Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Antonia Ulrich

Prävalenzen Tierschutz-relevanter

Integumentschäden und Verschmutzungen bei

Milchkühen in niedersächsischen Milchviehbetrieben

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-106981

title (engl.)

Prevalence of animal welfare-relevant injuries and soiling of dairy cows in farms in Lower Saxony

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2015

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/ulricha_ss15.pdf

abstract (deutsch)

Ziel dieser Studie war die Erfassung der Prävalenzen von Tarsalgelenksveränderungen (TGV) und der Verschmutzung laktierender Kühe in niedersächsischen Milchviehbetrieben. Die erhobenen Daten liefern der „Tierschutz Arbeitsgruppe Rind“ des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine objektive Grundlage zur Diskussion über die Festlegung geeigneter Schwellenwerte (Ziel-/ Alarmwerte) Tierschutz-relevanter Indikatoren. Diese sollen künftig in die Novellierung des „Tierschutzplans Niedersachsen“ integriert werden.

 

Die Datenerhebung fand auf 160 niedersächsischen Milchviehbetrieben mit Boxenlaufstallhaltung statt, die unter Berücksichtigung der Bestandsgrößen sowie der regionalen Verteilung (PLZ-Bereiche) repräsentativ für die niedersächsischen Milcherzeugerbetriebe ausgewählt wurden. In die Auswertung gingen 159 Betriebe mit insgesamt 13.985 laktierenden Kühen ein. Davon konnten 12.608 Tiere (90,2 %) bzgl. der TGV und 13.600 Tiere (97,3 %) bezüglich des Verschmutzungsgrades beurteilt werden.

 

Beurteilt wurden alle zum Zeitpunkt des Besuches laktierenden Kühe eines Betriebes durch die beiden Doktorandinnen A. Schranner (s. Teilprojekt A. Schranner) und A. Ulrich.

 

Die Bonitierung der Tarsalgelenke erfolgte bei allen laktierenden Kühen einer Herde visuell mittels eines 5-Punkte-Schemas, das wie folgt definiert wurde: Int 1 = keine Veränderung, Int 2 = haarlose Stelle(n), Int 3 = Hyperkeratose(n), Int 4 = Umfangsvermehrung, Int 5 = Umfangsvermehrung mit offener Wunde. In die Begutachtung einbezogen wurden die laterale und mediale Seite beider Tarsalgelenke sowie laterale, mediale und dorsale Seite der Fersenhöcker beider Hintergliedmaßen. Pro Kuh wurde lediglich der Wert der schwersten Veränderung notiert. Mit 51,6 [21,1/70,3] % (Md [25/75]) wiesen im Mittel aller besuchten niedersächsischen Betriebe etwa die Hälfte der Tiere einer Herde keine Veränderung an den Tarsalgelenken auf. Die Prävalenz laktierender Kühe mit haarlosen Stellen lag im Mittel aller Betriebe bei 40,7 [22,9/53,3] %, die der Hyperkeratosen bei 4,9 [1,6/13,0] %, Umfangsvermehrungen (UV) traten im Mittel bei 1,6 [0/5,7] % und UV mit offener Wunde bei 0 [0/0,7] % der inspizierten Tiere einer Herde auf. Die Score-Werte für die schwersten Veränderungen (UV ohne bzw. mit offener Wunde) wurden als Tierschutz-relevant definiert (Int 45). Die aufsummierte Prävalenz der Tiere mit diesen Veränderungen belief sich auf den untersuchten niedersächsischen Milchviehbetrieben auf einen Medianwert von 2,1 [0/6,3] % mit einem Minimum von 0 % und einer maximalen Prävalenz von 30,4 %.

 

Der Verschmutzungsgrad wurde bei allen laktierenden Kühen einer Herde anhand eines 3-Punkte-Schemas beurteilt. Die Abstufungen wurden wie folgt definiert: V 1 = sauber bzw. geringgradige Verschmutzung (allenfalls wenige Dreckspritzer mit einer Gesamtfläche von maximal zwei Handflächen), V 2 = mittelgradige Verschmutzung (das Haarkleid ist auf einer Fläche von mehr als zweie Handflächen verschmutzt das Haarkleid bleibt aber größtenteils sichtbar), V 3 = hochgradige Verschmutzung (verkrustete Schmutzplatten, durch die kaum noch Haare sichtbar sind oder flächige Verschmutzung des Haarkleides). In die Beurteilung einbezogen wurden beide Hinterbeine oberhalb der Tarsalgelenke, die Flanken, der Euterspiegel und die laterale Fläche des Abdomens. Saubere bzw. geringgradig verschmutzte Tiere (V 1) traten auf den niedersächsischen Milchviehbetrieben im Mittel bei 19,5 [3,9/43,8] % und mittelgradige Verschmutzungen (V 2) bei im Mittel 77,1 [55,4/87,5] % der laktierenden Tiere auf. Besondere Beachtung galt den als Tierschutz-relevant definierten hochgradigen Verschmutzungen (V3), welche im Mittel bei 1,0 [0/3,8] % der Kühe gefunden wurden.

 

Die in dieser Studie ermittelten Prävalenzen der Tiere mit schweren TGV wie auch hgr. Verschmutzungen erwiesen sich als niedriger verglichen mit den Ergebnissen in anderen europäischen wie auch internationalen Studien.

 

Die Anteile an Tieren eines Betriebes mit schweren TGV (Int 45) und hgr. Verschmutzungen (V 3) korrelierten positiv miteinander (r = 0,27).

 

Anschließend wurden die Einflüsse diverser haltungs- und managementbedingter Faktoren auf die Prävalenz der Tiere mit schweren TGV (Int 45) wie auch hgr. Verschmutzungen (V 3) geprüft. Als Faktoren mit signifikantem Einfluss auf die Gesundheit der Tarsalgelenke erwiesen sich der Liegeboxentyp (Hochliegeboxen: 3,7 % vs. Tiefliegeboxen: 1,2 %), das verwendete Einstreumaterial (Stroh: 1,1 % vs. Sägespäne /-mehl: 4,4 %), die Ausbildung einer stabilen organischen Matratze in Tiefliegeboxen (Matratzenbildung: 0 % vs. keine Matratzenbildung: 1,9 %), das Vorhandensein von Sackgassen (vorhanden: 2,3 % vs. nicht vorhanden: 0,6 %), die Dauer des täglichen Weidegangs (bis zu 3 Stunden: 3,8 % vs. halbtags: 2,0 % vs. Tag und Nacht: 0 %) sowie die Art der Trockensteherhaltung (Boxenlaufstall: 2,6 % vs. Strohbucht: 2,3 % vs. Weide: 1,1 %). Zudem korrelierten die Gesamtlänge gegenständiger Liegeboxen (r = -0,07), die Höhe der Kotkante (r = -0,20), die Höhe der Bugschwellen (r = -0,20), die Höhe der Streuschwellen von Tiefliegeboxen (r = -0,21), die Einstreutiefe in Tiefliegeboxen (r = -0,21), das Liegeboxen-Tier-Verhältnis (r = -0,11) sowie die Belegungsdichte (r = 0,13) negativ mit der Prävalenz der Kühe mit Tierschutz-relevanten TGV.

 

Einen signifikanten Einfluss auf die Prävalenz hgr. verschmutzter laktierender Kühe nahmen der Liegeboxentyp (Hochliegeboxen: 1,9 % vs. Tiefliegeboxen: 0 %), das Einstreuen von Hochliegeboxen (Einstreu: 1,0 % vs. keine Einstreu: 6,4 %), das Säuberungsintervall von Liegeboxen (2x täglich: 0 % vs. seltener als 2x täglich: 1,8 %), die Anbringung der Seitenabtrennungen (freitragend: 0 % vs. nicht freitragend: 1,9 %), das Entmisten der Laufflächen (Entmistung: 0 % vs. keine Entmistung: 1,5 %) die Dauer des täglichen Weidegangs (bis zu drei Stunden: 0 % vs. halbtags: 1,6 % vs. Tag und Nacht: 0 %) sowie die Aufstallungsart trockenstehender Kühe (Boxenlaufstall: 1,3 % vs. Strohbucht: 2,7 % vs. Weide: 0 %). Die Betriebsgröße (r = 0,15) sowie die verwendete Kalkmenge in Hochliegeboxen (r = 0,29) korrelierten positiv mit dem Anteil hgr. verschmutzter Tiere. Zudem korrelierten das Tränke-Tier-Verhältnis (r = -0,12), die Höhe der Kotkante (r = -0,14), die Höhe der Bugschwellen (r = -0,19), das Liegeboxen-Tier-Verhältnis (r = -0,13) sowie die Belegungsdichte (r = -0,13) negativ mit der Auftrittshäufigkeit übermäßiger Verschmutzungen laktierender Kühe.

 

Die Ergebnisse der Varianz- und Korrelationsanalysen zeigen auf, dass durch die Bereitstellung einer optimierten Haltungsumgebung und eines entsprechenden Managements das Auftreten schwerer TGV wie auch hgr. Verschmutzungen bei Milchkühen vermieden oder zumindest auf ein Minimum reduziert werden kann. Die Studie zeigte jedoch auch ein weiteres Mal, dass nicht der einzelne Faktor von Bedeutung ist, sondern das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen Haltungsfaktoren. Die Ergebnisse unterstreichen die entscheidende Bedeutung des Herdenmanagements für die Tiergerechtheit eines Haltungssystems.

abstract (englisch)

The aim of this study was to identify the prevalence of hock injuries and soiling of lactating dairy cows on farms in Lower Saxony. The collected data should provide an objective basis for the “Tierschutz-Arbeitsgruppe Rind” of the Lower Saxony Ministry of Food, Agriculture and Consumer Protection (Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) to establish appropriate thresholds (target and alarm level) for animal welfare-relevant indicators.

 

A randomized sample of 160 dairy farms with cubicle housing systems were included in the study, which were representative for Lower Saxony in respect to farm size and regional distribution (postal districts). Finally, results of 159 farms with 13,985 lactating dairy cows were evaluated. Out of these, 12,608 cows (90.2 %) were assessed for hock-injuries and 13,600 cows (97.3 %) for soiling.

 

All dairy cows lactating at the time of visitation were included in the evaluation by A. Schranner (sub-project A. Schranner) and A. Ulrich.

 

Hock injuries were assessed using a 5-point scoring system (Int 1 = no lesion, Int 2 = hairless patch > 2 cm, Int 3 = hyperkeratosis > 2 cm; Int 4 = swelling > 5 cm, Int 5 = swelling > 5 cm with open wound). Both hind legs were examined including the lateral and medial tarsus as well as the lateral, medial and dorsal calcaneus. The worst lesion found on both hind legs was decisive for the score of the respective cow. Median prevalence (of all dairy farms visited) for lactating dairy cows without any hock lesion (Int 1) was 51.6 [21.1/70.3] % (Md [25/75]). The median prevalence for cows with hairless patches was 40.7 [22.9/53.3] %, with hyperkeratosis 4.9 [1.6/13.0] %, with swellings 1.6 [0/5.7] % and with swellings and open wounds 0 [0/0.7] %. The two highest scores (swelling [Int 4] and swelling with open wound [Int 5]) were defined as indicators of animal welfare-relevant alterations. The sum of both prevalences (Int 45) had a median of 2.1 [0/6.3] %, with a range from 0 to 30.4 %.

 

Soiling was evaluated using a 3-point scoring system (V1 = clean or mild soiling, V 2 = moderate soiling, V 3 = severe soiling). The median prevalence of cows with mild soiling (V 1) was 19.5 [3.9/43.8] %, with moderate soiling 77.1 [55.4/87.5] % and with severe soiling 1.0 [0/3.8] %. In this case, score 3 (severe soiling) was defined as animal welfare-relevant indicator.

 

The evaluated prevalence of animals with severe hock lesions (Int 45) as well as severe soiling (V 3) was low compared to other European and international studies.

 

Prevalences of severe hock lesions (Int 45) and severe soiling (V 3) correlated positively (r = 0.27).

 

In addition, the impact of various housing- and management factors on the prevalence of severe hock lesions (Int 45) and severe soiling (V 3) were evaluated. The prevalence of severe hock lesions (Int 45) was significantly affected by the type of cubicle (cubicles with mats: 3.7 % vs. deep bedded cubicles: 1.2 %), bedding material (straw: 1.1 % vs. sawdust: 4.4 %), building of a robust organic mattress in deep bedded cubicles (mattress building: 0 % vs. no mattress building: 1.9 %), the presence of blind alleys (presence: 2.3 % vs. absence: 0.6 %), the duration of daily grazing (up to 3 hours per day: 3.8 % vs. half a day: 2.0 % vs. day and night: 0 %) and the type of housing for non-lactating dairy cows (cubicle housing: 2.6 % vs. straw yard: 2.3 % vs. pasture: 1.1 %). Furthermore, prevalence of severe hock lesions (Int 45) correlated negatively with total cubicle (face to face) length (r = -0.07), curb height (distance between alley and the highest point of the curb) (r = -0.20), height of brisket board (r = 0.20), height of litter-curb (distance between cubicle ground and highest point of curb) (r = -0.21), depth of bedding (r = -0.21), cubicle-animal relation (r = -0.13) as well as stocking density [m2/cow] (r = -0.13).

Factors affecting significantly the prevalence of lactating dairy cows with severe soiling (V 3) were the type of cubicle (cubicles with mats: 1.9 % vs. deep bedded cubicles: 0 %), the presence of bedding material in cubicles with mats (bedding material: 1.0 % vs. no bedding material: 6.4 %), the cleaning interval of cubicles (twice daily: 0 % vs. less than twice daily: 1.8 %), the type of lateral cubicle partition (self-supporting: 0 % vs. not self-supporting: 1.9 %), alley scraping (yes: 0 % vs. no: 1.5 %), the duration of daily grazing (up to 3 hours a day: 0 % vs. half a day: 1.6 % vs. day and night: 0 %) as well as the type of housing for non-lactating dairy cows (cubicle housing: 1.3 % vs. straw yard: 2.7 % vs. pasture: 0 %). The prevalence of cows with severe soiling was positively correlated to farm size (total number of lactating and non-lactating dairy cows at the time of visitation) (r = 0.15) and amount of lime in cubicles with mats (r = 0.29). Furthermore, the prevalence of cows with severe soiling correlated negatively with trough-animal relation [m/cow] (r = -0.12), curb height (r = -0.14), height of brisket board (r = -0.19), cubicle-animal relation (r = -0.13) and stocking density [m2/cow] (r = -0.13).

 

The results of this study reveal evidence that in cubicle housing systems severe hock lesions as well as severe soiling of dairy cows can be avoided or at least minimized if an optimal housing environment and management is provided. Not one single factor is of importance, but the complex correlation of the various housing factors. The results emphasize the significance of herd management in relation to housing systems as key parameter ensuring animal welfare.

keywords

Milchkühe, Integumentschäden, Verschmutzungen, dairy cows, injuries, soiling 

kb

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