Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Jüdische Tierärzte im Deutschen Reich in der Zeit von 1918 bis 1945

Möllers, Georg

When I started working on this thesis in 1998, there were only twelve Jewish veterinarians known who practised within Germany’s 1920 borders between 1918 and 1945. 131 of them have now been found. Short biographies were worked out for all these persons, relying upon contemporary witnesses, relatives and many records in several archives. Most of the Jewish veterinarians had a German nationalistic attitude. In comparison with other fields of the veterinary profession, there was a slightly higher proportion of Jewish veterinarians in meat inspection and the inspection of animals for slaughter. Many were also general practitioners in the countryside, where their relationship to the customers depended on the quality of their skills as veterinarians. To be “Jewish” did not concern until 1933. Compared with the other medical professionals in total (6,8%) and especially with human medical professionals (10,9%), the number of Jewish veterinarians was low. With 1,6%, however, their proportion still was twice the percentage of the whole German Jewish population (0,77%) in 1933. Most of the Jewish veterinarians had their roots in merchant families, especially livestock dealers and horse dealers. A number of others came from butcher families, whereas most of the non-Jewish German vets of that time had an agricultural background. Right with the beginning of the National Socialistic rule Jewish veterinarians were exposed to different forms of harassment by Nazi organisations or individual persons in decisive positions. Soon after, on April 7th 1933, with the so-called Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG; law for the restoration of civil service), the prosecution took on an official quality. The later Reichstierärzteführer Friedrich Weber and the officials of the Reichs-tierärztekammer were very eager to Aryanize the German veterinary service. The BBG made the Jewish veterinarians who worked in public positions lose their jobs with the single exception of those who had the status of a so-called “Frontkämpfer” (a soldier who fought at the frontline during World War I). Many of the Jewish veterinarians who were still in Germany in November 1938 were arrested after the pogrom of November 9/10th and kept in several concentration camps and prisons for about one month. Lots of practical rooms of Jewish vets were demolished. As far as we know, no Jewish veterinarians were members of the scientific staff at the five existing schools for veterinary medicine in 1933. Other scientists at these schools who were Jewish themselves or married to a Jew instantly lost their jobs (for example Hans Rosenberg, Max Hilzheimer in Berlin). The few students of veterinary medicine who already had started their studies in 1933 still could make their exams in Germany, but they did not get a licence (so-called “Bestallung”). From 1933 on, it was nearly impossible for Jewish students to enter veterinary schools. A few tried, but they were not successful. In general, the restrictions for Jews at the veterinary faculties - at least in Hannover and Giessen - were even more strict than stated by law. With the 8th decree based on the Reichsbürgergesetze (“Nürnberger Gesetze”), on January 31st 1939 all Jewish veterinarians in Germany lost their licence (Approbation). 54 of the 131 known Jewish vets managed to emigrate in time, like most German Jews. In this way, most of them could save their life, but under very poor conditions since the emigrants could not keep the same standard of living as in Germany. It was particularly difficult to get a licence as a veterinarian. Many of them were not allowed to practise. Others worked illegally or were not paid. Only those who went to Palestine all found work as veterinarians as time went by, but they faced many difficulties as the state of Israel just came into existence. Twenty German Jewish Veterinarians died in concentration camps and ghettos. Two are known to have committed suicide, as they could no longer bear the persecution by the National Socialists. These all belonged to the group of Jews at senior age that realized too late the necessity to emigrate. With advanced age and poor health it was difficult to get a visa, and some of them could not afford the special taxes for Jewish emigrants. As it was for all applicants, the handling of compensation and reparation applications after the war was a lengthy and again humiliating procedure. Until 1997, there was no act of appreciation or rehabilitation of German Jewish veterinarians. The withdrawal of academic degrees was cancelled in a general, impersonal way, if at all. There is only one case known in which a doctor’s degree was renewed in a non-public act.  

Ausgehend von 12 Personen (Stand 1998) konnten für die Zeit von 1918 bis 1945 insgesamt 131 jüdische Tiermediziner im Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1920 ermittelt werden. Von allen Personen wurden aufgrund von Archivrecherchen und durch Interviews mit Zeitzeugen oder Nachfahren Kurzbiographien erarbeitet. Die jüdischen Tierärzte der Weimarer Republik waren überwiegend deutsch-national eingestellt. Sie betrieben zumeist ländliche Gemischtpraxen. Im Vergleich zu anderen veterinärmedizinischen Berufsfeldern war der Anteil jüdischer Tierärzte in der Schlachttier- und Fleischbeschau leicht überpro-portional. Das Verhältnis zu den Praxiskunden wurde im wesentlichen von dem durch die Qualität der tierärztlichen Leistungen erzeugten Vertrauen bestimmt. „Jüdisch zu sein“ spielte erst ab Januar 1933 eine Rolle. Im Vergleich zu den medizinischen Berufen insgesamt (6,8 %) und insbe-sondere zu den Humanmedizinern (10,9 %) gab es vergleichsweise wenige jüdische Tierärzte. Immerhin war ihr Anteil an der Gesamttierärzteschaft 1933 mit rund 1,6 % etwa doppelt so groß wie der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung (ca. 0,77 %). Die jüdischen Tierärzte kamen ihrer sozialen Herkunft nach überwiegend aus Kaufmannsfamilien, insbesondere aus Vieh- und Pferdehändlerfamilien. Eine größere Anzahl stammte auch aus Fleischer- und Metzgerfamilien. Die meisten deutschen Tierärzte jener Zeit hatten traditionell ihre Wurzeln im landwirt-schaftlichen Bereich. Gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft waren die jüdischen Tierärzte den verschiedensten Drangsalierungen seitens nationalsozialistischer Organisationen oder von Einzelpersonen in entscheidungsbefugter Stellung ausgesetzt. Mit dem Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufs-beamtentums am 7. April 1933 (BBG) bekam die Verfolgung jedoch schnell gesetzlichen Charakter. Der spätere Reichstierärzteführer Dr. Friedrich Weber und die Reichstierärztekammer verfolgten die „Arisierung“ des Tierärztestandes mit großem Nachdruck. Durch das BBG verloren die im öffentlichen Dienst beschäftigten jüdischen Tierärzte ihre Arbeit, sofern sie nicht den Front-kämpferstatus besaßen. Ein großer Teil der noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Tierärzte wurde nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 in Konzentrationslagern oder in Gefängnissen für meist einen Monat inhaftiert. Etliche jüdische Tierarztpraxen wurden demoliert.   An den fünf tierärztlichen Bildungsstätten im Deutschen Reich gab es nach bisherigen Erkenntnissen zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten keine jüdischen Tierärzte als wissenschaftliche Mitarbeiter. Dort tätige jüdische oder mit Jüdinnen verheiratete Wissenschaftler anderer Fachausbildung wurden binnen kürzester Zeit entlassen (z. B. Hans Rosenberg und Max Hilzheimer in Berlin). Die wenigen jüdischen Studenten der Tiermedizin, die 1933 ihr Studium schon begonnen hatten, konnten es zwar abschließen, bekamen in Deutschland aber keine Approbation. Der Zugang zum Studium der Tiermedizin war Juden ab 1933 praktisch verwehrt. Die Zugangsbeschränkungen für Juden gingen - zumindest an den Ausbildungsstätten in Hannover und Giessen – sogar noch über die gesetzlich vorgeschriebenen Restriktionen hinaus. Durch die 8. Verordnung zum Reichsbürgergesetz erloschen ab 31. Januar 1939 die Approbationen aller jüdischen Tierärzte in Deutschland. Wie dem größten Teil der deutschen Juden gelang auch insgesamt 54 jüdischen Tierärzten die Emigration. Die Auswanderung sicherte zwar fast allen das Überleben, die Lebensumstände in der Emigration gestalteten sich aber in der Regel äußerst schwierig und mühsam. Insbesondere die fehlende Anerkennung der deutschen Diplome machte ein Leben in Umständen, die den Verhältnissen in Deutschland vergleichbar gewesen wären, meist unmöglich. Vielen Emi-granten war eine Tätigkeit als Tierarzt nicht, nur unentgeltlich oder illegal möglich. Nur den nach Palästina ausgewanderten Tierärzten gelang es, wenn auch unter den schwierigen Begleitumständen der Entstehung des Staates Israel, früher oder später wieder im Beruf zu arbeiten. In Konzentrationslagern und Ghettos starben 20 deutsche jüdische Tierme-diziner, zwei verübten unter dem Druck der Verfolgung Suizid. Es handelte sich vor allem um ältere Tierärzte, die zu spät von der Notwendigkeit einer Emi-gration überzeugt waren. Weiterhin war es für sie schwierig, in vorgerücktem Alter mit unter Umständen eingeschränkter Gesundheit ein Visum zu bekommen. Einigen war es auch unmöglich, die hohen Sonderabgaben für jüdische Emigranten zu bezahlen. Wie für alle Antragsteller war die Behandlung von Wiedergutmachungs- und Entschädigungsansprüchen für deutsche jüdische Tierärzte meist ein langwieri-ges, zermürbendes und mit erneuter Demütigung verbundenes Verfahren. Eine Würdigung, Rehabilitation oder auch nur Zurkenntnisnahme deutscher jüdischer Tierärzte erfolgte bis 1997 nicht. Die Aberkennung akademischer Grade wurde lediglich pauschal in Form von allgemeinen Erklärungen revidiert (Giessen, München, Leipzig, Berlin). Nur ein Fall ist bekannt, in dem ein Doktorgrad, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wiederverliehen wurde (TiHo Hannover).  

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Möllers, Georg: Jüdische Tierärzte im Deutschen Reich in der Zeit von 1918 bis 1945. Hannover 2002. Tierärztliche Hochschule.

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