Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Werner Josef Meuser

 

Das Schmerzempfinden

von Tieren und die Einschätzung durch den Menschen

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-92308

title (engl.)

Pain sensation in animals and its assessment by humans

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2006

text

/dissertations/meuserw_ss06.pdf

abstract (deutsch)

Mit dem Hintergrund, dass die Wahrnehmung und realistische Einschätzung des Schmerzes von Tieren ein essenzieller Bestandteil des tierärztlichen Alltags ist, war es das Ziel der vorliegenden Studie zu untersuchen, ob Menschen verschiedener Berufssparten den Schmerz von Tieren auf unterschiedliche Weise wahrnehmen und bewerten. Es konnte gezeigt werden, dass verschiedene Berufsgruppen das Schmerzempfinden von Tieren zum Teil signifikant verschieden einschätzen.

Hierzu wurde eine Fragebogenerhebung durchgeführt, an der Tiermediziner, Humanmediziner, Tierschützer und an verschiedenen Schlachthöfen tätige Personen teilnahmen. Den Studienteilnehmern wurden Fragebögen ausgehändigt, die anhand von zwei Beispieltierarten die zu erwartenden Schmerzen verschiedener Eingriffe auf einer Skala von 1 bis 10 Schmerzpunkten bewerten sollten.

Die Antworten der Humanmediziner, der Tierärzte, des Schlachthofpersonals und der Tierschützer wurden verglichen. Die Tierschützer vergaben mit durchschnittlich 118,1 Schmerzpunkten die höchste Schmerzpunktzahl, gefolgt vom Schlachthofpersonal (74,6 Punkte), den Tiermedizinern (71,1 Punkte) und den Humanmedizinern (65,7 Punkte). Der direkte Vergleich von jeweils zwei Berufsgruppen ergab zum Teil signifikante Unterschiede in der Schmerzbewertung. Die Tierärzte schätzten das Schmerzempfinden bei Hund und Meerschweinchen schwach signifikant höher ein als die Humanmediziner, unterschieden sich in ihrer Einschätzung nicht signifikant vom Schlachthofpersonal und lagen mit ihrer Einschätzung erheblich niedriger als die Tierschützer. Bei der Betrachtung der Humanmediziner zeigte sich, dass sie die Schmerzen von Tieren geringer bewerteten als das Schlachthofpersonal und erheblich niedriger als die Tierschützer. Auch das Schlachthofpersonal bewertete das Schmerzempfinden von Tieren erheblich niedriger als die Tierschützer.

Der Vergleich von Männern und Frauen zeigte, dass Frauen das Schmerzempfinden bei Tieren höher bewerteten als Männer; die einzige Ausnahme bildeten die Tiermedizinerinnen. In der Betrachtung der beiden Studienobjekte Hund und Meerschweinchen bekam ausnahmslos das Meerschweinchen das größere Schmerzempfinden zugeschrieben.


 

Personen, die Kinder haben oder persönliches Leid durchlebten, bewerteten das Schmerzempfinden geringer als Personen ohne Kinder und ohne persönliche Leiderfahrung, Menschen mit Haustieren hingegen bewerten das Schmerzempfinden von Tieren höher als Personen ohne Haustiere.

Die unterschiedliche Schmerzbewertung der einzelnen Berufsgruppen kann wahrscheinlich teilweise mit den anderen Einflussgrößen (Kinder, Haustiere, persönliche Leiderfahrungen) erklärt werden: So waren zum Beispiel die Tierschützer die Personen mit den wenigsten Kindern (35%), aber vielen Haustieren (84%). Beide Faktoren trugen zu einer erhöhten Schmerzpunktvergabe bei. Die Humanmediziner dagegen waren die Gruppe mit den wenigsten Haustieren (60% der Humanmediziner haben Haustiere) und einer etwa gleich großen Menge Kindern (67%); beide Faktoren trugen zu einer niedrigen Schmerzpunktvergabe bei.

Die Einschätzung des Schmerzes von Tieren durch die verschiedenen Berufsgruppen scheint (mit Ausnahme der Tierschützer) eine realistische zu sein. Die Verabreichung von Analgetika in der tierärztlichen täglichen Praxis sollte noch intensiver betrieben werden. Es ist bedauerlich, dass bestimmte operative Eingriffe, wie Kastrationen ohne Narkotika und Analgetika, in der zivilisierten Welt durchgeführt werden dürfen. Obwohl eine Reihe von Untersuchungen zu dieser Problematik durchgeführt worden sind, steht letztlich eine praktikable Methode noch aus. Da das Schmerzempfinden junger und alter Tiere ähnlich ist, ist die Forderung der Schmerzausschaltung nicht nur richtig und berechtigt, sondern auch ethisch unabdingbar. Der Tierarzt in seiner Funktion als Anwalt der Tiere ist berufen, Schmerzen und Leiden der Tiere, die unnötig zugefügt werden, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen.

 

abstract (englisch)

The aim of this study was to investigate whether people of different professions become aware of and assess and acknowledge animals’ pain differently. The threshold of pain in animals is essential in a veterinarian’s daily practice. In the present work it could be shown for the first time that there are significant differences in how people of different professions assess pain in animals.

A questionnaire was handed out to physicians, veterinarians, abattoir workers and animal-rights activists. Using guinea pig and dog as model animals, the participants were asked to rate animal pain on a rating scale ranging from one to ten.

The ratings of physicians, veterinarians, abattoir workers and animal-rights activists were compared. We found that animal-rights activists rated the highest pain values (118.1 points), followed by abattoir workers (74.6 points), veterinarians (71.1 points) and physicians (65.7 points). The direct comparison of all groups with each other revealed some significant differences in pain rating. The veterinarians rated pain significantly higher than the physicians, significantly lower than animal-rights activists and not significantly different from the abattoir workers. The physicians, too, rated pain significantly lower than the animal-rights activists and significantly lower than the abattoir workers. The abattoir workers also rated pain significantly lower than the animal-rights activists.

The comparison of male and female participants showed that women rated pain generally higher than men, with the only exception being female veterinarians. The comparison of dog and guinea pig showed that all professions, no matter which sex, rated the guinea pig’s pain higher than the dog’s pain. People with children or with a past of “severe personal suffering” rated pain lower than people without such experiences, and for pet owners it was the other way round: pet owners rated pain higher than people without pets.

The differences in pain ratings by the different professions can probably partly be explained by the investigated influencing factors (children, pets, personal history of severe suffering). The animal-rights activists appeared to be the ones with the lowest number of children (35%), but many pets (84%); both factors contributed to highly rated pain values. In contrast, physicians were the group with the lowest number of pets (60%) and an almost equal number of children (67%), both factors contributed to a low rating of pain values.

We could conclude that the rating of animal pain in all professions (except for animal-rights activist) seemed to be a realistic one. In view of these findings, it is hardly understandable that pain relief is not practised more intensely. It is unfortunate that castration without analgesics is allowed.

Although studies concerning the animal’s pain during castration have been performed, a useful and inexpensive method still does not exist. Pain in young and old animals is nearly the same - thus the demand for pain relief in the castration of young animals is not simply justified, but is of ethical concern. Veterinarians, in their function as animal protectors, have the moral duty to do their utmost to fight pain and suffering of animals.

 

keywords

Schmerzempfinden, Tier, Mensch, pain, animals, humans

kb

503