Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Wenn das Pferd nicht stallen kann

Lüpke, Carolin Dorothee

This thesis presents the historical evolution in nosology of the equine urinary tract from the ancient beginnings in the Middle East (in 1400 BC) until the con-temporary period. Special consideration is given to the change in diagnostic and therapeutic options of urolithiasis. Equine urolithiasis is known since antiquity. Symptoms are varied and resemble colics of the alimentary tract. Urolithiasis is defined as the formation of concrements in the upper and lower urinary tract. The symptoms of cystolithiasis appear only in a late stage. The index urolithiasis case is the adult gelding; mares usually pass smaller bladder calculi through the shorter urethra unnoticed. The diagnosis is achieved by history taking in connection with rectal exam as the most salient physical examination. Drug therapy is and was largely seen as pointless. Surgical treatment is paramount. This thesis divides the historical development in equine urolithiasis healthcare in epochs. Voiding difficulties of the horse were of great perceived importance; so great in fact, that their first mention is on Ugaritic clay tablets dating from 1400 BC. Animal observation was the mainstay of diagnosis in Antiquity. Urolithiasis was known as a dangerous illness. Healing instructions comprised of diagnostics, therapy and often prognosis. The treatment in Antiquity was conservative by means of diuretics or surgically by means of extraction of the stone through lithotomy. Questionable diagnoses and therapies are found in the prescriptions of the horse apothecary collections of the “Stallmeisterzeit” (stable master's period). Their instructions consist of the disease’s name as well as the healing proscriptions and rely on purely empiric knowledge. The horse apothecary collections present an insight of the period’s general take on this illness. The components of a prescription are of animal, herbal or mineral origin. Many instructions are rooted in magic and would nowadays even be considered cruelty to animals. The drugs were analysed as much as possible on her effectiveness and were valued. Most different prescriptions were actually very similar and presented either means of mucous membrane irritation or well as diuretic action. Progress in the modern sense is absent in equine healthcare of the Stallmeisterzeit. This changes only after the foundation of the first veterinary schools in early modern times. It is then that the triad from Antiquity is revived. 19th century textbooks distinguish themselves by a scientific background: Horses remain the most frequent animal afflicted by urolithiasis, yet other species are cattle and dogs. The development of new instruments greatly affects treatment evolution. Perhaps more importantly, improvements in hygiene and widespread adaptation of antisepsis improve mortality. New operation procedures are tested and adopted. While equine urolithiasis is still important to veterinary practice in the early 20th Century, other species already start displacing the horses. Urolithiasis of carnivores or ruminants moves to the foreground of veterinary practice. With the beginning of the 21st Century, it becomes clear that calculus disease is only seldom found in the horse, its importance for the overall equine health has declined.

In der vorliegenden Arbeit wird das Wissen um Erkrankungen des Harnapparates beim Pferd von den Anfängen der Pferdeheilkunde im Vorderen Orient (1400 v. Chr.) bis in die Moderne erörtert. Dabei wird auf den Wandel der Diagnose- und Therapiemöglichkeiten der Harnsteinkrankheit insbesondere in der Neuzeit eingegangen. Urolithiasis ist eine seit der Antike bekannte Erkrankung des Pferdes. Die Symptome sind vielfältig und ähneln mit chronischem Charakter einer Darmkolik. Unter Urolithiasis wird die Bildung von Konkrementen in den oberen oder unteren Harnwegen verstanden. Die Symptome der Cystolithiasis zeigen sich erst in einem späten Stadium und sind abhängig von der Lokalisation und Größe des Steins. Als typischer Harnsteinpatient gilt der erwachsene Wallach, da Stuten kleinere Steine über die kürzere Urethra unbemerkt ausscheiden können. Die Diagnose erfolgt anhand der klinischen Symptome in Verbindung mit rektaler Palpation als wichtigste Untersuchung. Therapeutisch ist von einer medikamentösen Behandlung abzuraten. Nur die chirurgische Behandlung ist erfolgversprechend. Die Darstellung der Entwicklung von Diagnosen und Therapien wurde zeitlich gegliedert. Pferdegeschichtlich gesehen sind Harnabsatzschwierigkeiten so wichtig, dass sie bereits um 1400 v. Chr. auf einer ugaritischen Tontafel erwähnt werden. Vor allem durch eine sehr genaue Tierbeobachtung kann in der Antike die Diagnose von Harnabsatzbeschwerden erfolgen. Die Urolithiasis wird als lebensgefährliche Krankheit erkannt. Heilungsanweisungen beinhalten neben Diagnostik und Therapie oftmals eine Prognose. Die Behandlung erfolgt konservativ mittels harntreibender Mittel oder mittels Extraktion des Steines durch ein Instrument wie beispielsweise ein Lithotom. Teils fragwürdige Diagnosen und Therapien sind in den Rezepten der Rossarzneisammlungen der Stallmeisterzeit zu lesen. Die Anweisungen setzen sich aus der Krankheitsbezeichnung sowie der Heilungsanordnung zusammen und stützen sich auf rein empirisches Wissen. Die Bestandteile eines Rezeptes sind tierischer, pflanzlicher oder mineralischer Herkunft. Viele Anweisungen basieren auf Aberglauben oder Magie und sind aus heutiger Sicht als tierquälerisch zu bewerten. Die Heilmittel wurden weitestgehend auf ihre phytotherapeutische Wirksamkeit analysiert und kurz bewertet. Inhaltlich zeigen sich Übereinstimmungen der Behandlungsweisen von Harnabsatzstörungen: Mittel zur Schleimhautreizung sowie harntreibende Bestandteile sind in den einzelnen Texten hauptsächlich vertreten. Fortschritt in der Diagnose oder Therapie ist kaum zu verzeichnen. Seit Gründung der ersten Tierarzneischulen (Lyon 1762, Alfort 1765/66 etc.) erlebt die Erkenntnisfindung einen Umbruch. Es wird analog zur Antike von der Trias der Harnbeschwerden (Ischuria, Dysuria und Stranguria) ausgegangen. Die Lehrbücher des 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch einen wissenschaftlichen Hintergrund aus: Harnsteine treten am häufigsten bei Pferden auf. Andere betroffene Tierarten sind Rinder und Hunde. Große Bedeutung erlangt die Erfindung neuer Instrumente. Vor allem durch Fortschritte in der Hygiene werden Prognosen deutlich besser. Neue Operationsverfahren werden erprobt und nach Bedarf modifiziert. Während die Urolithiasis im frühen 20. Jahrhundert beim Pferd noch die größte tierärztliche Bedeutung hat, rücken bereits Mitte des Jahrhunderts andere Tierarten wie Fleischfresser oder Wiederkäuer in den Vordergrund der tierärztlichen Praxis. Anfang des 21. Jahrhunderts wird deutlich, dass das Steinleiden am seltensten beim Pferd angetroffen wird und für die Gesundheit des Pferdes an Bedeutung verloren hat.

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Lüpke, Carolin Dorothee: Wenn das Pferd nicht stallen kann. Hannover 2012. Tierärztliche Hochschule.

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