HABILITATIONSSCHRIFT

 


Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – University of Veterinary Medicine Hannover – Foundation / Library

Sabine Aboling

Zur Bedeutung floristischer Diversität und ausgewählter pflanzlicher Eigenschaften für die Selektion von Nahrungspflanzen

auf Maisäckern und ihren Säumen durch Rehe und Hasen

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-h2622

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Habilitationsschrift, 2013

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/h_aboling13.pdf

Zusammenfassung

Fragestellung und Ziel

Floristische Diversität bildet eines der wichtigsten naturschutzfachlichen Kriterien für die Qualität von Biotoptypen der Agrarlandschaft. Dennoch ist unklar, welche Bedeutung dieses Merkmal für die Selektion von Nahrungspflanzen der dort leben-den typischen Pflanzenfresser besitzt. Da jede Pflanzenart qualitativ und quantitativ durch ein spezifisches Spektrum an Nähr- und Inhaltsstoffen gekennzeichnet ist, würde die floristische Vielfalt die Selektion dann beeinflussen, wenn die pflanzenartspezifische Vielfalt an Nähr- und Inhaltsstoffen für Rehe und Hasen Vorrang in ihrer Äsung besäße. Wenn demgegenüber primär der Energiegehalt in den Pflanzen Vorrang hätte, dann würden nur bestimmte Arten oder besonders nährstoffversorgte Biotoptypen relevant sein, nicht aber die standörtlich vorhandene Diversität. In diesem Fall würde die floristische Vielfalt die Selektion nicht beeinflussen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand in der detaillierten Charak-terisierung der Beäsung von Pflanzenarten im Sommer durch Rehe und Hasen auf den Biotoptypen Maisacker, dessen Saum sowie Hafer- und Wildacker und Brache.

 

Material und Methoden

Als Referenzflächen wurden 14 Maisäcker mit einer Schlaggröße zwischen 1,3 und 20 Hektar inklusive ihrer 1 - 4 m breiten Säume gewählt. Darüber hinaus existierten in acht ausgewählten Maisäckern experimentell ausgesparte Gassen in drei Varianten: (1) Aussaat von Hafer, (2) Aussaat einer Wildackermischung sowie (3) keine Einsaat (Brache). Die Erfassung der vorhandenen Pflanzenarten sowie der beästen Pflanzenarten und -triebe aller Biotoptypen (Kartierung) erfolgte an zwei Terminen im Jahr (25.06.-29.07. und 10.08.-12.09.) auf zwei Skalen-Niveaus: (1) Pro Maisschlag, Saumabschnitt und Gasse (Large scale-Niveau) sowie (2) auf Teilflächen, welche konzentrisch vom Saum bis zum Zentrum der Ackerfläche verliefen (Small scale-Niveau). Die Kartierung der Gassen erfolgte stets auf 300 m² großen Teilflächen.

Da es nicht darauf ankam, die Selektion von Nahrungspflanzen tierartspezifisch zu bestimmen, wurden die Verbissspuren von Hase und Reh nicht voneinander abgegrenzt. Für den dabei erzielten Querschnitt an beästen Arten und Trieben wurde in Kauf genommen, dass entweder die eine oder die andere Tierart im jeweiligen Gebiet die Äsung prägte. Mit Hilfe des Shannon-Wiener-Index erfolgte die Ermittlung der Gleichverteilung (Evenness) der beästen Arten pro Biotoptyp (i. e. ob von den beästen Pflanzenarten jeweils wenige Arten besonders viel oder viele Arten wenig beäst wurden). Den Grad der Bevorzugung von Pflanzen drückte der Präferenz-Index aus (Palatability Index; i. e. die Zahl verbissener Triebe einer Pflanze relativ zur Zahl verbissener Triebe anderer Pflanzen).

Untersucht wurden folgende vier Prüfvariablen, die Einfluss auf die Beäsung haben könnten: (1) Schlaggröße der Biotope, (2) Häufigkeit des Vorkommens von Pflanzen-arten, (3) floristische Diversität und (4) Eigenschaften beäster Pflanzen. Zu letzteren zählten organische Inhaltsstoffe (Rohfaser, Rohprotein) sowie wichtige Mengen- und Spurenelemente. Exemplare beäster und un-beäster Pflanzen einer jeweiligen Art wurden beprobt, um intraspezifische Unterschiede zwischen beästen und unbeästen Pflanzen einer Art festzustellen. Die Probennahme an beästen Arten erfolgte, indem nicht beäste Triebe für die Analyse geerntet wurden. Die Beprobung eines nicht beästen Exemplars wurde so nah wie möglich am Wuchsort der beästen Pflanze durchgeführt, und zwar solcher Triebe, die den fehlenden des beästen Exemplars entsprachen. An besonnten Saumabschnitten wurden übriggebliebene Organe ausschließlich stark beäster Individuen identischer Arten entnommen, um zu prüfen, ob standortspezifische Unterschiede im Gehalt an Inhaltsstoffen vorhanden waren. Die Auswertung nach funktionellen Gruppen (Gräser, Kräuter, Kulturpflanzen, Gehölze, Giftpflanzen) sollte klären, ob das Wild bestimmte art- und familienspezifische Merkmale präferiert oder ob funktionelle Merkmale wie das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Inhaltsstoffe eine Rolle spielen.

 

Ergebnisse

1.    Die floristische Diversität sowie die Zahl beäster Pflanzenarten und –triebe auf Maisäckern fiel signifikant geringer aus als auf jedem anderen Biotoptyp und war auf den Haferäckern innerhalb der Ackerbiotope am höchsten. Die Mittelwerte lauteten für Maisäcker von 1,3 - 20 Hektar 12,0 vorhandene Arten bei 1,13 beästen Arten und 14,5 beästen Trieben; für Säume 36,2 vorhandene Arten bei 12,4 beästen Arten und 3987 beästen Trieben; für Haferäcker 14,8 vorhandene Arten bei 5,38 beästen Arten und 302 beästen Trieben; für Wildäcker 9,13 vorhandene Arten bei 3,19 beästen Arten und 222 Trieben sowie für Brachen 15,5 vorhandene Arten bei 1,9 beästen Arten und 10373 Trieben.

2.    Die Kartierung auf Small scale-Niveau zeigte, dass das Wild die in Maisäckern wachsenden Wildpflanzen grundsätzlich auf der gesamten Fläche beäste und keine Zone besonders stark frequentierte.

3.    Der Rohfasergehalt der beästen Pflanzenorgane variierte im Mittel um 217 ± 11,1 g/kg TS, d. h. zwischen 103 g/kg TS (Weißer Gänsefuß) und 313 g/kg TS (Gewöhnliche Lichtnelke). Der Rohproteingehalt der beästen Pflanzenarten zeigte Werte im Mittel von 216 ± 69,56 g/kg TS (Median = 208 g/kg TS), einen Minimumwert von 81,2 g/kg TS (Acker-Stiefmütterchen) und einen Maximumwert von 406 g/kg TS (Ölrettich).

4.    Im Vergleich zum ersten Aufwuchs einer gut gedüngten Futterwiese erzielten die Organe beäster Pflanzen höhere Werte an Magnesium (4,3 g/kg TS), Kalium (43,8 g/kg TS), Zink (113 mg/kg TS) und Mangan (228 mg/kg TS). Bei gleichen Arten bestand zwischen den beästen Exemplaren (198 g Rohprotein/ kg TS) und unbeästen (207 g Rohprotein/kg TS) kein Unterschied. Auch Mengen- und Spurenelement-Gehalte zeigten keine Unterschiede zwischen beästen und unbeästen Exemplaren der gleichen Art.

5.    Rehe und Hasen selektierten generell nur 35 % der in einem Biotoptyp vorhandenen Pflanzenarten. Dabei war die Flächengröße des Biotops unbedeutend.

6.    Die Tiere vereinen zwei Äsungsstrategien: (1) Im Fall energiereicher Pflanzen wird die Nahrungswahl auf der Ebene des Biotoptyps getroffen, d. h. der Aufwuchs der Brachen und Wildäcker massenhaft beäst. Bei diesem Konsum handelt es sich um ein gelenktes Äsungsspektrum, da wenige Arten stark beäst und diese primär nach energetischen Kriterien selektiert werden. (2) Im Fall wildwachsender Pflanzen auf Säumen reagieren die Tiere dagegen mit einer komplementären Artenvielfalt der Äsung: Je mehr Pflanzenarten vorhanden sind, desto mehr werden nicht nur beäst sondern auch um so gleichmäßiger beäst. Diese Merkmale sind typisch für ein natürliches Äsungsspektrum.

7.    Als Erklärung des natürlichen Äsungsspektrums lassen sich drei Gründe annehmen: (1) Präferenz verschiedener Arten zu verschiedenen Zeiten auf-grund verschiedener Konzentrationen artspezifischer Inhaltsstoffe, (2) Auf-rechterhaltung einer artenreichen Pansenflora (Rehe), (3) Vermeidung von Intoxikationen. Die beiden letzten Gründe sprechen für eine diätetisch motivierte Selektion der beästen Pflanzenarten.

8.    Mit der gezielten Beäsung von Fruchtständen einjähriger Pflanzen befriedigt das Wild im natürlichen Äsungsspektrum auch, aber nicht primär energetische Bedürfnisse, d. h. diese Art der Nahrung zielt auf die Deckung des Energie- und Nährstoffbedarfs.

  1. Mit zunehmender Größe von Maisschlägen verringert sich nicht nur die potentielle Äsungsfläche, sondern auch nahezu quadratisch der Saumanteil. Damit werden jene Biotoptypen mit wildwachsender Vegetation weniger, wo das Wild von Natur aus seine Nahrung findet. Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, die Schlaggröße zu limitieren und damit vorhandene Saumstrukturen zu erhalten, anstatt mit Wildäckern zu versuchen, das Wild von den Kulturen abzulenken.
  2. Neben dem Erhalt vorhandener artenreicher Säume fördert der integrierte Anbau von Hafer nicht nur selten gewordene Segetalpflanzen, sondern bietet durch eben diese Wildpflanzen (Ackerunkräuter) auch die besten Voraussetzungen für ein natürliches Äsungsspektrum.

 

Fazit

 

Floristische Diversität bildet für herbivore Wildtiere ein Qualitätsmerkmal ihres Lebensraumes, da sich die standörtliche Diversität in der Zusammensetzung der Äsung unmittelbar widerspiegelt. Insofern ist Artenvielfalt für Wildtiere funktionell unentbehrlich. Damit wird das naturschutzfachliche Problem des floristischen Artenschwunds auf Äckern durch Maisanbau auch zu einer nutritiven Herausforderung für das Wild.

keywords

Maisacker, Äsung, Nahrungspflanzen, field browse, food

kb

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