Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Michael Müller

 

Tierärztliche Begleitung bei der Umsetzung der tierschutzgerechten Bestandskontrolle von Stadttaubenpopulationen nach der Loseblattsammlung des Tierschutzbeirates des Landes Niedersachsen

 

title (engl.)

Veterinary accompaniment realising the control of exsisting city pigeon populations according to animal protection guide lines following the „Loseblattsammlung“ of the Advisory Board for the Protection of Animals (Tierschutzbeirat) of the Land Niedersachsen

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2002

text

/dissertations/muellerm_2002.pdf

abstract (deutsch)

Die Loseblattsammlung des Tierschutzbeirates des Landes Niedersachsen zur tierschutzgerechten Bestandskontrolle der Stadttaubenpopulation strebt eine mehrgleisige Strategie aus speziell auf die Situation ausgerichteten Einzelmaßnahmen an. Die Umsetzung solcher Maßnahmenpakete zur Regulierung der Bestandsgrößen freilebender Stadttaubenschwärme wurde in den Städten Göttingen und Hannover tierärztlich begleitet.

 

Basis für bestandsregulierende Maßnahmen müssen Untersuchungen zum Lebensrhythmus und zur lokalen Lebensraumnutzung von Stadttaubenschwärmen sein. Absolute und reproduzierbare Zahlen zum Taubenbestand sind aber durch die dreidimensionale Nutzung des reich strukturierten Lebensraumes Großstadt, durch Schwarmvermischungen und Nestbindungen aufgrund des ganzjährigen Brutgeschäftes nicht zu erheben. Die Form einer kontinuierlichen Zählschätzung liefert Aussagen zur Größenordnung des Taubenbestandes und bei Veränderungen zum Trend der Entwicklung. In Göttingen konnten solche täglichen Verhaltensstrukturen von Taubenschwärmen durch stündliche Zählschätzungen ermittelt werden. In Hannover bestätigten Gelegekontrollen über mehrere Jahre die ganzjährige Reproduktion der Stadttauben.

 

In Göttingen scheiterte die Etablierung eines Arbeitskreises (AK) aus allen betroffenen Interessensgruppen. Die öffentlichen Sitzungen führten zur Beteiligung selbsternannter Experten aus extremen Tierschutzkreisen, die nicht vom gemeinsamen Ziel des Projektes „Loseblattsammlung“ zu überzeugen waren. Das Projekt wurde sogar auf die Ebene parteipolitischer Grundsatzdiskussionen gestellt, die jede sachliche Beratung über konkrete Maßnahmen verhinderte. Eine Verkleinerung des Arbeitskreises zog persönliche Bedrohungen von Mitgliedern der Verwaltung durch die ausgeschlossenen Gruppierungen nach sich. Dadurch waren keine Entscheidungen zu Einzelmaßnahmen mehr möglich und das Projekt in Göttingen mußte gestoppt werden.

In Hannover konnte ein bereits seit Jahren bestehender AK zur Taubenproblematik als Forum genutzt werden. Die Federführung zur Umsetzung der Einzelmaßnahmen zur Bestandsregulierung waren zwischen Veterinärverwaltung und Tierschutzverein aufgeteilt. Öffentlichkeitsarbeit, Mitteleinwerbung, Gelegekontrollen, Taubenschlagbau und –betrieb sowie Applikation von Hormondepotpillen wurden im AK beraten und durchgeführt. Einige „Taubenfütterer“ konnten über die Maßnahmen Gelegezählungen und Pillenanwendung zur engagierten Mitarbeit gewonnen und somit bekannte Faktoren für die Taubenproblematik eingebunden werden.

 

Das Interesse der Öffentlichkeit ließ sich jedoch nur relativ kurzzeitig über die Medien auf die Stadttaubenprobleme konzentrieren, sodaß langfristige Aufklärungserfolge ausblieben. Direkt betroffene Gruppen müssen wie im Maßnahmenkatalog vorgesehen im Vorfeld von Aktionen auch direkt und umfänglich angesprochen werden. Eine Prophylaxe vor Taubenansiedlungen ist nur über zielgerichtete Aufklärung und Information möglich.

 

Die Installation der für erforderlich angesehenen Taubenschläge gelang nicht, nur ein Schlag konnte neu eingerichtet und ein zweiter übernommen werden. Am neu eingerichteten Schlag konnten Erfahrungen zur freiwilligen Besiedlung durch Stadttauben gewonnen werden, die den Schluß zulassen, daß nur eine Zwangsbesiedlung bei gleichzeitiger Verlegung der alten Brutplätze kurzfristig effektiv ist. Verflogene Brieftauben könnten nach den Beobachtungen die ihnen gewohnten betreuten Taubenschläge besser annehmen und so ihr Zuzug zur Stadttaubenpopulation verhindert werden. Als Fressplatz mit artgerechtem Futter wird ein betreuter Schlag auch von Stadttauben schnell angenommen. In einem besiedelten Schlag kann durch Eitausch der Taubenbestand stabil gehalten werden, ohne daß Tauben trotz mangelndem Bruterfolg abwandern müssen.

 

Die Applikationsmethode der hormonhaltigen Depotpillen hat sich bewährt. Es konnten die angefütterten Taubenschwärme ausreichend versorgt und Fremdaufnahmen durch andere Vögel oder Säuger sicher ausgeschlossen werden. Bei der Auslegung von den Pillen müßten aber Wetter, Schwarmgröße, Hunger und Lebensraum (Fluchtdistanz gegenüber Menschen) beachtet werden. Die aus Klinikversuchen bekannte Verträglichkeit der Hormonpillen für die Tauben wurde durch diese Felduntersuchung bestätigt.

 

Nebenwirkungen wurden an den behandelten Tauben im Untersuchungszeitraum nicht festgestellt. Die mit Pillen versorgten Taubenschwärme zeigten über den Verlauf des Projektes konstante oder geringgradig abnehmende Zahlen. Weitere Einflußfaktoren auf diese Bestandsverminderung oder in zwei Fällen sogar Bestandsauflösung, konnten weder sicher ausgeschlossen, noch konkret nachgewiesen werden. Erst Zählschätzungen im größeren zeitlichen Abstand der dann unbeeinflußt lebenden Schwärme nach Beendigung des Projektes „Loseblattsammlung“ können weitere Aussagen zur Wirkung der getroffenen Maßnahmen geben.

 

Ein konsequentes Fütterungsverbot, das über Verordnungen in beiden Städten besteht, konnte weder in Göttingen, noch in Hannover durchgesetzt werden. Der Erfolg eines völligen Futterentzuges als Abwanderung des Taubenschwarmes, konnte nach Wegfall eines Futterplatzes aufgrund eines Grundstückverkaufes jedoch nachgewiesen werden.

 

Die Strategie der „Loseblattsammlung“ in Form mehrgleisiger Maßnahmen eine tierschutzgerechte und langfristige Regulierung von Stadttaubenpopulationen zu erreichen, erscheint richtig und nach dem geltenden Tierschutzgesetz („Mitgeschöpflichkeit“) auch angemessen. Insbesondere überzeugt dieser Maßnahmenkatalog gegenüber den alternativ gewählten Tötungsaktionen mit nur kurzfristigem Effekt. Die praktische Umsetzung der Maßnahmen nach der Loseblattsammlung ist nur mit einem übersichtlichen Arbeitskreis möglich, der alle Interessensgruppen zum Problem Stadttauben einschließt. Der Arbeitskreis darf aber wegen der komplexen Ursachenlage nicht von der sachlichen in die parteipolitische (Grundsatz-) Diskussionsebene abgleiten, da sonst nach den Erfahrungen der vorliegenden Untersuchung konkrete Schritte eher blockiert werden.

 

 

abstract (englisch)

The „Loseblattsammlung“, a collection of lose leaves of the „Tierschutzbeirat“ (Advisory Board for the Protection of Animals) of the Land Niedersachsen (Germany) to control the existing population of city pigeons, aims at a manifold strategy composed of different concepts depending on the specific situation. A vet accompanied the adoption of the concepts to regulate the existing population of wild life city pigeon flocks in the cities of Göttingen and Hannover.

 

The basis for the flock controlling concepts have to be surveys on the rhythm of life and on the local use of the habitat of the pigeons. Absolute and reproducible numbers of the numbers of pigeons can not be ascertained because of the three dimensional use of the richly structured habitat of a large city, flock mixtures and nidicolous linkage through all year round brooding. The form of continuous estimations of the numbers provide information with respect to the size of the pigeon population and in case of change the trend of the development. It was possible to determine such daily behavioural patterns of pigeon flocks through hourly estimations in Göttingen. Controls of the nest of eggs over a number of years in Hannover corrobate the all year round reproduction of city pigeons.

 

The establishment of a working party composed of all interested parties in Göttingen concerned failed. Public sessions lead to an involvement of self-proclaimed experts of extreme animal welfarist groups who were not convinced of the common target. The project was even raised to the level of party political debates on common principles preventing whichever down-to-earth discussion on concrete concepts. The reduction of the working party was followed suit by personal threats to members of the administration by the excluded groups. Because of this it was no longer possible to decide on single concepts and the project in Göttingen had to be stopped.

 

But it was possible to use an already long existing working party on the pigeon problem in Hannover as a platform. With the veterinary administration and the society for the prevention of cruelty to animals in charge and jointly working on the adoption of the single concepts. Public relations, funding, control of the nest of eggs, construction and running of pigeonries as well as the application of the hormone depot pills were discussed in the working party and single concepts carried out.

Some „feeding persons“ could be won over by the concepts of nest of egg controls and hormone depot pills application for a true cooperation and thus it was possible to integrate known factors for the pigeon problem.

 

The media could only channel public interest on the problem of the city pigeons for a very short time. Therefor long-term educational success was not achieved. Directly affected groups have to be approached directly and in detail in the preparation phase of the action as advised in the catalogue of concepts. It is only possible to prevent the settlement of pigeons by means of well aimed educational measures and information.

 

It was not possible to install the number of pigeonries thought necessary. It was only possible to set up a single new one, another already established one was taken over. It was possible to gather new information at the new pigeonry with respect to the voluntary settlement by city pigeons which lead to the conclusion that a forced settlement is only effective on a short-time basis, when you move the old brooding places at the same time. According to the observations homing pigeons that have lost their bearing accepted the attended to pigeonries better and thus their influx to the population of the city pigeons could be prevented. An attended to pigeonry with natural feed is also accepted by the city pigeons as a feeding place. In a populated pigeonry it is possible to stabilize the numbers by the exchange of eggs. The pigeons do not move even when they are lacking the brooding success.

The application method of a hormone depot pill has proven itself. The feeding flock could be treated sufficiently and an intake by other birds or mammals could be excluded. But you have to take weather, size of flock, hunger and living conditions (escape distance with respect to humans) into consideration. The known tolerability of the hormone pills displayed in clinic tests was proven by this field research. No side effects could be found on the treated pigeons in the scope of this research project.

 

The pigeon flocks treated showed constant or slightly diminishing numbers in the range of this project. Additional influencing factors causing the reduction of the numbers and in two cases the dissolving of the flock could neither be excluded completely nor proven. It is advisable to check on the numbers of pigeons after the completion of the projekt „Loseblattsammlung“ in long intervals. These numbers of pigeons then living uninfluenced can give additional information on the effectiveness of the measures.

 

The prohibition of feeding existing in both cities could neither be enforced consequently in Göttingen nor in Hannover. The success of the measures complete deprivation of feed could be proven. A flock moved after a feeding place had to be closed because the property had been sold.

 

The strategy of the „Loseblattsammlung“ to cause an adequate and long-term regulation of the population of city pigeons by means of a concept of a combination of measures appears to be correct and also appropriate according to valid law for the protection of animals. This combination of measures was convincing especially compared to the alternative killing actions with only short-term effects. It is only possible to adapt the concepts of the „Loseblattsammlung“ with a clearly organized working party who includes all groups interested in the problem of city pigeons. In such a complex cause situation the working party is not to drift from the objective one into the party-political (basic principle-) discussion. The experiences of the present investigation show that otherwise concrete measures are rather blocked.

 

keywords

Stadttauben, Tierschutz, Bestandskontrolle, city pigeon, animal protection, population control

kb

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