Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Lena Carolin Voigt

Untersuchungen zur Euthanasieentscheidung von Tierbesitzern* hinsichtlich Entscheidungsfindung, Umgang und Trauerbewältigung

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-110245

title (eng.)

Pet euthanasia – Decision making, coping strategies and mourning rituals.

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2017

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/voigtl_ss17.pdf

abstract (deutsch)

Die Euthanasie ist ein unvermeidbarer Bestandteil der tierärztlichen Tätigkeit. Sie stellt eine der schwierigsten Situationen dar, die dem Tierarzt*  heutzutage mehr als nur fachliche Kenntnisse abverlangt. Der Tierarzt* ist im Falle der Euthanasie unmittelbar am Bruch einer Mensch-Tier-Beziehung beteiligt. Deshalb ist es wichtig die Umstände der Entscheidungsfindung, den Umgang des Besitzers* mit der Bürde der Entscheidung und dessen Trauerstrategien zu untersuchen.

 

Retrospektive Analyse: Auswertung von Euthanasiefällen aus dem Patientengut der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Eine retrospektive Analyse von Euthanasiefällen aus dem Patientengut der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztlichen Hochschule sollte Auskunft geben über die Euthanasiequote, die jeweiligen Beweggründe für eine Euthanasie, die demographischen Daten von euthanasierten Hunden und Katzen, die Behandlungsdauer sowie die durchschnittlichen Kosten, die ein Tierbesitzer* in einer spezialisierten Klinik für Kleintiere vor einer Euthanasie aufbringt.

Für diese Analyse wurden alle Euthanasiefälle vom 01.01.12 bis zum 31.12.15 aus dem Patientengut der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover untersucht. Die Datenerfassung erfolgte über eine Stichwortsuche in dem speziell für Tierarztpraxen und Tierkliniken entwickelte Datensoftwareprogramm „easyVet“ und den Betäubungsmittelbüchern. Die Daten wurden getrennt nach Hunden und Katzen in dem Datensoftwareprogramm Microsoft Access aufgenommen und für die anschließende statistische Auswertung in das Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel überführt.

Die meisten Hunde und Katzen wurden aufgrund einer internistischen oder onkologischen Erkrankung euthanasiert. Der Krankheitsverlauf verlief in den überwiegenden Fällen perakut bis akut. Fast die Hälfte aller Hunde und Katzen wurden aufgrund einer schlechten oder infausten Prognose mit schlechtem Allgemeinbefinden euthanasiert. Der überwiegende Anteil der Tiere wurde unabhängig von der Diagnose unmittelbar oder ein bis sieben Tage nach der Diagnosestellung euthanasiert. Die Euthanasien fanden zu etwa 90 % in der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover statt. Hundebesitzer* gaben im Durchschnitt 856,14 €, Katzenbesitzer* 561,73 € für Diagnostik, Therapieversuche und die Euthanasie aus.

 

Explorative Analyse: Befragung von Tierbesitzern* und  Tierärzten* aus der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover nach einer Euthanasie

Die auf Fragebögen basierende explorative Analyse sollte Erkenntnisse über die Mensch-Tier- Beziehung liefern, welche Rolle das Tier für den Menschen spielt, wie sich diese Beziehung auf die Euthanasieentscheidung auswirkt und inwieweit der Verlust und die Trauer um das Tier vergleichbar mit dem Tod eines Angehörigen oder Bekannten gesehen wird. Des Weiteren sollte herausgefunden werden, ob es vergleichbare oder übertragene Verarbeitungsstrategien nach dem Verlust eines Tieres wie nach dem Tod eines nahestehenden Menschen gibt (z.B. Anlegen eines Grabes, regelmäßige Grabbesuche, die Veranstaltung einer Trauerfeier, Schaffung von Andenken). Auch der Umgang mit dem selbstgewählten Tod des eigenen Tieres sollte untersucht werden.

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wurden jeweils ein Fragebogen für die Tierbesitzer* mit separatem Anschreiben mit der Bitte um freiwillige Teilnahme und ein daran angelehnter Fragebogen für die behandelnden Tierärzte* entwickelt. Der überwiegende Anteil wies als Antwortformat für das Merkmal überprüfende Item eine bipolare, numerische Rating-Skala mit einer mittleren, neutralen Kategorie und jeweils zwei Kategorien rechts und links davon, auf. Einige wenige Fragen waren im dichotomen Stil gehalten, bei denen Antwortmöglichkeiten zum Ankreuzen vorgegeben waren. Am Ende des Fragebogens für die Tierbesitzer* wurde eine Selbstauskunft erhoben.

Die in dem Zeitraum der Erhebung euthanasierten Tiere, die für die Auswertung herangezogen wurden, wurden anhand des Betäubungsmittelbuches erfasst. Die Tierärzte* erhielten unmittelbar nach der Euthanasie des Patienten den Fragebogen persönlich ausgehändigt, den Tierbesitzern* wurde der Fragebogen mit einem Rückumschlag vier bis sechs Wochen nach der Euthanasie zugesendet.

Insgesamt wurden 273 Fragebögen an die Tierärzte* ausgehändigt. 246 Fragebögen wurden komplett beantwortet zurückgegeben und konnten für die Auswertung herangezogen werden. Etwa Drei Viertel der Tierärzte* gaben an, dass die Besitzer* sehr besorgt, fürsorglich, verantwortungsbewusst und bereit waren alles für ihr Tier zu tun. Bei mehr als zwei Dritteln gingen die Tierärzte* davon aus, dass die Tierbesitzer* eine überdurchschnittlich hohe Bindung zum Tier aufwiesen. Mehr als die Hälfte der Besitzer* orientierte sich bei der Entscheidung am Rat des Tierarztes*.

Nahezu alle Hunde- und Katzenbesitzer* bezeichneten ihr Tier als vollwertiges Familienmitglied. Knapp die Hälfte sah ihr Tier sogar als Kindersatz. Dementsprechend gaben mehr als 80 % Prozent der Hundebesitzer* und etwa drei Viertel der Katzenbesitzer* an, um ihr Tier genauso stark wie um einen Angehörigen zu trauern.

Übereinstimmend mit den Aussagen der Tierärzte* ließen fast alle Besitzer* ihr Tier aufgrund einer schlechten Prognose und um dem Tier weiteres Leid zu ersparen, euthanasieren. Kosten spielten bei dem überwiegenden Anteil der hier mit ihrem Tier vorstelligen Besitzer* weniger eine Rolle. Die Bereitschaft Geld und Zeit für Diagnostik und Therapieversuche zu investieren war insgesamt hoch.

Die Euthanasieentscheidung führte in der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in dieser Studie kaum zu einem Konflikt zwischen Tierarzt* und Tierbesitzer*. Die meisten Tierbesitzer* bezeichneten die Euthanasie zwar als extrem schwere Entscheidung, sahen sie letztendlich jedoch vor allem als Erlösung für das Tier und als richtige Entscheidung an.

Viele Hunde- und Katzenbesitzer* übernahmen das Ritual des Anlegens eines Grabes aus der menschlichen Trauerkultur. Allerdings nutzten nur wenige Tierbesitzer* die Möglichkeit ihr Tier auf einem Tierfriedhof zu beerdigen oder von einem Bestattungsunternehmen kremieren zu lassen.

abstract (englisch)

Euthanasia is an inevitable and crucial part of veterinary work. It represents a complex situation, which requires more than medical skills. In the case of euthanasia the veterinarian is involved in the breach of a human-animal bond. Therefore, it is important to obtain information on decision making and coping strategies of pet owners in the face of pet euthanasia.

 

Retrospective Analysis: Review of euthanasia cases of the Small Animal Clinic of the University of Veterinary Medicine Hannover, Foundation.

The retrospective analysis of clinical data had the aim to provide information about the euthanasia rate, reasons for euthanasia of dogs and cats, demographic data of euthanized dogs and cats, length of medical treatment as well as the average costs the owners were willing or able  to pay before an euthanasia decision was made.

For this analysis, all euthanasia cases from January 1, 2012 to December 31,2015, were included The data were collected by a keyword-based search in the patient administration and documentation softwareprogramm “easyVet” and by searching the controlled substances register of the small Animal Clinic of the University of Veterinary Medicine Hannover, Foundation. The data were entered separately for dogs and cats into the data program Microsoft Access and subsequently transferred to the spreadsheet program Microsoft Excel and analyzed with “SAS enterprise guide 7.1”.

Most of the dogs and cats were euthanized due to internal or oncologic diseases. The progression of the disease was peracute to acute in the majority of the cases. Almost half of the dogs and cats were euthanized as a result of poor or infaust prognosis in combination with a poor physical status.

The majority of the pets were euthanized directly or one to seven days after the diagnosis, irrespective of the diagnosed disease. More than 90 % of animals were euthanized on site in the Small Animal Clinic of the University of Veterinary Medicine Hannover, Foundation. Dog and cat owners spent an average of € 856.14 and € 561.73 on diagnostics, different therapies and euthanasia.

 

Explorative Analysis: A Survey of Veterinarians and Pet owners after euthanasia of a pet in the Small Animal Clinic of the University of Veterinary Medicine Hannover, Foundation.

The questionnaire based survey aimed to gain insight in the human-animal bond. It particularly examined the importance of the pet for its owner and in which way this human-animal bond influenced the decision for euthanasia. Another aspect was to assess the owner’s grief. The survey intended to explore strategies of human grieving after pet loss and possible coping strategies (i.e. organizing a funeral, other approaches to preserve the memory). Furthermore the survey examined the way owners felt about the decision to euthanize their pet.

In order to find answers to these questions, a questionnaire for the pet owners and a separate cover letter were developed asking for voluntary anonymous participation. A similar questionnaire was handed to the involved veterinarian.

Most of the questions were based on a bipolar, numerical rating scale including an average, neutral category and two categories on the right and on the left. A few questions had to be answered by multiple-choice selection. The questionnaire finished with the pet owner’s personal statement about the euthanasia.

The euthanasia cases were selected from the controlled substances register of the Small Animal Clinic of the University of Veterinary Medicine Hannover, Foundation. The involved veterinarians were given the questionnaire immediately after the euthanasia of the animal. The pet owner´s questionnaire was sent to the dog and cat owners four to six weeks after the pet´s euthanasia with a pre-prepared return envelope.

273 questionnaires were given to the veterinarians. 246 questionnaires were answered by them. Approximately three quarters of the veterinarians pointed out that the owners seemed to be very caring, considerate and responsible. They were prepared to do everything conceivable for their pets. The veterinarians confirmed that more than two-thirds of the owners had a strong relationship with their pets. More than half of the owners trusted in the veterinarian’s advice to decide for euthanasia.

Almost all of the dog and cat owners considered their pets as a full family member, almost half of them even as a child. More than 80 % of the dog owners and 75 % of the cat owners confirmed to grieve for their pet in the same way as for a human being.

In accordance with the veterinarians’ statements most of the owners consented to euthanasia based on a poor prognosis and to avoid further suffering. The willingness to invest money and time for diagnostics and therapy was generally high. The euthanasia decision did not lead to a conflict between the veterinarian and the pet owner in this study.

Most pet owners perceived the euthanasia decision as being extremely burdensome, however, most regarded the euthanasia as a release and as the right decision.

Many dog and cat owners transferred burial rituals from human culture by burying the pet and caring for a grave. Only a few owners had their pets buried in a pet cemetery or cremated in a pet crematory.

keywords

Mensch-Tier-Beziehung, Trauerbewältigung, Verarbeitungsstrategien ; human-animal-bond, decision, survey

kb

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