Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Quellen und Materialien zur Geschichte des Rheinischen Landgestüts Wickrath (1839-1957)

Harbers, Annette

The present study surveys the history of the no longer existing Wickrath State Stud from its foundation in 1839 to its dispersal and uniting with the Westphalian State Stud of Warendorf in 1957. Main emphasis was laid on the last three decades of the State Stud’s existence, corresponding with state stud director Franz Kuhse’s period of office. The majority of the sources preserved in archives dates from that period. Putting together those fragmentary sources and other material, mainly papers concerning horse breeding, this study aims to give a general overview - although it cannot be exhaustive - and to reveal as a whole the historical coherencies and the importance of the Wickrath State Stud for the evolution of the Rhenish coldblood and its breeding history.   The Wickrath State Stud was unique in its orientation exclusively towards coldblood breeding. Riding horses and thoroughbreds were kept in minor numbers, but did never gain importance for Rhineland’s breeding history.   The first three decades of the State Stud’s history were characterized by unsuccessful attempts of cross-breeding in order to improve the unsuitable rural Rhenish horse. Not until 1876 it was possible, due to the direction of the Landwirtschaftlicher Verein für Rheinpreussen (Agricultural Association of Rhine-Prussia), to define a breeding objective in the type of the Belgian coldblood. The foundation of the breeders’ organisation Rheinisches Pferdestammbuch (Rhineland Studbook) in 1892 was an important prerequisite for the quick evolution of the Rhenish coldblood because of yearly inspection and registration of the appropriate horses and their pedigrees, suiting the breeders’ preferencies. Besides impressing changes in calibre from light and middleweight horse types to the heavy and most heavy types in no more than 30 years, the breeders were even capable of establishing a remarkable consolidation in type. The rise of the Rhenish coldblood breed coincides with the progression in Rhenish agriculture, whose heyday corresponds with the high period of the Rhenish coldblood.   The Wickrath State Stud presented itself during this period of time as an institution of high continuity, always assembling large numbers of top quality sires of the most important bloodlines. Apart from keeping stallions in a state stud, after the First World War the private and cooperative stallion owners established their business. Although aiming for the same breeding objective, both sides were constantly competing with each other, causing an invigorating effect on the breed’s evolution. The decline of the Rhenish coldblood and hence of the Wickrath State Stud after the Second World War, took place swiftly. Mainly due to the economic crisis of the postwar period, a mass breeding of coldblood horses resulting in a market breakdown took place, furthermore enhanced by the tense financial situation after the currency reform. On top of this, mechanization of agriculture gained ground in Germany, with Rhineland as one of its innovators. The result was a change in type of the Rhenish coldblood, now preferred only in middleweight due to rational considerations.   The three-phased breeding history, that means the evolution, the high-period and the final reduction in calibre, was in each phase characterized by the hereditary influences of one sire of Belgian origin:  First, „Prince de Condé“, second, „Lothar III“, and third, „Albion d´Hor“. Apart from them, mainly Belgian stallions had progressive influence on the Rhenish coldblood’s breeding history. Hence, speaking of having reached a state of „independence from foreign imports“ was and is inappropriate.   There are two main causes for the dispersal of the Wickrath State Stud: One reason was the tight interaction between the State Stud and the breeding of coldblood horses, whose quickly fading importance mirrored in a rapid decline of covering numbers because of falling demand for coldblood horses. The second reason was the tense financial budget of the Ministry of Agriculture, which had to subsidize both State Studs of Northrhine-Westphalia. Because of Rhineland’s more advanced agricultural evolution, the Wickrath State Stud was earlier dispensable, so it was dissolved in 1957. The remaining stallions’ stock was incorporated to the Warendorf State Stud and the breeding stations in the Northrhine area have been charged from Westphalia from this time on.

Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die Geschichte des nicht mehr existierenden Landgestüts Wickrath von seiner Gründung 1839 bis zu seiner Auflösung und Vereinigung mit dem Westfälischen Landgestüt Warendorf 1957. Dabei wurde der Bearbeitungsschwerpunkt in die letzten drei Jahrzehnte des Bestehens des Gestüts gelegt, was etwa der Amtszeit von Landstallmeister Franz Kuhse entspricht. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten noch erhaltenen Archivalien. Durch Zusammenfügen der fragmentarischen Aktenbestände und sonstigen Quellen, darunter hauptsächlich pferde- züchterische Fachliteratur, sollte ein Gesamtbild erstellt werden, das zwar nicht frei von Lücken sein kann, jedoch in toto gesehen die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge und die Bedeutung des Landgestüts für die Entwicklung der rheinischen Kaltblutzucht erkennen läßt.   Das Landgestüt Wickrath war als einziges seiner Art fast ausschließlich auf die Kaltblutzucht ausgerichtet. Warm- und Vollblüter wurden zwar in geringer Zahl gehalten, waren aber für das Zuchtgeschehen im Rheinland ohne Bedeutung.   Die ersten drei Jahrzehnte der Gestütsgeschichte waren gekennzeichnet von erfolglosen Kreuzungsversuchen zur Verbesserung des ungeeigneten rheinischen Landschlages. Erst 1876 konnte unter Führung des Landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreussen als Zuchtziel ein Pferd im Typ des belgischen Kaltblutes definiert werden. Die Gründung der Züchtervereinigung „Rheinisches Pferdestammbuch“ 1892 war eine wichtige Voraussetzung für die rasche Weiterentwicklung der rheinischen Kaltblutzucht durch jährliche Prüfung und Eintragung der zur Zucht geeigneten Pferde und ihrer Abstammung. Neben einer eindrucksvollen Kaliberverstärkung vom leichten bis mittelschweren zum schweren und schwersten Pferde-Modell in nur 30 Jahren wurde auch eine bemerkenswerte Konsolidierung im Rassetyp erreicht. Dieser züchterische Aufstieg lief parallel mit der Entwicklung der rheinischen Landwirtschaft, deren Blütezeit mit der Hochzuchtperiode des rheinischen Kaltblutes übereinstimmt.   Das Landgestüt Wickrath zeigte sich während dieser Zeit als Einrichtung von hoher Kontinuität, die immer qualitätvolle Hengste bedeutender Blutlinien in ihrem Beschälerbestand vereinigte. Neben der staatlichen konnte sich nach dem Ersten Weltkrieg auch die private und genossenschaftliche Hengsthaltung etablieren, verfolgte zwar das gleiche Zuchtziel wie das Gestüt, stand aber zu diesem immer in einer Konkurrenzsituation, die sich außerordentlich belebend auf den Zuchtfortschritt auswirkte.   Der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Niedergang der rheinischen Kaltblutzucht und damit auch des Landgestüts Wickrath vollzog sich rasch. Die Hauptursachen lagen in der Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, die zu einer Massenvermehrung von Pferden führte mit anschließendem Zusammenbruch der Absatzmärkte durch Übersättigung, forciert durch die angespannte Finanzlage nach der Währungsreform. Außerdem setzte sich die Motorisierung der Landwirtschaft im Rheinland als eine der ersten Regionen Deutschlands durch. Es resultierte eine Typveränderung des rheinischen Kaltblutpferdes, das man aus rationellen Gründen nur noch mittelschwer bevorzugte.   Die drei Phasen der Zuchtgeschichte, nämlich der züchterische Aufstieg, die Hochzuchtperiode und die abschließende Kaliberreduktion, wurden gekennzeichnet vom Wirken je eines aus Belgien stammenden Spitzenvererbers: „Prince de Condé“, „Lothar III“ und „Albion d´Hor“. Neben diesen beeinflußten vor allem belgische Hengste das rheinische Zuchtgeschehen, so daß von absoluter „Bodenständigkeit“ in der Zucht nicht gesprochen werden kann.   Die Gründe für die Auflösung des Landgestüts Wickrath ergaben sich zum einen aus seiner engen Verbundenheit mit der Kaltblutzucht, deren schwindende Bedeutung sich im rapiden Rückgang der Bedeckungsziffern innerhalb weniger Jahre offenbart, zum anderen aus der angespannten Haushaltssituation des Landwirtschaftsministeriums, das für zwei Landgestüte im Land Nordrhein-Westfalen Zuschüsse zahlen mußte. Das im Rheinland aufgrund seiner weiter fortgeschrittenen Entwicklung früher entbehrliche Landgestüt Wickrath wurde 1957 aufgelöst, der verbliebene Hengstbestand dem Warendorfer Landgestüt zugeführt, und die Stationen im Landesteil Nordrhein wurden künftig nur noch von dort beschickt.  

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Harbers, Annette: Quellen und Materialien zur Geschichte des Rheinischen Landgestüts Wickrath (1839-1957). Hannover 2004. Tierärztliche Hochschule.

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