Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Frank von Minden

 

Richard Götze (1890–1955) – Leben und Werk

Quellen und Materialien zur Geschichte der Tierärztlichen Hochschule Hannover

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-103331

title (engl.)

Richard Götze (1890–1955) – life and work. Sources and materials relating to the history of the University of Veterinary Medicine Hannover.

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2013

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/mindenf_ss13.pdf

abstract (deutsch)

Erstmalig wird der berufliche Lebensweg Richard Götzes, der bisher nur aus Laudationes und Nekrologen bekannt war, auf der Basis umfangreicher Originaldokumente aus dem Archiv der Tierärztlichen Hochschule Hannover und dem Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv rekonstruiert und analysiert. Wissenschaftliche Interviews mit Zeitzeugen ergänzen die Quellenbasis und zeichnen verschiedene Facetten eines Menschen, der heute fast ausschließlich als „Rinderfachmann“ in Erinnerung geblieben ist. Dank zahlreicher Fotos und Abbildungen wird ein lebendiges Bild des Menschen, Klinikers und Wissenschaftlers Richard Götze gezeigt, der in vielen seiner Fachgebiete, allen voran der Künstlichen Besamung, Avantgardist und, bezogen auf die Entwicklung der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Veterinärmedizin in toto, ein Visionär war. Er hat die Geschichte seiner Hochschule nachhaltig beeinflusst und die gesamte Nutztiermedizin in entscheidenden Bereichen revolutioniert.

Im zentralen Teil der Arbeit wird Richard Götzes Bioergographie dargestellt, die im Jahr 1925 mit seiner Anstellung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover begann und mit seinem plötzlichen Tod im Jahr 1955 endete. So konnte seine gesamte Hochschulkarriere über 30 Jahre hinweg verfolgt werden, angefangen bei seiner Berufung und dem Umstand, ohne eigene Klinikgebäude beginnen zu müssen, bis zur Gründung und Etablierung der „Geburtshilflich-gynäkologischen Klinik“ und der „Klinik für Innere und Chirurgische Rinderkrankheiten“ im Jahr 1953 sowie des „Instituts für Fortpflanzung und Haustierbesamung“ im Jahr 1955.

Aufgrund der originären Senatsbeschlüsse konnte die hochschulgeschichtlich interessante Tatsache nachgewiesen werden, dass Richard Götze niemals eine offizielle Berufung nach Hannover erhalten hat. Im Jahr 1925 suchte der Senat dringend nach einem Ordinarius für den neu gegründeten und seit April unbesetzten Lehrstuhl für Geburtshilfe und Buiatrik. Nachdem man zuvor Johannes Richter (Leipzig) und Franz Benesch (Wien) nicht für das Amt gewinnen konnte, wurde schließlich Götze gefragt, der seiner Ernennung zum ordentlichen Professor und Klinikdirektor im Dezember 1925 zustimmte, ohne fest formulierte Bedingungen in der Hand gehabt zu haben – ein großer Fehler, wie sich nur kurze Zeit später herausstellen sollte: So plante Richard Götze im April 1926 Hannover wieder zu verlassen, da sich das Ministerium nicht an Absprachen bezüglich der Besoldungsgruppe und des Besoldungsdienstalters hielt.

Götze begann in Hannover quasi bei Null und musste anfangs seinen Patientenstamm sowie die stationäre Klinik für Geburtshilfe und Rinderkrankheiten erst einmal sukzessive aufbauen und bei den Landwirten der Umgebung etablieren. Im Jahr 1928 entstanden unter seiner Führung die ersten eigenen Gebäude der Klinik und im weiteren Verlauf der „Ära Götze“ schuf er den monumentalen Gebäudekomplex, der auch 2012 noch den größten Teil der Architektur der „Klinik für Rinder“ ausmacht.

Weitere wesentliche Punkte dieser Arbeit sind die Auseinandersetzung mit Götzes Rolle im Dritten Reich sowie den Ereignissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Er selbst beschrieb seine Entlassung aus dem Hochschuldienst durch die englische Militärregierung und die Zeit bis zu seiner Wiedereinstellung im Oktober 1948 „als die schwerste Zeit seines Lebens“. Mit der erstmaligen Aufarbeitung und Analyse seiner fast dreijährigen Entnazifizierungsgeschichte sowie der Rolle einzelner Senatsmitglieder während der NS-Zeit und ihrer Beziehung zu Götze in den Jahren seiner Entnazifizierung, wird gleichzeitig ein entscheidender Beitrag zur Vervollständigung der hannoverschen Hochschul-geschichte geleistet. Bioergographisch wird zudem enträtselt, womit sich Götze in den Jahren 1945 bis 1948 außerhalb der Hochschule beschäftigt hatte. Genannt sei beispielhaft die bis heute jährlich stattfindende „Herbstuntersuchung“ der Vollblutpferde, an deren Einführung im Jahr 1946 Götze maßgeblich beteiligt war.

Richard Götze war es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gelungen, sein wissenschaftliches Werk enorm zu potenzieren und seine Aufgabenbereiche soweit zu erweitern, dass sie von ihm alleine nicht mehr bewältigt werden konnten. Daher setzte er sich, unmittelbar nach Wiedereinstellung, vehement für die Aufgliederung seines Ordinariats und seiner Klinik in drei eigenständige Bereiche ein. Damit leistete er an der Tierärztlichen Hochschule Hannover den entscheidenden Beitrag zur Abkehr vom humanmedizinischen Modell der Disziplinenkliniken, hin zur Neugliederung der Kliniken nach Tierarten – ein Vorgang, der innerhalb dieser Arbeit auch die entsprechende Auseinandersetzung findet.

Im Jahr 1955 verstarb Richard Götze im Alter von 65 Jahren, nachdem er zwei Jahre zuvor für seine Lebensleistungen von seiner alten Alma Mater in Leipzig mit der Ehrenpromotion ausgezeichnet wurde. Zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, für das er von Seiten der Tierärztlichen Hochschule Hannover vorgeschlagen war, kam es aufgrund seines relativ frühen Todes nicht mehr.

 

abstract (englisch)

For the first time, the professional life of Richard Götze, who was known so far only from laudationes and necrologies, is reconstructured and analyzed on the basis of extensive documents from the archive of the University of Veterinary Medicine Hannover and the Lower Saxony Main State Archive. Scientific interviews with contemporary witnesses complement the source base and draw different facets of someone who is remembered today almost exclusively as the „cattle specialist“. Thanks to numerous photographs and illustrations a vivid picture of the person, clinician and scientist Richard Götze is being shown that documents his role as an avantgardist in many of his fields of knowledge, above all the artificial insemination, and a visionary regarding the development of the University of Veterinary Medicine Hannover and the veterinary medicine overall. He has lastingly influenced the history of his college, and revolutionised the entire livestock medicine in critical areas.

In the central part of the work Richard Götzes biography, which began in 1925 with his employment at the University of Veterinary Medicine Hannover and ended with his sudden death in 1955 is being documented. So his entire college career can be followed over the course of 30 years, beginning with his appointment and the fact that he had to start without an own clinic, up to the founding and establishment of the „gynaecological clinic“ and „clinic for internal and surgical diseases of the cattle“ in 1953, as well as of the „institute for breeding and insemination of domestic animals“ in 1955.

Based on the original senates decisions the historically interesting fact could be proven that Richard Götze has never received an official appointment in Hanover. In 1925 the senate was looking urgently for an full professor for the newly established chair of obstetrics and buiatrics, that was vacant since April. After Johannes Richter (Leipzig) and Franz Benesch (Vienna) could not be recruited for the job, finally Götze was being asked, who agreed to his appointment as professor and director of the clinic in December 1925, without having had firmly put conditions in hand – a big mistake, as it turned out only a short time later: So Richard Götze planned to leave Hanover again in April 1926, because the ministry did not stick to agreements regarding the pay grade and seniority level.

Götze practically began with nothing in Hanover and initially had to build up a patient base and gradually establish his clinic for obstetrics and buiatrics with the farmers of the surrounding area. Under his leadership the first own buildings of the clinic were built in 1928. Later in the „era of Götze“ he created the monumental complex of buildings that up till today constitute the largest part of the architecture of the „Clinic for Cattle“.

Other key points of this work are addressing Götze's role in the Third Reich as well as the events in the immediate postwar period. He himself described his dismissal from the university service by the British military government and the time until his reinstatement in October 1948 „as the most difficult time of his life“. With the initial workup and analysis of his nearly three-year history of de-nazification and the role of individual members of the senate during the Nazi period and their relationship with Götze during the years of denazification, simultaneously a crucial contribution to the completion of the Hanoverian University's history is made.

Additionally the biography gives answers to what Götze was doing outside the University in the years from 1945 to 1948. Here for example the annual „autumn examination“ of thoroughbred horses can be mentioned, that was introduced by Götze in 1946 and is being held until today.

Richard Götze already succeeded in expanding his scientific work and respon-sibilities to an extent that could not be overcome by him alone before Second World War. Immediately after his reinstatement he vehemently dedicated himself to the breakdown of his Ordinary and his clinic into three separate parts. So he made the decisive contribution to the turning away from the medical model of discipline clinics to the reorganisation of hospitals according to species at the University of Veterinary Medicine Hannover – a process that is being highlighted adequately in this work.

In 1955, Richard Götze died at the age of 65, after being honored for his lifetime achievements two years previously by his old alma mater in Leipzig with a honorary doctorate. But unfortunately the Order of Merit, for which he was nominated by the University of Veterinary Medicine Hannover, could not be awarded to him due to his relatively early death.

 

keywords

Klinik für Geburtshilfe und Rinderkrankheiten, Entnazifizierung, Bioergographie; Clinic for obstetrics and buiatrics, denazification, biography

kb

73.189