Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Katharina Charlotte Jensen

Chronische Krankheitsgeschehen in Milchviehbetrieben in

Norddeutschland: Symptomatik auf Herdenebene,

Risikofaktoren und die Rolle des Landwirtes

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-108141

title (engl.)

Chronic diseases in dairy herds in northern Germany:

Symptoms at the herd level, risk factors and the role of the farmer

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2016

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/jensenk_ss16.pdf

abstract (deutsch)

Seit den 1990er Jahren wird von chronischen Krankheitsgeschehen auf norddeutschen Milchviehbetrieben berichtet, welche mit einer erhöhten Mortalität, einem Milchleistungsrückgang und unspezifischen Krankheitserscheinungen einhergehen. Die beschriebenen Krankheitsgeschehen führten zu einer enormen finanziellen und emotionalen Belastung der betroffenen Landwirte und waren auch von tierschutzrechtlicher Bedeutung. Das Ziel der hier vorliegenden Arbeit war, mögliche Ursachen für diese chronischen Krankheitsgeschehen zu ermitteln. Zunächst wurden Herden mit und ohne Anzeichen für chronisches Krankheitsgeschehen hinsichtlich verschiedener Symptome auf Herdenebene miteinander verglichen, um das Krankheitsbild zu spezifizieren und erste Hinweise auf die Ursachen zu ermitteln. Zweitens wurden die Herden im Hinblick auf Risikofaktoren aus verschiedenen Bereichen des Managements miteinander verglichen. Schließlich wurde auch der Landwirt selbst mit berücksichtigt.

Die ersten beiden Fragestellungen wurden im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie untersucht, in der durch geschulte Tierärzte auf 47 Kontroll-, 45 Fall 1 (ungeimpfte)- und 47 Fall 2 (mit unspezifischer Clostridien-Vakzine geimpfte) Betrieben einmalig eingehende Betriebsanalysen durchgeführt wurden. Fallbetriebe erfüllten dabei mindestens drei der folgenden fünf Kriterien: (1) Milchleistungsrückgang über mindestens 3 Monate um mindestens 15 %, (2) Mortalität von mindestens 5 % über die letzten 12 Monate, (3) Abgangsrate von mindestens 35 % über die letzten 12 Monate oder eine Zunahme der Abgangsrate um mindestens 10 % verglichen zum Vorjahr, (4) mindestens 10 % der Herde lagen in den letzten 12 Monaten fest, und (5) Eindruck des Landwirts oder seines Hoftierarztes, dass ein erhöhtes Krankheitsvorkommen herrscht. Kontrollbetriebe erfüllten keines dieser Kriterien.

Bezüglich der ersten Hypothese zeigte sich im mehrfaktoriellen Modell, dass die Herden auf Fallbetrieben verglichen mit den Herden von Kontrollbetrieben statistisch signifikant eine schlechtere Körperkondition (Fall 1: p=0,0102; Fall 2: p=0,0041), mehr Hautläsionen an den Beinen (Fall 1: p=0,0400; Fall 2: p=0,0054) und einen niedrigeren Kuh-Komfort-Index (Fall 1: p=0,0095; Fall 2: p=0,0048) aufwiesen. Darüber hinaus hatten Fall 1-Betriebe im Vergleich zu Kontrollbetrieben eine statistisch signifikant längere Zwischenkalbezeit (p=0,0120) und mehr verschmutzte Kühe (p=0,0419). Fall 2-Betriebe hatten einen signifikant niedrigeren Wiederkau-Index als Kontrollbetriebe (p=0,0282). Das Ausmaß einiger Symptome, wie beispielsweise die Anzahl an lahmen Kühen, war dabei außergewöhnlich hoch.

Hinsichtlich der Risikofaktoren zeigte sich, dass Fallbetriebe eine niedrigere Energiedichte im Grundfutter hatten als Kontrollbetriebe (Fall 1: p=0,0088; Fall 2: p=0,0052). Fall 1-Betriebe hatten zudem häufiger ein mittleres Tier-Tränkeplatz-Verhältnis (p=0,0303) und häufiger verschmutzte Liegebereiche (p=0,0114) verglichen mit Kontrollbetrieben. Fall 2-Betriebe hatten dagegen häufiger Hochboxen anstatt von Tiefboxen oder Strohflächen (p=0,0031) und häufiger Silagen mit mikrobiologischen Abweichungen (p=0,0170) als Kontrollbetriebe. Anders als erwartet hatten Fall 2-Betriebe zudem seltener Grassilagen mit einem Reineiweißgehalt von <50 % des Gesamteiweißgehaltes (p=0,0112) und führten häufiger halbjährlich eine Bestandsklauenpflege durch (p=0,0220).

Die Evaluation der Beratung hat gezeigt, dass die Landwirte größtenteils mit dem Betriebsbesuch zufrieden waren und zumindest einige der vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt haben. Die Umsetzung von Ratschlägen wurde durch finanzielle wie auch zeitliche Ressourcen begrenzt, aber einige Landwirte gaben auch an, dass ein Mangel an Selbstdisziplin eine konsequente Umsetzung verhindert habe. Andere Faktoren, die den Erfolg einer Beratung beeinflussen können, sind die Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt, die Selbstreflektion des Landwirtes und der Wunsch nach nur einem auslösenden Faktor für die Herdenprobleme.

Zusammengefasst zeigte sich, dass die identifizierten Symptome vielfältig und relativ unspezifisch sind. Sie deuten an, dass ein alleiniger Auslöser als Ursache unwahrscheinlich ist. Dieses Ergebnis wurde durch die Analyse der Risikofaktoren bestätigt. Deswegen sollten in Zukunft sollten vor allem die Haltung (insbesondere der Kuh-Komfort), die Hygiene und die Fütterung bei der Bekämpfung chronischer Herdengesundheitsprobleme Beachtung finden. Letztlich sind aber für jeden betroffenen Betrieb eingehende betriebsindividuelle Analysen sowohl der Symptomatik wie auch der Risikofaktoren vonnöten. Bei den aus diesen Analysen abgeleiteten Lösungsvorschlägen sollten die im Rahmen der Evaluation identifizierten Faktoren bei der Beratung nicht vernachlässigt werden, um eine nachhaltige Hilfe für die betroffenen Betriebe zu erreichen. Diese ist aufgrund der finanziellen wie aber auch der tierschutzrechtlichen Konsequenzen der lang andauernden Herdengesundheitsprobleme von Tierärzten, anderen Beratern wie auch Landwirten gemeinsam anzustreben.

 

abstract (englisch)

Since the 1990ies, chronic herd health problems accompanied by increased mortality rates, a decreased milk yield, and unspecific symptoms are reported to have increased in dairy herds in northern German. The chronic health problems restricted animal welfare and led to enormous financial and emotional loads for the farmers affected. The objective of this thesis was to reveal possible causes for the on-going chronic herd health problems. First, herds with and without signs of chronic illness were compared regarding various symptoms at herd level to specify the health problems and to gain a first insight into the aetiology. Second, herds were compared due to risk factors of different fields of management. Finally, also the role of the farmer was regarded. Therefore, as a first step, the consultation performed during the study was evaluated. Within the framework of this evaluation, hypotheses were derived concerning factors that influence the implementation of veterinary advice to offer better support to farmers in future.

 

The first two objectives were investigated within the framework of a case-control study, trained study veterinarians analysed 47 control-, 45 case 1- (herds not vaccinated) and 47 case 2-farms (herds vaccinated with an unspecific Clostridia-vaccination) during a non-recurring farm visit. Case-farms had to fulfil at least three of the following five inclusion criteria: (1) decreased milk yield of at least 15 % for at least three months, (2) mortality rate of at least 5 % in the last 12 years, (3) culling rate of at least 35 % in the last 12 months or an increase of at least 10 % compared to the year before, (4) at least 10 % of the herd suffered from downer cow syndrome in the last 12 month, and (5) farmer´s or his veterinarians´ impression of an increased incidence rate. Controls were to fulfil none of these criteria.

 

Concerning the first objective, the multifactorial model revealed that herds from case-farms had a worse body condition compared to control farms (case 1: p=0.0102; case 2: p=0.0041), more skin lesions at the legs (case 1: p=0.0400; case 2: p=0.0054), and a lower cow-comfort-quotient (case 1: p=0.0095; case 2: p=0.0048). Moreover, case 1-farms had a longer calving interval (p=0.0120) and more cows in a deficient hygienic condition (p=0.0419) than control-farms. Herds from case 2-farms had a lower cud-chewing-index than herds from control-farms (p=0.0282). The extent of some symptoms, like the number of lame cows, was exceptional high.

 

Concerning the risk factors, multifactorial modeling revealed that case farms had a lower energy density in the roughage (case 1: p=0.0088; case 2: p=0.0052). Additionally, case 1-farms had more frequently an intermediate cow-watering place-ratio (p=0.0303) and lying areas were more frequently soiled compared to control farms (p=0.0114). Case 2-farms had more frequently raised cubicles instead of deep beddings or straw yards (p=0.0031) and silages with microbiological deviations (p=0.0170) than control-farms. Differently than expected, case 2-farms had less frequently grass silages with a true protein content less than 50 % of the crude protein content (p=0.0112) and stated to perform herd claw trimming more frequently twice a year (p=0.0220) than control farms.

 

In summary, the identified symptoms revealed as diversified and relatively unspecific. These results indicate that a single causative factor is unlikely. This result was confirmed by the risk factor analyses. For these reasons, in future, attention should be paid to housing conditions (especially the cow comfort), hygiene and feeding to overcome the herd health problems. However, in the end, individual analyses concerning the symptoms as well as the risk factors are needed for every herd affected. The factors identified from the evaluation, which are influencing the implementation of advice, should not be neglected when advice is deduced from theses analyses to achieve a sustainable improvement of the herd health. This aim should be aspired by veterinarians, other advisors and farmers altogether to overcome the restrictions in animal welfare and the economic losses.

 

keywords

Haltung, Lahmheit, Management, housing, lameness, management

kb

1.537