Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Stefan Wesselmann

Entwicklung eines Benchmarkingsystems zur vergleichenden Bewertung der Tiergesundheit, des Antibiotikaverbrauchs und der Qualität der Tierbetreuung von Tierbeständen, die von einer spezialisierten Fachtierarztpraxis für Schweine betreut werden

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-108715

title (engl.)

Development of a benchmarking system for comparing animal health, antibiotic usage and quality of stockmanship on farms which are served by a specialised pig practice

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2016

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/wesselmanns_ss16.pdf

abstract (deutsch)

Der Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin ist wichtig und unverzichtbar, um eine rechtzeitige, sichere und erfolgreiche Behandlung von Infektionskrankheiten bei Tieren zu gewährleisten. Eine Antibiose ist nicht nur im Sinne des Tierschutzgesetzes angezeigt, um ein unnötiges Leiden der Tiere zu verhindern, sondern auch vor dem Hintergrund der Produktion von sicheren Lebensmitteln tierischer Herkunft und der Abwehr von Zoonosen auf den Menschen.

Da jede Antibiose auch eine Resistenzbildung hervorrufen kann, wird der Antibiotikaeinsatz in den letzten Jahren zunehmend kritisch gesehen und hinterfragt. Darum wurde eine genaue Erfassung des Antibiotikaeinsatzes bei den lebensmittelliefernden Tieren gefordert.

Verschiedene Antibiotikamonitoring-Programme auf privatwirtschaftlicher und staatlicher Basis bestimmen bereits seit 2011/2012 semi-quantitativ die Antibiotikaverbräuche unter anderem beim Schwein. Veröffentlicht werden diese regelmäßig quartalsweise oder halbjährig. Daraus errechnen sich dann entsprechende Kennzahlen.

In dieser Studie wurden die Antibiotikaverbräuche, die Tiergesundheit und die Betreuungsqualität innerhalb der Ferkelaufzucht von elf Ferkelerzeugern und zwei spezialisierten Ferkelaufzuchtbetrieben verglichen. Die Betriebe wurden in zwei Gruppen eingeteilt, einmal in die Gruppe, deren Betriebe im Therapieindex des staatlichen Antibiotikamonitorings unter der Kennzahl 2 lagen, zum anderen die Gruppe, deren Betriebe im II. Halbjahr 2014 und/oder im I. Halbjahr 2015 oberhalb der Kennzahl 2 lagen.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Antibiotikamonitoring keine Aussage darüber treffen kann, ob die Tiergesundheit in einem Bestand mit hohem oder niedrigem Verbrauch gut oder schlecht ist. Die Professionalität, der Ehrgeiz und die Betreuungsqualität von Beständen mit einer hohen Tiergesundheit gehen oft auch mit einem hohen Antibiotikaeinsatz einher (Betriebe 10, 12 und 13). Andererseits kann die Tiergesundheit in Betrieben mit niedrigem Antibiotikaverbrauch auch schlecht bis sehr schlecht sein (Betriebe 1 und 5).

Wie in der Arbeit von SEILER (2015) hat sich auch in den eigenen Untersuchungen gezeigt, dass die Höhe des Arzneimitteleinsatzes nicht von der Größe eines Bestandes abhängt, allerdings sehr wohl von der Anzahl verschiedener Ferkelherkünfte (Betrieb 13).

Das bedeutet, dass eine semi-quantitative Erhebung der Antibiotikaverbräuche nicht ausreicht, um schweinehaltende Betriebe vernünftig zu beurteilen, da der Antibiotikaverbrauch immer im Zusammenhang mit der Tiergesundheit und der Betreuungsqualität gesehen werden muss, um die Verbrauchszahlen besser einschätzen zu können.

Das zeigt, dass auf weitere Determinanten Einfluss genommen werden muss, um eine dauerhafte und tiergerechte Reduktion des Antibiotikaeinsatzes zu erreichen. So wurden lange mentale und psychologische Einflüsse des Landwirtes, die sich auf den Antibiotikaeinsatz auswirken können, nicht berücksichtigt. In der Untersuchung wurde deutlich, dass gerade charakterliche Eigenschaften des Betriebsleiters, wie zum Beispiel Ehrgeiz, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Risikobereitschaft etc., ausschlaggebend für den Umgang mit Antibiotika sein können. Genauso wichtig sind zwischenmenschliche und familiäre Situationen, Schicksalsschläge oder betriebliche Perspektiven.

Um innerhalb der spezialisierten Bestandsbetreuung darauf besser reagieren zu können, müssen zusätzlich zur integrierten Schweinebestandsbetreuung neue und innovative Strategien gesucht und etabliert werden, um nicht nur betriebsindividuell sondern auch betriebsleiterindividuell beraten zu können. Dazu kann ein tierarztpraxisinternes Benchmarkingsystem, welches die Antibiotikaverbräuche, die Tiergesundheit und auch die Betreuungsqualität berücksichtigt, dienen. Ein praxisinternes Ranking der einzelnen Betriebe bzw. Betriebsleiter erleichtert die Beratung, indem Betriebe ähnlicher Strukturen mit unterschiedlichen Antibiotikaverbräuchen verglichen werden können. Die Platzierung innerhalb des Rankings kann beim Landwirt den Ehrgeiz hervorrufen, besser werden zu wollen. Dieser psychologische Effekt ist dabei für die Tierärzte gut nutzbar, um eine Antibiotikaminimierung durchzuführen.

Um den Antibiotikaeinsatz in einem Bestand zu verringern, sind oft viele verschiedene Maßnahmen nötig. Diese Maßnahmen können sehr vielfältig und komplex, aber auch sehr einfach und übersichtlich sein. Zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes ist es von größter Wichtigkeit, den Veränderungsprozess im Gesundheitsmanagement sinnvoll und erfolgreich zu begleiten. Das Phänomen, dass Empfehlungen von Beratungsgesprächen zum Tiergesundheitsmanagement gar nicht oder nur zum Teil umgesetzt werden, muss zum Anlass genommen werden, weitere Strategien zur effektiven und insbesondere erfolgreichen Beratung zu etablieren.

In der Unternehmenspsychologie wird eine nachhaltige Beratung immer von verschiedenen Maßnahmen begleitet, die professionell auf die tierärztliche Bestandsberatung angepasst und übertragen werden sollten:

•             das Change-Management berücksichtigt Zielvorstellungen, Maßnahmenpläne, aber auch Widerstände, Ängste und Scheitern von Vorhaben

•             das Routinemanagement berücksichtigt eingefahrene positive, wie auch negative Verhaltensweisen, die nicht ohne weitere Hilfe geändert oder etabliert werden können

•             das Coaching für Changeprozesse begleitet den Landwirt professionell durch verschiedene, in der Unternehmenspsychologie bekannte Phasen, in denen ein hohes Risiko für ein Scheitern der Vorhaben herrscht.

Insgesamt zeigt die Arbeit, dass die Höhe des Antibiotikaeinsatzes von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist und nur durch erweiterte Monitoringsysteme zweckvoll erhoben werden kann, sowie die Tatsache, dass besonders mentale Eigenschaften des Betriebsleiters über die Erfolge einer tiergerechten und nachhaltigen Antibiotikareduktion entscheidet.

abstract (englisch)

The use of antibiotics in veterinary medicine is important and indispensable to achieve a timely, reliable, and successful treatment of infectious diseases in animals. Antibiotics are not only required to comply with animal welfare legislation by preventing unnecessary suffering in animals, but also against the background of producing safe food of animal origin and preventing zoonotic diseases in humans.

As every antibiotic treatment can lead to resistance, there is increased criticism and questioning of antibiotic usage in the past years. An exact quantification of antibiotic usage in animals in food producing animals has been demanded.

A national antibiotic monitoring programme has been developed by industry and government bodies since 2011/2012 which provide a semi-quantitative assessment of antibiotic usage in pigs amongst other species. They are published regularly every three or six months. From this certain indicators can be calculated.

This study compares antibiotic usage, animal health and quality of stockmanship in piglet production in eleven piglet producers and two specialised piglet growers. The farms were divided into two groups, one group with farms with a therapy index of below the threshold 2 in the government monitoring scheme and another group with farms which were above the threshold 2 in the second half of 2014 and/or the first half of 2015.

The results show that antibiotic monitoring cannot predict whether the animal health of a pig herd with high or low usage is good or poor. Professionalism, a high motivation to provide a high quality of stockmanship in high health farms also lead to high antibiotic usage (farms 10, 12, 13). On the other hand, farms with low antibiotic usage can show poor or very poor animal health (farms 1 and 5).

This study supports previous work by SEILER (2015) which showed that the quantity of medicine used is less dependent on herd size, but rather on the number piglet suppliers (farm 13).

This means that a recording of antibiotic usage without simultaneaously recording animal health is insufficient for a reasonable assessment of pig farms, as antibiotic usage has to be seen in relation to animal health and the quality of stockmanship in order to improve the assessment of the consumption of antibiotics.

This shows that further parameters have to be added to the system in order to achieve a long-term and welfare compatible reduction in antibiotic usage. For a long time mental and psychological factors in farmers which may have an effect on antibiotic usage have not been taken into account. This study demonstrates that above all mental and psychological characteristics of farmers like motivation, anxiety, insecurity, readiness to take risks etc. can be deciding factors in dealing with antibiotics. Human relationships, family issues, strokes of fate and business perspectives are equally important.

In order to respond to these facts, it is necessary that in addition to integrated pig herd health and production medicine concepts, new and innovative strategies have to be validated and established which enable not only farm specific but also farmer-specific advice. An internal veterinary practice benchmarking system which takes into account antibiotic usage, animal health and the quality of stockmanship can serve this purpose. A practice-internal ranking of farms (and farmers) facilitates useful pieces of advice by comparing farms of similar structures with different antibiotic usage. The ranking within the benchmarking group can motivate farmers to improve their stockmanship. This psychological effect is useful for veterinarians trying to reduce antibiotic consumption.

Many different measures are often required to reduce antibiotic usage in a herd. These measures may be multiple and complex or simple and clear. Accompanying the process of change in animal health management in a sensible and successful way is of paramount importance for reducing antibiotic usage. The observation that recommendations from advisory visits are not or only partially followed should be a starting point to establish further strategies for effective and above all successful veterinary consultations.

In business psychology lasting advice is accompanied by various measures which professionally can be adapted and translated into herd health and production medicine:

  • Change management considers set targets, planned measures but also obstacles, anxiety and failure to achieve
  • Routine management considers well-worn positive and negative behavioural patterns which cannot be changed or established without help
  • Coaching through the process of change accompanies the farmer professionally through various phases known from business psychology which harbour a high risk of failure.

To summarize, this work demonstrates that the level of antibiotic usage is dependent on a variety of different factors and can only be usefully quantified by extended monitoring systems. It also points out the fact that mental issues in farmers are a decisive factor for the success of a welfare compatible and lasting reduction in antibiotic consumption.

keywords

Antibiotikaverbrauch, Schwein, Benchmarking, pigs, antibiotic usage

kb

1.652