Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Oliver Schleif

 

Ein Beitrag zur tiergerechten Haltung der Ratte anhand der Literatur

 

title (engl.)

A contribution to meet the content requirements for the husbandry of rats according to the reviewed literature.

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2001

text

/dissertations/schleifo_2001.pdf

abstract (orig.)

Die ursprünglich aus den Steppengebieten Asiens stammende Wanderratte (Rattus norvegicus) gehört zu den wenigen Tieren, die einen großen Einfluss auf den Fortgang der menschlichen Geschichte gehabt haben. Als Überträger von Leptospirose, Toxoplasmose, vor allem aber über den die Pest übertragenden Ratten- oder Pestfloh, hatten Ratten maßgeblichen Anteil an den verheerenden Seuchenzügen früherer Zeiten. Während die Pest heute keine Rolle mehr spielt, verursachen Ratten weltweit große Schäden durch die Vernichtung von Nahrungsmitteln.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Wanderratten verstärkt als Labortiere gehalten. Heute gehören Ratten - neben Mäusen - in der Bundesrepublik Deutschland zu den am häufigsten verwendeten Versuchstieren. Sie machen ca. 25% der insgesamt in Deutschland in genehmigten und angezeigten Tierversuchsvorhaben verwendeten Versuchstiere aus. Außerdem werden Ratten in verstärktem Maße als Heimtiere gehalten.

Ziel dieser Arbeit war es, die Haltungsstrukturen für Ratten in unterschiedlichen Bereichen anhand der vorliegenden Literatur darzulegen und auf ihre Tiergerechtheit zu überprüfen. Weiterhin sollen Haltungsempfehlungen zur tiergerechten Haltung dieser Tierart erarbeitet werden.

Zu diesem Zweck werden zu Beginn die Begriffe des Tierschutzgesetzes sowie ethologische Konzepte zu ihrer Umsetzung, auch im Vergleich, diskutiert. Anschließend folgt ein Abriss über die Abstammung und Laborisierung der Ratte sowie eine ausführliche Darstellung der ethologischen Charakteristika, verbunden mit dem Vergleich von Wild- und Labortier.

Danach werden praxisübliche Haltungsstrukturen und gesetzliche Bestimmungen zur Haltung von Heimtier- und Laborratten dargestellt und erläutert. Unter den vier Themenkomplexen Umweltfaktoren, Ernährung, Haltungsstrukturen (einschließlich Sozialpartner) und Kontakt zum Menschen werden Angaben zur rattengerechten Haltung zusammengestellt und deren Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten der Tiere aufgezeigt. Anschließend werden die Daten zusammenfassend ausgewertet. Dabei werden Kriterien einer rattengerechten Haltung erarbeitet sowie Anregungen für weiterführende Forschung gegeben.

Über die unbestimmten Rechtsbegriffe des Tierschutzgesetzes existieren - je nach Blickwinkel - sehr unterschiedliche Definitionen und Ansichten. Zur Umsetzung dieser Begriffe scheinen das Tschanzsche Konzept der Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung sowie das Buchholtzsche Handlungsbereitschaftsmodell am besten geeignet. Erwächst Ratten ein Schaden aus ihren Haltungsbedingungen, können sie ihren Bedarf nicht decken oder eine Handlungsbereitschaft nicht befriedigen, so ist eine Haltung nicht tiergerecht. Um auch das Wohlbefinden der Tiere zu gewährleisten, müssen emotionale Komponenten des Wohlbefindens wie "sicher" und "angenehm" berücksichtigt werden. Eine allgemein anerkannte Methode zur Beurteilung der Tiergerechtheit von Heimtier- bzw. Rattenhaltungen existiert nicht.

In ihrem natürlichen Habitat leben Ratten in komplexen sozialen Gemeinschaften. Das hochdifferenzierte Verhaltensinventar der Ratte umfasst in Form eines Ethogramms annähernd 130 Verhaltensweisen und dient als Voraussetzung für das Erkennen von Verhaltensabweichungen. Für den Begriff "Verhaltensstörung" existiert keine allgemein gültige Definition. Die in der Rattenhaltung unter Praxisbedingungen recht selten auftretenden Stereotypien sind meist auf Haltungsfehler zurückzuführen.

Die Angabe von Mindestflächen für eine tiergerechte Rattenhaltung bleibt weiterhin umstritten. Die Ausstattung einer Haltung und die Gestaltung ihrer Elemente sowie das Vorhandensein von Sozialpartnern haben erheblichen Einfluss auf den Flächenbedarf und die Nutzbarkeit der Fläche für die Tiere. Eine allein an das Tiergewicht gekoppelte Flächenzuteilung ist nicht rattengerecht. Von den bereits existierenden Ansätzen zur Abschätzung des Raumbedarfs für Labornagetiere hat sich bisher keiner allgemein durchsetzen können. Bis zur Entwicklung eines solchen Haltungskonzeptes muss die Ableitung von Mindestflächenangaben für die Rattenhaltung daher vor allem über indirekte Parameter erfolgen.

Dafür eignen sich vor allem die elementaren Körperhaltungen und Grundpositionen der Ratte, der Einfluss der Besatzdichte und Käfiggröße auf die Produktion und Freisetzung von Schadgasen sowie insbesondere das Spielverhalten in Verbindung mit der soziobiologischen Gruppenstruktur.

 

abstract (engl.)

The rat (Rattus norvegicus) originates from the Steppe region of Asia and belongs to the few animals that had a great influence on the development of human history. As carrier of Leptospirosis, Toxoplasmosis, above all the Bubonic Plague carrying Rat- or Pest-fleas, rats have been the greatest contributors to disease distribution of all time. Although the Plague is no longer prevalent, worldwide, rats are responsible for the destruction of foodstuffs.

Since the mid 19th Century rats have increasingly been kept in laboratories for scientific use. In Germany rats belong to the most common laboratory animals. Today rats make up 25% of all animals used in registered and approved studies. Beside the laboratory use, rats are also becoming increasingly popular as pets.

The aim of this study was to investigate the different conditions under which rats are kept in various holdings according to the reviewed literature and to judge them for meeting the requirements for this species. Furthermore, recommendations for the preservation of the species will be compiled and discussed.

In order to do so the terms mentioned in the German Animal Welfare Act and its concepts for conversion are discussed in detail and by comparison. Thereafter follows an excerpt about the origins and laborization of rats, and an ethological characterization in conjunction with a comparison of wild and laboratory rats. Next practical husbandry structures and laws defining the holding of pet and laboratory rats are presented and discussed. Under four topics: Environmental factors, Nutrition, Husbandry conditions (including mates) and Human contact, the data collected concerning animal rights were collated and the influences upon the health and well-being of the rats interpreted. Finally, the data were summarized and evaluated. Through this, criteria for a rat-friendly husbandry were structured, and proposals for further studies given.

The undefined legal terms found within the Animal Welfare Act can be interpreted in many ways. To put these terms into practice the "Bedarfsdeckung- and Schadenvermeidungskonzept nach TSCHANZ (1984, 1985)" as well as the "Handlungsbereitschaftsmodell nach BUCHHOLTZ (1993)" are best used. Should the rats, under their holding conditions suffer mental or physical anguish, then such holdings are deemed non-animal-friendly. To secure the well-being of rats, emotional components such as "safe" and "comfortable" must be taken into consideration.

A standardized method for the judgement of content requirements of small animal pets and rats does not yet exist. 

Rats, in their natural habitat, live in complex communities. The behavioural inventory of the rat encompasses nearly 130 highly distinguished behavioural patterns thus providing the basis for identification of behavioural deviations. For the heading "Behavioural Abnormality" no current definition is available. The stereotyped behaviour which rarely appears in rat husbandry is able to be mostly traced back to incorrect holding practices.

The minimum cage requirements for rat holding remain controversial. The equipment of a husbandry system and the arrangement of cage elements as well as the presence of cage mates have a great influence on the size and needs of the cage. The cage size alone determined by animal weight is not rat-friendly.

The steps made so far in guessing possible cage sizes and providing parameters for laboratory animals has yet to be successful. Before the development of such a Holding-Concept, the minimum cage size needs must be acquired through indirect means.

Data required should encompass elementary body positions and movements of the rat, the influence of the actual cage size and the number of rats per cage on the production and emission of detrimental gases and especially the play behaviour in conjunction with the social group structure.

 

keywords

Ratten, Verhalten , Haltungssysteme / rats, behavior, husbandry systems

kb

1.615