankte je nach Männchen zwischen 2,48 ha und 7,73 ha (Median 5,22 ha). Der größte monatliche Aktionsraum betrug im Mittel nur 67% der Größe des Langzeit-Aktionsraumes. Die Aktionsraumgröße der Männchen während jeder Paarungszeit scheint mit der räumlichen Erfahrung eines Männchens zusammenzuhängen. Residente Männchen hatten mit im Durchschnitt mehr als doppelt so großen Aktionsräumen als nicht-residente Männchen signifikant größere Aktionsräume. Aktionsraumgrößen und Zugang zu Weibchen, gemessen an der Anzahl der mittleren Fangorte der Weibchen innerhalb eines männlichen Aktionsraumes, waren signifikant positiv korreliert. Je größer ein männlicher Aktionsraum war, desto mehr rezeptive Weibchen konnten in ihm gefunden werden. Insgesamt wurden 1244 (427 verschiedene) Schlafplätze bestimmt. In den Schlafplatzgebieten trat keine räumliche Ausgrenzung auf. Am Ende der Trockenzeit wurden 33 Mal männliche Schlafgruppen (ohne Weibchenbeteiligung) beobachtet. Insgesamt wurden 16 Männchen gefunden, die gleichzeitig einen Schlafplatz mit einem oder zwei anderen Männchen teilten. Nur residente Männchen schliefen mehr als einmal zusammen. Für keines der Männchen konnte eine Verwandschaftsbeziehung festgestellt werden. Von insgesamt 255 Grauen Mausmakis standen Gewebeproben zur Genotypisierung zur Verfügung. Basierend auf den Daten von sieben polymorphen Mikrosatelliten-Markern wurden weitere Analysen hinsichtlich des Reproduktionserfolges und der Verwandschaftsbeziehungen durchgeführt. Mit dem CERVUS 2.0 Programm (MARSHALL et al. 1998) wurden 38 Individuen als Jungtiere von 29 Vätern identifiziert. Die beobachtete Erfolgsrate von identifizierten Vaterschaften betrug daher 19%. Mit Hilfe des Popassign 3.9f Programms (FUNK, Institute of Zoology, London) wurden 34 Väter gefunden, die insgesamt 50 Jungtiere gezeugt hatten. Es wurden daher für 24,6% der potentiellen Nachkommen mögliche Väter gefunden. Nur für 8,2% der 203 potentiellen Nachkommen wurde derselbe Vater mit beiden Programmen gefunden. Die mediane Distanz zwischen dem mittleren Fangplatz des Vaters und dem seines Nachkommens (identifiziert mit jedem der beiden Programme) betrug 200 m. Popassign 3.9f deckte neun Vater-Mutter-Nachkommen-Triaden auf. Die Distanzen zwischen den mittleren Fangplätzen der mutmaßlichen Eltern bewegten sich zwischen 17 m und 524 m, bei einer medianen Distanz von 140 m. Die mediane Distanz zwischen dem mittleren Fangplatz der mutmaßlichen Mutter und dem ihres Nachkommens betrug 121 m. Bei gleichzeitiger Verwendung beider Programme hatte keines der reproduktiv erfolgreichen Tiere mehr als einen Nachkommen pro Jahr. Sowohl residente als auch nicht-residente Männchen pflanzten sich fort. Es konnte kein Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Reproduktionserfolg festgestellt werden. Je länger ein Männchen überlebte, desto größer war seine Chance sich erfolgreich fortzupflanzen. Daher wird angenommen, daß Männchen, die am längsten überleben, die beste Chance haben, den größten Lebenszeitreproduktionserfolg zu erlangen. Die Ergebnisse dieser Studie geben erstmals Hinweise darauf, daß Männchen von M. murinus eine erfahrungsabhängige Reproduktionsstrategie verfolgen. Innerhalb dieser ‘Safer Sex Strategie’ existieren zwei alternative Reproduktionstaktiken: Eine ‘Greenhorn Taktik’ oder eine ‘Alte-Hasen Taktik’, welche abhängig sind von der Erfahrung eines Männchens.

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Schmelting, Barthel: Reproductive tactics in male grey mouse lemurs (Microcebus murinus, J.F.Miller 1777) in Northwestern Madagascar. Hannover 2001. Tierärztliche Hochschule.

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