Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

"Kampfhunde"

Steinfeldt, Andrea

Historische Untersuchungen und Funde belegen, daß bereits im Altertum große, schwere Hunde zu Jagd-, Wach- und Kriegszwecken verwendet wurden. Die frühen "Kriegshundpopulationen" waren jedoch in erster Linie von den Regeln der Gebrauchsauslese bestimmt. Mächtige doggenartige Hunde wurden schon rund 2000 Jahre v. Chr. von Babyloniern und Assyrern in den Kriegen um Vorderasien eingesetzt. Unter Xerxes gelangte 480 v. Chr. eine große Anzahl sog. "Molosser" nach Europa, von denen viele Tiere als Beutegut in die Hände der Römer fielen. Diese nutzten sie zur Bewachung der Lager und Reichsgrenzen, schätzten sie als Jagd- und Meldehunde und hetzten sie in den Arenen auf (Wild-)Tiere und Menschen. Die Tierkämpfe, die über viele Jahrhunderte als Volksbelustigung fortgeführt wurden, hatten im England des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Blütezeit. Gesetzlich gefördert, führten v.a. die Bullenkämpfe zur Zucht speziell gebauter Hunde (English Bulldogs), die den Grundstein für die Heranbildung der uns heute bekannten sogenannten "Kampfhundrassen" legten. Im Jahr 1835 wurden in England durch Parlamentarischen Beschluß alle Arten von Tierkämpfen verboten. Nun wandte sich das Interesse den leicht im Dunkel der Hinterhöfe durchzuführenden Hundekämpfen zu, die ursprünglich den sozial schwächeren Schichten vorbehalten waren. Die hierfür gezüchteten Terrier waren leichter und wendiger (Bull Terrier und Staffordshire Bull Terrier). Sie besaßen ein ansprechenderes Aussehen, so daß Liebhaber begannen, einheitliche Rassekriterien festzulegen und organisiert auf äußere Merkmale zu züchten. Als die englische Regierung rigoros gegen die weiterhin durchgeführten illegalen Hundekämpfe vorging, konnten sich die neu gezüchteten Rassen mehr und mehr als Ausstellungshunde etablieren. Mitte des 19. Jahrhunderts brachten viele Einwanderer aus den industriellen Ballungszentren Englands ihre Hunde nach Amerika, mit denen sie - vor allem im Nordosten des Landes - Hundekämpfe abhielten. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges spalteten sich auch hier die Interessen der Hundehalter- und Züchter auf. Die Liebhaber des Hundekampfes orientierten ihre Zucht streng nach den Regeln der "Leistungsfähigkeit" (American Pit Bull Terrier), während die Verfechter des Ausstellungshundes (American Staffordshire Terrier) sich eindeutig vom Hundekampf distanzierten. Seit dem Jahr 1936 werden beide Rassen daher in zwei unabhängigen Zuchtbüchern geführt. Bis in die heutige Zeit werden Hundekämpfe illegal abgehalten und - gemessen an der Gesamthundepopulation - einige wenige Vertreter verschiedenster Hunderassen für diese Zwecke mißbraucht. Die Ausbildung der Hunde an lebenden Tieren, in der Regel an Hähnen oder Katzen, verursacht meist starke und irreversible Störungen im Sozialverhalten und stellt in jeder Hinsicht einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar. Die Bezeichnung "Kampfhund" als Überbegriff für alle Angehörigen bestimmter Rassen bleibt aber aus vielen Gründen abzulehnen. Formen von übersteigertem Angriffs- oder Aggressionsverhalten können bei Hunden durch verschiedene endogene und exogene Faktoren entstehen, wobei die Rassezugehörigkeit keine Rolle spielt. Aus veterinärmedizinischer Sicht sollte die Gefährlichkeit von Hunden ausschließlich anhand ihres Individualverhaltens beurteilt werden. Dabei muß der Begriff "Kampfhund" unbedingt vermieden werden, weil er historischen Ursprungs ist und sich auf Hundepopulationen bezog, die leistungsorientiert für Kämpfe gezüchtet wurden und die in dieser Form heute nicht mehr existieren.

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Steinfeldt, Andrea: "Kampfhunde". Hannover 2002. Tierärztliche Hochschule.

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