Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Sarah Spickschen

Johann Adam Kerstings Vorlesungen über Tiergeburtshilfe und Rindviehseuche an der Roßarzneischule Hannover

Transkription und Besprechung einer Abschrift von Johan Heinrich Kauffmann, Hannover 1783/84

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-105976

title (engl.)

Johann Adam Kersting’s lectures on veterinary obstetrics and cattle-plague held at the “Roßarzneischule Hannover” Transcription and discussion of a verbatin copy of Johan Heinrich Kaufmann, Hanover 1783/84 

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2014

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/spickschens_ws14.pdf

abstract (deutsch)

Grundlage dieser Arbeit ist die erstmals durchgeführte buchstabengetreue Transkription, Edition und fachhistorische Erschließung zweier Manuskripte über Tiergeburtshilfe (57 pp) und Rinder-pest (18 pp) nach Vorlesungen von Johann Adam Kersting aus den Jahren 1783/84. Die für jede Vorlesung separat angefertigte Besprechung ermöglicht einen authentischen Einblick in die Ker-stingsche Lehre auf dem Gebiet dieser veterinärmedizinischen Teilgebiete an der jungen Roßarzneischule Hannover.

Johann Adam Kersting (1727-1784) folgte 1777 einem Ruf Georgs III. und übernahm 1778 das Amt des ersten Direktors der neu gegründeten Roßarzneischule Hannover. Als gelernter Huf-schmied konnte er zwar keine akademische Ausbildung vorweisen, war jedoch hochmotivierter Autodidakt. Bereits während seiner Anstellung am kurfürstlichen Marstall in Kassel (~1760-1777) hatte sich Kersting umfangreiches tierärztliches Wissen angeeignet, das er während seines Direktorats (1778-1784) an der Roßarzneischule Hannover durch eigene Forschungen stetig erweiterte.

Fortschrittlich und mit einem betont praktischen Ansatz hielt Kersting seine Vorlesungen - nicht wie damals üblich als Diktat - sondern frei und leicht verständlich. Der gelernte Hufschmied und Kerstingsche Schüler, Johan Heinrich Kauffmann (1764-1797), fertigte in Hannover zwischen 1782 und 1784 neben den in dieser Dissertation ausgewerteten Manuskripten über Tiergeburtshilfe und Rinderpest weitere Abschriften von insgesamt fünf verschiedenen Vorlesungen nach Johann Adam Kersting an.

Orientiert an humanmedizinischen Erkenntnissen, die Kersting nicht einfach adaptiert, sondern sinnvoll an die Gegebenheiten bei Rind und Pferd angepasst und erweitert hat, entwickelte er auto-didaktisch und durch eigene Forschungen untermauert eine tierärztliche Geburtshilfe. Darüberhinaus begründete er 1778 an der Roßarzneischule Hannover durch Einführung der Geburtshilfe als eigenständiges Fach den Beginn einer bis dato nicht existenten Lehre auf diesem Gebiet. Gut strukturiert, didaktisch sinnvoll aufgebaut und leicht verständlich bietet Kerstings Vorlesung über die Tiergeburtshilfe von 1783/84 einen praxisnahen, detaillierten und fortschrittlichen Geburtshilfeunterricht.

Neben theoretischem Grundlagenwissen erläutert Kersting erstmals umfangreiche Korrektur-maßnahmen für eine Vielzahl unterschiedlicher Lage-, Stellungs- und Haltungsanomalien sowie die Anwendung geburtshilflicher Instrumente und fetotomischer Handgriffe. Keine Abhandlung des zur damaligen Zeit knapp bemessenen Schrifttums über die tierärztliche Geburtshilfe hat derartig umfassende und wertvolle Informationen über die praktische Tiergeburtshilfe enthalten.

Orientiert an humanmedizinischen geburtshilflichen Instrumenten konstruierte sich Kersting eigene, für tiermedizinische Zwecke brauchbare Werkzeuge, die größtenteils bis heute in leicht abge-wandelter Form in der praktischen Tiergeburtshilfe eingesetzt werden. Die von Kersting 1778 an der Roßarzneischule Hannover eingeführte Lehrmethode, geburtshilfliche Handgriffe und Instru-mente an einem tierischen Phantom mit einer Attrappe ausprobieren und einüben zu lassen, wird an der Klinik für Rinder der TiHo Hannover noch heute im Rahmen des Geburtshilfeunterrichts eingesetzt.

Neben seinen Lehrtätigkeiten an der Roßarzneischule Hannover widmete sich Kersting unentwegt Forschungen in vielen weiteren Bereichen der Tiermedizin. Bereits vor seiner Zeit in Hannover hatte er sich der Rinderpest, an der während des 18. Jahrhunderts rund 200 Millionen Rinder in Europa verendeten, angenommen und seine Erkenntnisse 1776 in einem Buch veröffentlicht. An der Roßarzneischule lehrte Kersting ab 1778 „ueber die Hornviehseuche und wie die Einimpfung derselben ausgeführt wird“.

Das Manuskript von 1783/84 liefert eine gut strukturierte und leicht verständliche Vorlesung über die Rinderpest, die neben einer wertvollen und detaillierten Beschreibung des klinischen Ver-laufs ebenso umfangreiche pathologische Befunde der Rinderpest auflistet. Als einzige effektive Präventionsmaßnahme gibt Kersting die Inokulation an, deren Durchführung er - anders als die Vorlesung namentlich verspricht - nicht näher erklärt. Möglich wäre, dass durch Kerstings plötzlichen Tod am 3. April 1784 die Vollständigkeit der Abschrift, deren Abschluss Kauffmann auf den 27. März 1784 datiert hat, beeinflusst wurde.

Das Kurfürstentum Hannover verfügte zu Kerstings Amtszeit an der Roßarzneischule bereits über sinnvolle veterinärpolizeiliche Maßnahmen. Durchdachte Tötungs-, Tierkörperbeseitigungs- und Desinfektionsmaßnahmen zählten ebenso wie Orts- und Gehöftsperrungen sowie Viehhandelsvorschriften ins Maßnahmenspektrum, um drohende Seucheneinbrüche aus den angrenzenden Nach-barländern abzuwenden. Berichte über erfolgreich durchgeführte Inokulationen gegen die Rinderpest veranlassten die hannoversche Regierung 1779, Kersting als Seuchenbeauftragten auf For-schungsreisen zu schicken, um diese neuartige Methode zu studieren. 1780 reichte Kersting bei der Kgl. Kammer eine umfangreiche Impfanleitung ein, in der er neben den Erfahrungen seiner Dienstreisen vor allem die Ergebnisse seiner in Schorlingkamp und Rieda durchgeführten Inokulationsversuche verwertet hat.

Insgesamt liefern Kerstings Rinderpestschriften, die zweifelsfrei auf seinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen basieren, mehrere fortschrittliche Erkenntnisse wie dem Auftreten unter-schiedlicher Verlaufsformen, dem Vorhandensein einer Inkubationszeit und die Abschwächung der Ansteckungsfähigkeit des Rinderpesterregers durch mehrere Tierpassagen. Ursachen und Verbreitungsmechanismen der Rinderpest erklärt Kersting hingegen zeitgemäß nach den Theorien der damals gültigen Humoralpathologie sowie der Miasmen- und Kontagienlehre. Daher konnte Kersting trotz innovativer Erkenntnisse keine modernen Rückschlüsse über die Epidemiologie oder Infektionswege der Seuche ziehen.

 

abstract (englisch)

This thesis is based on a verbatin transcription, edition and professional historical interpretation of two manuscripts from 1783/84 on veterinary obstetrics (57 pp.) and cattle-plague (18 pp.), following lectures given by Johann Adam Kersting. The associated discussion of every single lecture gives an authentic insight into the teachings of Kersting on these fields of veterinary medi-cine at the newly established “Roßarzneischule Hannover”.

In 1777 Johann Adam Kersting (1727-1784) responded to a call from Georg III. and took over the office of the first director of the newly established “Roßarzneischule Hannover” in 1778. As a trained blacksmith he did not have an academic education, but he was a highly motivated autodidact. Kersting acquired a comprehensive veterinary knowledge during his employment in the Electoral stables in Kassel (~1760-1777) and he constantly expanded his knowledge between 1778-1784 as a director of the “Roßarzneischule Hannover” using his own scientific research.

Progressive and with a distinct practical approach Kersting gave lectures allowing interactivity as opposed to dictation which was usual in those days - but free and easy to understand. Being a trained blacksmith and a student of Kersting, Johan Heinrich Kauffmann (1764-1797) not only wrote the manuscripts on veterinary obstetrics and cattle plague, which are analyzed in this disser-tation, but he also made verbatim copies of five of the various lectures of Johann Adam Kersting in the years 1782 to 1784.

Kersting orientated himself to human findings which he not only adapted but he reasonably adjusted them to the conditions of cattle and horses. As a result, and supported by his own studies, he developed a self-educated veterinary obstetrics. Furthermore, in 1778 Kersting introduced obstetrics as an independent subject at the “Roßarzneischule Hannover” which till then practical trai-ning in this field was nonexistent. Well structured, didactically well designed and easy to understand Kersting’s lectures on veterinary obstetrics from 1783/84 offered practical conditions, a de-tailed and progressive obstetrics teaching.

Besides theoretical basic knowledge, Kersting explained for the first time extensive correctional measures for a variety of anomalies of presentation, position and posture as well as descriptions on the application of obstetric instruments and fetotomic handholds. At a time when there was very limited literature available on obstetrics, Kersting presented a comprehensive and valuable in-formation on practical veterinary obstetrics.

Orientated to human medical obstetric instruments, Kersting constructed his own tools that could be used for veterinary means and which are mostly in use until now in practical veterinary ob-stetrics but in a slightly modified form. The method of instruction to train and practice obstetric handholds and instruments on an animal phantom, being established by Kersting in 1778 at the “Roßarzneischule Hanover”, is also today in use in the framework of the obstetric education in the clinic for cattle at the TiHo Hanover.

Besides his lecturing at the “Roßarzneischule Hanover”, Kersting tirelessly was engaged in many other fields of research of veterinary medicine. Already before his time in Hanover, Kersting devoted himself to the research of the cattle-plague, from which almost 200 million cattle died in the 18th century, and he published his findings in a book in 1776. At the „Roßarzneischule Hannover” Kersting taught from 1778 „on the epidemic plague of horned cattle and how inoculation of the same will be executed”.

The manuscript from 1783/84 delivered a well-structured and easy to understand lecture of the cattle-plague. It contained not only a valuable and detailed description of the clinical progress, but also listed comprehensive pathological findings of the cattle-plague. Kersting declared the inoculation to be the only effective means of prevention. The handling of the inoculation was not fur-ther explained by him, although explicitly mentioned in his lecture. There is a possibility that the incompleteness of the copy, which was dated 27th March 1784, was a result of Kersting’s sud-den death on 3rd April 1784.

During Kersting’s tenure of office the Electorate of Hanover already introduced reasonable veterinary police measures. Sophisticated ways of culling, rendering processes and measures of disin-fection were part of the spectrum of actions in order to ward off imminent disease outbreaks from neighboring countries. Other means were suspension of place and homestead as well as regu-lations for cattle trade. Reports of successfully carried out inoculations against cattle-plague prompted the Government of Hanover in 1779 to send Kersting as a Commissioner for plague on a research mission to study this new method. In 1780, Kersting submitted a comprehensive and detailed instruction of vaccination to the Royal Chamber. This instruction was based on experiences he had gathered during his research mission and particularly his findings while making inoculation experiments in Schorlingkamp and Rieda.

As a summary, Kersting’s writings on cattle-plague, which unequivocally are based on his own observations and experiences, deliver several progressive findings like the emergence of different courses, the existence of an incubation period and the weakening of the infectivity of the cattle-plague pathogen by several passages through animals. However, Kersting explained the causes and the spreading mechanisms of the cattle-plague in a timely manner in accordance with the theory of the then valid humoral pathology and the doctrine of miasma and contagia. Despite his in-novative insights, Kersting could not draw modern conclusions on epidemiology and pathways of infection.

keywords

Geburtshilfe, Kersting, Rinderpest; obstetric, Kersting, cattle-plague 

kb

10.413