Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Sarah Hohenbrink

Female dominance in mouse lemurs

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-107298

title (ger.)

Weibliche Dominanz bei Mausmakis

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2015

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/hohenbrinks_ws15.pdf

abstract (deutsch)

Weibliche soziale Dominanz über Männchen ist bei Säugetieren vergleichsweise selten, wird aber relativ häufig bei madagassischen Lemuren beobachtet, obwohl sie auch hier nicht einheitlich auftritt. Weibliche Dominanz wurde bereits über die letzten 30 Jahre hinweg untersucht, die genauen proximaten und ultimaten Mechanismen, die dieses Phänomen ausmachen, sind allerdings noch immer ungeklärt. Darüber hinaus fehlen systematische Datensätze über die Ausprägung weiblicher Dominanz bei vielen Lemuren, besonders bei nachtaktiven Arten. Aus diesem Grund untersuchte diese Doktorarbeit weibliche Dominanz in zwei nahverwandten, in Gefangenschaft gehaltenen Mausmakiarten, die sich allerdings in ihrer Sozio-Ökologie unterscheiden, dem grauen und dem Goodman´s Mausmaki (Microcebus murinus und M. lehilahytsara). Insgesamt wurden drei Studien gestaltet, die spezifische Fragestellungen zur Ontogenese, Ausprägung und zu beeinflussenden Faktoren von weiblicher Dominanz in Kombination mit dominanz-relevanten Verhaltensweisen in Mausmakis beantworten sollen, von denen generell angenommen wird, dass sie ein geeignetes Modell für ursprüngliche Primatenkonditionen darstellen.

Mit Hilfe des ersten Teils dieser PhD-These wurde die Ontogenese von intersexueller Dominanz in Kombination zu altersbedingten Veränderungen in dominanz-bezogenen Verhaltensweisen in jungen grauen Mausmakis innerhalb ihres ersten Lebensjahres untersucht. Männchen-Weibchen-Dyaden wurden in Begegnungsexperimenten in unterschiedlichen Alterskategorien beobachtet, d.h. als die Tiere juvenil, heranwachsend und jung erwachsen waren. Das Auftreten von Spiel- und Markierverhalten, sozialer Toleranz und agonistischem Verhalten wurde aufgezeichnet und systematisch analysiert. Altersabhängige Verhaltensänderungen wurden im Spielverhalten, sozialer Toleranz, agonistischen Verhalten und im Markierverhalten der Weibchen, aber nicht der Männchen, beobachtet. Erste entschiedene Dominanzbeziehungen wurden um den Zeitpunkt der Pubertät bei den heranwachsenden Tieren etabliert, und die Anzahl an dominanten Weibchen stieg mit dem Alter weiter an.

Innerhalb des zweiten Teils dieser PhD-These wurden physische und soziale Eigenschaften zwischen jungen erwachsenen und voll ausgereiften erwachsenen Tieren verglichen. Die Ergebnisse zeigten, dass junge graue Mausmakis von etwa einem Jahr sexuell ausgereift waren, da sie vergleichbare Hodenvolumina und reguläre Östruszyklen aufzeigten, und sich beim Vergleich des Reproduktionserfolgs nicht von voll ausgereiften Tieren unterschieden. Verhaltensunterschiede zwischen beiden Testgruppen zeigten jedoch, dass junge Individuen sich das volle Verhaltensrepertoire der Erwachsenen noch nicht angeeignet hatten und somit noch nicht komplett sozial ausgereift waren. Daher zeigte dieser Teil der Doktorarbeit erstmalig, dass sexuelle Reifung bei diesen Primaten der sozialen Reifung vorangeht, was eine Anpassung an den großen Prädationsdruck sein kann, der sich auf diese Lemurenart auswirkt.

Der dritte Teil dieser Doktorarbeit beschäftigte sich mit der Plastizität und unterschiedlichen bestimmenden Faktoren weiblicher Dominanz in grauen und Goodman´s Mausmakis. Weibchen beider Arten gewannen die Mehrheit, aber nicht alle Konflikte, über das ganze Jahr verteilt, wodurch bei beiden Arten von einer moderaten Form der weiblichen Dominanz auszugehen ist. Bei Goodman´s Mausmakis wurde die weibliche Dominanz zum ersten Mal beschrieben, und diese Verhaltensweise zeigte eine moderate Stabilität, wenn das agonistische Verhalten in zwei aufeinanderfolgenden Reproduktionszeiten verglichen wurde. Insgesamt beeinflussten die getesteten Faktoren Art, Saison und Alter (Altersunterschied zwischen den Dyaden-Partnern) das agonistische Verhalten – und damit die Ausprägung der weiblichen Dominanz – der beiden Mausmakiarten, jedoch mit unterschiedlicher Intensität.

Der Dominanzstatus beider Geschlechter wurde nicht als beeinflussender Faktor auf das Markierverhalten identifiziert, wohingegen jedoch Art und Saison einen Einfluss nahmen. Insgesamt markierten beide Geschlechter des grauen Mausmakis häufiger als Goodman´s Mausmakis und in beiden Arten wurde das Markierverhalten der Weibchen und nicht das der Männchen durch die Saison beeinflusst, indem sie deutlich häufiger während der Reproduktionszeit markierten.

Zusammengefasst bieten die unterschiedlichen Studien neue Einsichten in die weibliche Dominanz bei Mausmakis und in die Komplexität dieses Verhaltensphänomens, das mit anderen dominanz-relevanten Verhaltensweisen zu interagieren scheint. Soziale und ökologische Unterschiede zwischen beiden Modellarten wurden näher beleuchtet, um mögliche Schlüsselvariablen zu identifizieren, die geschlechtsspezifische Kostenasymmetrien hervorrufen und die Überlegenheit der Weibchen erklären könnten. Darüber hinaus wurde die Relevanz der bereits in der Literatur existierenden Hypothesen für die Existenz weiblicher Dominanz bei Lemuren in Bezug auf Mausmakis und auf die in dieser Doktorarbeit neu gewonnenen Ergebnisse diskutiert.

abstract (englisch)

Female social dominance over males is relatively rare in mammals, but can be found more frequently in Malagasy lemurs, although not consistently expressed in all species. Female dominance in lemurs has been studied over the last 30 years, but proximate and ultimate reasons for this phenomenon are still unknown. More than that, systematic data on the expression of female dominance are missing in many lemurs, especially in nocturnal species. Therefore, within this thesis female dominance was investigated in two captive, closely related mouse lemur species with different socio-ecology, the gray and the Goodman´s mouse lemur (Microcebus murinus and M. lehilahytsara). Three studies were designed to answer specific questions about the ontogeny, expression and determinants of female dominance in combination with dominance-related behaviors in mouse lemurs, which are generally assumed to represent a suitable model for ancestral primate conditions.

With the help of the first part of this thesis the ontogeny of intersexual dominance in parallel to age-related changes in dominance-related behaviors in young gray mouse lemurs was investigated within their first year of life. Male-female dyads were observed in encounter experiments in three different age categories: juvenile, adolescent and young adult. All occurrences of play and marking behavior, social tolerance and agonistic behavior were recorded and analyzed systematically. Age-dependent behavioral changes were found in play behavior, social tolerance, agonistic behavior and in the marking behavior of females, but not of males. First decided dominance relationships were established around puberty, when animals were adolescent and the number of dominant females further increased with age.

Within the second part of the thesis physical and social characteristics between young adult and fully grown gray mouse lemurs were compared. The results showed that young adult gray mouse lemurs of about one year of age were sexually mature since they had comparable testicular volumes, regular estrus cycles and did not differ in breeding success in comparison to fully grown adults. Behavioral differences between both test groups indicated, however, that young individuals had not yet achieved the full appropriate behavioral repertoire of adults and were lacking complete social maturation. Therefore, this study presented first results that sexual maturation is preceding social maturation in this primate, which might be an adaption to the very high predation pressure.

The third part of the thesis dealt with the plasticity and different determinants of female dominance in gray and Goodman´s mouse lemurs. Females of both species won the majority but not all conflicts throughout the year resulting in a moderate form of female dominance. In Goodman´s mouse lemurs the expression of female dominance was described for the first time and the behavior was moderately stable when the agonistic behavior of two successive reproductive seasons was compared. Overall, the tested determinants species, season and age (age difference between dyad partners) were identified to influence the agonistic behavior       – and therefore the expression of female dominance – in both mouse lemur species, although with varying intensities.

The dominance status of both sexes, however, was not identified to influence the marking behavior of males and females, whereas species and season were identified as influencing factors of marking. In general, both sexes of gray mouse lemurs marked more frequently than Goodman´s mouse lemurs, and in both species the marking behavior of females, but not of males, was clearly influenced by season with higher female marking rates during the reproductive season.

In conclusion, the different studies provided new insights into female dominance in mouse lemurs and into the complexity of this behavioral phenomenon that seems to interact with other dominance-related behaviors. Social and ecological differences between both target species were evaluated to identify possible key variables causing sex-specific cost asymmetries that may explain the superiority of females. Furthermore, the relevance of current hypotheses on the evolution of the variable pattern of female dominance in lemurs and in particular in mouse lemurs was discussed.

keywords

Weibliche Dominanz, Onthogenese, beeinflussende Faktoren; female dominance, ontogeny, influencing factors

kb

2.603