Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Dunia Thiesen-Moussa

 

Entwicklung eines speziellen Ausbildungsprogramms für den polizeilichen Vernehmungsbegleithund

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-98603

title (engl.)

Development of a specific training programme for police questioning assistance dogs

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2010

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/thiesen-moussad_ss10.pdf

abstract (deutsch)

In der vorliegenden Studie wurde ein spezielles Ausbildungsprogramm entwickelt, um angehende Vernehmungsbegleithunde gezielt auf den Einsatz in Vernehmungen missbrauchter Kinder und Jugendlicher vorzubereiten und so den opfer- und tierschutzgerechten Einsatz dieser Hunde zu gewährleisten. In diesem Einsatz sollen die Hunde den häufig traumatisierten Missbrauchsopfern seelische Unterstützung bieten.

In einer vorangegangenen Studie erstellte KNIPF (2008) ein Anforderungsprofil, sowie einen speziellen Eignungstest für den polizeilichen Vernehmungsbegleithund. Eigenschaften und Verhaltensweisen der Hunde in diesem Test wurden mittels eines Scoresystems bewertet. Erhielt ein Hund im Test ausschließlich Score 1- Wertungen, galt er als geeignet und damit als einsatzbereit. Sobald ein Hund in einer Testsituation mit Score 2 bewertet wurde, galt er als bedingt geeignet. Das von ihm gezeigte nicht erwünschte Verhalten kann und muss vor einem Einsatz durch Training behoben werden. Hunde, die mindestens einmal Score 3 erhielten, galten als nicht geeignet und waren damit von einem Einsatz ausgeschlossen. Ausgenommen hiervon waren Hunde, die lediglich in einer, bzw. bei zusammenhängenden Situationen auch in zwei Situationen Score 3 erhielten und dabei kein aggressives Verhalten zeigten. Sie galten in der Endwertung ebenfalls als bedingt geeignet. Im Rahmen dieser Studie wurden zusätzlich zu den 27 getesteten Hunden der vorangegangenen Studie 14 weitere Hunde diesem Eignungstest unterzogen. Keiner der insgesamt 41 getesteten Hunde erwies sich als uneingeschränkt geeignet. Elf Hunde wurden als bedingt geeignet bewertet und nahmen am Ausbildungsprogramm teil. Alle Hunde lebten in privater Haltung. Größtenteils handelte es sich um Hunde von Angehörigen der Polizei Niedersachsen. Das Ausbildungsprogramm begann mit der theoretischen Unterweisung der insgesamt acht Hundehalter zu Verhaltensontogenese und Ausdrucksverhalten des Hundes sowie den Grundzügen der Lerntheorie und deren Anwendung im Training der Hunde.

Die praktische Ausbildung der Hunde umfasste die Generalisierung bestehender Sozialisationserfahrungen, die Habituation an vernehmungsspezifische, wie auch alltägliche Umweltreize und die Gesamtsituation der Vernehmung, die latente Inhibition vernehmungsspezifischer Reize, die systematische Desensibilisierung und Gegenkonditionierung von Situationen, welche bei den Hunden unerwünschte Emotionen auslösten, die Verstärkung eines Alternativverhaltens zum Hochspringen bei großen Hunden, das Training des Grundgehorsams, sowie die Einführung von Aufmerksamkeitssignal, Abbruchsignal, Einsatzritual und Rückzugsmöglichkeit. Die Hunde wurden einzeln trainiert und es wurden, abhängig vom Verhalten des Hundes, individuelle Trainingsschwerpunkte gesetzt. Die Durchführung der praktischen Ausbildung musste sich aus polizeiinternen Gründen auf acht Ausbildungsstunden beschränken, die nach individueller Absprache mit den einzelnen Hundehaltern in ca. 14tägigen Abständen stattfanden. Nur zwei dieser Ausbildungsstunden fanden im testrelevanten Vernehmungszimmer statt. Da den Hundehaltern keinerlei dienstliche Unterstützung in der Durchführung des Trainings geboten wurde, unterlag das Training der Hunde keinen standardisierten Bedingungen.

Im Anschluss an die Ausbildung wurden die Hunde einem zweiten Eignungstest unterzogen. Hier wurde höchstgradig signifikant häufiger Score 1 vergeben.

In der Gehorsamsüberprüfung konnten deutliche Verbesserungen erzielt werden, die gegenüber der Testleitung signifikant waren. Im Hund-Mensch-Kontakt reagierten die Hunde in Situationen, in denen sie im ersten Test das Display Submission/ passive Demut zeigten, nun häufig mit einer sozialen Annäherung an die Testperson. Gegenüber speziellen Verhaltensweisen von Kindern, sowie im Hund-Umwelt-Kontakt wurde nun häufiger neutrales Verhalten und weniger Submissionsverhalten gezeigt. Insbesondere in Situationen, in denen keine Interaktion zwischen Testperson und Hund stattfand, fiel jedoch weiterhin die Unsicherheit der Hunde auf. Der Fluchtversuch von drei Hunden in der Situation Tür zeigt zudem nach wie vor eine Überlastung dieser Hunde durch die Vernehmungssituation.

Bei neun von zehn Hunden verbesserte sich das Testergebnis, bei vier Hunden war dieser Unterschied signifikant. Kein Hund zeigte jedoch in allen Testsituationen ausschließlich erwünschtes Verhalten und erwies sich als uneingeschränkt geeignet.

In den Ergebnissen der Ausbildung sowie des zweiten Eignungstests spiegeln sich die vorliegenden Trainingsbedingungen. Übungen, welche die Halter im Training zuhause der Anleitung entsprechend umsetzen konnten, zeigten große Fortschritte. Für eine Ausweitung der systematischen Desensibilisierung und Gegenkonditionierung auf fremde Personen, die Habituation an vernehmungsspezifische Reize und die Rahmenbedingungen der Vernehmung, sowie die Gewöhnung an das Alleinsein ohne Halter und die Kontaktaufnahme zu fremden Personen fehlten den Hundehaltern jedoch Trainingspartner und dem Einsatz entsprechende Räumlichkeiten. In diesen Situationen wurden nur geringe Fortschritte erzielt.

Da unter den gegebenen Rahmenbedingungen die Vernehmungssituation sowie die Trennung vom Halter nicht ausreichend trainiert werden konnten, wird empfohlen, bei agonistischem Verhalten, somit auch bei Fluchtverhalten, von einer Ausbildung des Hundes abzusehen.

Für eine erfolgreiche Umsetzung des Ausbildungsprogramms in Zusammenarbeit mit fachfremden Hundehaltern wird empfohlen, die fachliche Betreuung durch die Erhöhung der Ausbildungsstunden zu intensivieren und die nötigen Trainingsmöglichkeiten bereitzustellen. Hierzu müssen seitens der Polizei Trainingspersonen und Trainingsräumlichkeiten im Kontext des Einsatzes zur Verfügung gestellt werden. Die abschließende Evaluation, in der sieben von acht Hundehalter angaben, aus Zeitgründen sowie organisatorischen Schwierigkeiten das nötige Training nicht immer umgesetzt zu haben, untermauert die Forderung nach der Integration der Ausbildung des polizeilichen Vernehmungsbegleithundes in den polizeilichen Dienstplan.

Auch sollte der Vernehmungsbeamte, der den Hund im Einsatz begleiten wird, in das Training des Hundes integriert werden. Als vertraute Person kann der Beamte dem Hund in unbekannten und stressauslösenden Situationen Sicherheit vermitteln.

Dieser Effekt einer vertrauten Person könnte noch stärker genutzt, so die gesamte Ausbildung vereinfacht und der Einsatz für die Hunde erleichtert werden, wenn Hund und Halter gemeinsam Test, Ausbildung und auch Einsatz durchliefen.

 

abstract (englisch)

In this study, a specific training programme for prospective police questioning assistance dogs was developed, intending to prepare the dogs for their assistance during police questionings of sexually abused children and youths. The training focused on adequate methods to guarantee the protection of the victim as well as the protection of the dog. Police questioning assistance dogs are supposed to give mental and psychological support to the young victims of abuse, who are often traumatised.

In a previous study, the characteristic features which a dog has to fufil to be employed as police questioning assistance dog were determined, and a specific assessment test was developed (KNIPF, 2008). The behaviour of the dogs during this test was assessed by a score system. Per test situation, the behaviour shown by the dog was evaluated as appropriate (score 1), conditionally appropriate (score 2), or inappropriate (score 3) in a given situation. Considering the whole test, a dog was regarded as suitable if it achieved score 1 in all of the 53 test situations. A dog which received score 2 at least once, was regarded as conditionally suitable, i.e. it was considered to be possible to improve the dog´s result by means of training. If receiving score 3 at least once, a dog was considered to be unsuitable. An exception was made if a dog did not show any signs of aggression and did not fail more than one single or combined test situation. These dogs were also regarded as conditionally suitable.

In the present study, the assessment test was applied to further 14 dogs. None of the altogether 41 dogs tested in the previous and the present study was considered as suitable. Eleven dogs were regarded as „conditionally suitable“ and took part in the training programme. Only privately owned dogs were tested. Most of them belonged to policemen.

The training programme started with theoretical instructions for the altogether eight dog-owners, covering behavioural development of dogs, communication in dogs as well as basic knowledge of the learning theories and their role in the training of the dogs. The practical instruction comprised generalization of socialisation experiences, habituation to stimuli specific for police questionings as well as to environmental stimuli encountered in everyday life, and to the situation of police questioning as a whole. It included latent inhibition to stimuli specific for police questionings. Furthermore it comprised systematic desensitization and counterconditioning of situations evoking undesirable emotions in the dogs. The training programme involved the reinforcement of an alternative behaviour instead of jumping up for big dogs, and it included obedience training. Moreover, an attention signal, a quitting signal, a ritual to be on duty, and an opportunity to retreat were trained. All dogs were trained separately. According to their different training levels, an individual training programme was compiled for each dog.

For internal reasons within the police, the practical training had to be limited to eight lessons. Training lessons were scheduled approximately every two weeks. The appointments were arranged individual with each dog-owner. Only two of these lessons took place in the police questioning room. As the police did not support the training of the dog-owners, no standardised conditions for the training of the dogs were given.

Subsequent to the training programme, a second assessment test was held.

In this test, score 1 was awarded most significantly more frequently. The obedience of the dogs improved clearly, with a significant difference to the test-controller. In situations of dog-human-contact the dogs often reacted with social approach towards the test-person, whereas they had shown the display submission in the first test. The dogs more often behaved in a neutral manner and showed less submissive behaviour in situations of dog-environment-contact and in situations with child-like behaviours. Nevertheless, the dogs continued to show insecurity, especially in situations without interaction between test-person and dog. The attempt of three dogs to escape in the situation door shows that these dogs still were under too much strain in the police questioning situation.

Nine of ten dogs improved their test-results the difference even was significant in four of ten. But no dog exclusively showed appropriate behaviour in all situations and proved to be absolutely suitable.

The training conditions are reflected in the results of the training and of the second assessment test. The results show that great progress was achieved in aspects the dog-owners were able to train at home according to their instruction. Only little progress was made in those situations in which a partner or appropriate premises were needed.

The situation of police questioning as a whole and the separation of the dog from its owner could not be trained sufficiently under the existent conditions. Therefore it is recommended not to train a dog showing agonistic behaviour, escaping included, as police questioning assistance dog. The dog-owners are foreign in the subject and need instructions. For this, it should be recommended to intensify the professional support by increasing the number of training lessons. Furthermore appropriate training conditions must be given. That means that the police should provide the necessary training-hours and  premises in the context of the police questioning. In the concluding evaluation seven of eight dog-owners stated not having trained as often as required because of lack of time. This substantiates the demand for the integration of the training of the police questioning assistance dog into the duty rota of the police.

Furthermore it is recommended to include the police interrogator in the training programme, as a familiar person can give the dog security in unfamiliar and stressful situations. Familiarity between the dog and the interrogator simplifies the training and relieves the police questioning situation for the dog. Even more efficient use of this effect could be made, if dog and owner passed together through the test, the training programme and the police questioning.

 

keywords

(3 dt. + 3 engl.)

Vernehmungsbegleithund, Hundeausbildung, Hundeverhaltenstest; police questioning assistance dog, dog training, dog behaviour test

kb

2.478