Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Koexistenz und Nahrungsökologie von Weibchen des grauen und goldbraunen Mausmakis ( Microcebus murinus und M. ravelobensis) in Nordwest-Madagaskar

Reimann, Wiebke Ena

Im Rahmen dieser Studie wurden Daten zur Nahrungsökologie der beiden sympatrischen Lemuren M. murinus und M. ravelobensis erhoben und erstmalig hinsichtlich einer möglichen ökologischen Differenzierung der beiden Arten ausgewertet. Neben Daten zum reinen Nahrungsspektrum der Tiere wurden zusätzlich räumliche und zeitliche Parameter berücksichtigt, um einen Einblick in mögliche Konkurrenzvermeidungsstrategien zu erhalten, die eine Koexistenz von M. murinus und M. ravelobensis im Untersuchungsgebiet erklären könnten. Die freilandökologische Studie umfasste zwei 3-monatige Untersuchungszeiträume in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Die Datenaufnahme erfolgte zur Trockenzeit in einem laubabwerfenden Trockenwald im Nordwesten Madagaskars. Zur Erhebung populationsökologischer Daten wurden monatliche Fangaktionen nach der Fang/Wiederfang-Methode durchgeführt. Mit Hilfe der Radiotelemetrie konnten Tiere während ihrer nächtlichen Streifzüge direkt beobachtet und Daten zum Nahrungsverhalten sowie zu energiesparenden und energieverbrauchenden Verhaltensweisen aufgenommen werden. Zusätzlich wurden Fütterungsversuche sowie Kotanalysen durchgeführt. Die Nahrungsverfügbarkeit wurde anhand von phänologischen Kontrollen abgeschätzt. Während im ersten Untersuchungsjahr signifikant mehr Individuen von M. murinus als von M. ravelobensis gefangen werden konnten, bestand im zweiten Jahr bezüglich der Fänge ein ausgeglichenes Artenverhältnis. Das Geschlechterverhältnis beider Mausmakipopulationen war dabei über beide Untersuchungsjahre hinweg in Richtung Männchen verschoben. Die Populationsdichte, berechnet nach der Methode der „Minimum Number of Animals known alive“, variierte für M. murinus nur geringfügig mit 0,5 – 1,1 Individuen/ha im ersten und 0,8 – 1,1 Tiere/ha im zweiten Jahr. Bei M. ravelobensis konnte ein geringfügiger Zuwachs von 0,4 – 1,1 Tieren/ha auf 0,8 –1,2 Individuen/ha verzeichnet werden. Aus der räumlichen Verteilung der Fänge ergab sich eine steigende Verbreitung des goldbraunen Mausmakis im zweiten Untersuchungsjahr und gleichzeitig ein Anstieg seiner Erstfangrate, sprich der erstmalig gefangener Individuen. Das Gewicht beider Mausmakiarten verhielt sich über beide Untersuchungszeiträume relativ konstant. Den nahrungsökologischen Untersuchungen dieser Studie zufolge ergibt sich ein sehr ähnliches, omnivores Nahrungsspektrum für die beiden Arten M. murinus und M. ravelobensis. Unterschiede wurden nur auf Ebene der Pflanzenspezies gefunden. Während M. murinus eine Präferenz für wenige Futterpflanzenarten zeigte, nutzte M. ravelobensis ein breites Spektrum an verschiedenen Pflanzenspezies als Nahrungsquelle. Die Hypothese eines Spezialisten M. murinus und eines Generalisten M. ravelobensis wurde aufgestellt. Es ergab sich kein Hinweis auf eine unterschiedliche vertikale Verteilung der Arten in den verschiedenen Baum- und Strauchzonen des Waldes. Vermutet wurde hingegen eine artspezifische Nutzung von Mikrohabitaten. Demnach nutzte M. murinus in mittleren Höhenlagen für die Nahrungsaufnahme stabilen Halt gebende Stämme und bevorzugt Zweige nur in höheren Baumregionen, wo sie ein horizontal kontinuierliches Stratum bilden. M. ravelobensis, dem durch seine eher springende Lokomotionsform auch möglich ist, sich in horizontal diskontinuierlich strukturierten Straten des Waldes zu bewegen, verhält sich entgegengesetzt. Auf horizontaler Ebene konnte ein exklusives Vorkommen der beiden Arten ausgeschlossen werden: Fangorte wurden zum Großteil gemeinsam genutzt. Interspezifische Aktionsraum-Überlappungen fielen jedoch gering aus. Auf zeitlicher Ebene konnten für M. murinus und M. ravelobensis keine Unterschiede bezüglich ihres Aktivitätsmusters gefunden werden. Aufgrund der populationsökologischen Ergebnisse dieser Studie wird erstmals Abstand von der bisherigen Annahme einer stabilen Koexistenz von M. murinus und M. ravelobensis im Untersuchungsgebiet genommen. Ergebnisse der nahrungsökologischen Untersuchungen ergaben aber auch Ansätze einer ökologischen Differenzierung von M. murinus und M. ravelobensis im Bereich der Nahrung und auf der räumlichen Ebene. Sie sollten in folgenden Studien weiter untersucht werden. Welche Faktoren verantwortlich für die populationsökologischen Veränderungen der letzten Jahre sind und ob sich die Populationen in den nächsten Jahren in gleicher Weise weiterentwickeln werden, müssen zukünftige Untersuchungen zeigen.

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Reimann, Wiebke Ena: Koexistenz und Nahrungsökologie von Weibchen des grauen und goldbraunen Mausmakis ( Microcebus murinus und M. ravelobensis) in Nordwest-Madagaskar. Hannover 2002. Tierärztliche Hochschule.

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