Dissertation

Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

Ina Gaude

Besaugen bei Kälbern der Rasse Deutsches Fleckvieh: Risikofaktoren und Bedeutung der individuellen Stressreaktion

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-104739

title (engl.)

Cross-sucking in German Simmental calves: Risk factors and role of the individual stress reaction

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2014

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/gaudei_ss14.pdf

abstract (deutsch)

Das gegenseitige Besaugen ist ein weit verbreitetes Problem bei der Aufzucht von Kälbern in Gruppenhaltung. Diese Ethopathie tritt bei Kälbern der Rasse Deutsches Fleckvieh häufiger auf als bei Holstein Friesian Rindern. Ziel einer epidemiologischen Untersuchung im Rahmen dieser Studie war es, auf 65 deutschen Milchviehbetrieben mit Fleckvieh- sowie Fleckviehkreuzungen Risikofaktoren für das Besaugen bei Kälbern der Rasse Fleckvieh zu identifizieren. Auf den Betrieben wurden die Betriebsroutinen bei der Kälberaufzucht im Hinblick auf Fütterung, Haltung und Hygiene erfasst. Weiterhin wurden auf 25 Betrieben Blutproben bei Kälbern entnommen und auf metabolische Leitparameter, fettlösliche Vitamine und Spurenelemente untersucht. In die statistische Auswertung wurden 53 Betriebe einbezogen, die anschließend unterteilt wurden in jene, wo das Besaugen kein Problem (n=12) oder ein erhebliches Problem (n=41) darstellte. Bei der letzteren Gruppe wurde zusätzlich unterschieden zwischen Betrieben, auf denen das nutritive Besaugen vorherrschend war (n=25) und Betriebe, deren Kälber überwiegend nicht-nutritives Besaugen zeigten (n=16). Die Signifikanz von Risikofaktoren für das gegenseitige Besaugen wurde mittels Chi-Quadrat-Test geprüft. Als wichtigste signifikante Risikofaktoren erwiesen sich die Menge an Milch bzw. Milchaustauscher während der Tränkeperiode und die Dauer der Tränkeperiode. In Betrieben ohne Besaugen wurden größere Milchmengen vertränkt und die Tränkeperioden waren länger als in Betrieben mit gehäuft auftretendem Besaugen. Als weiterer signifikanter Faktor erwies sich die Belegungsdichte. Kälber in Betrieben ohne Besaugen hatten deutlich mehr Platz pro Tier zur Verfügung als Kälber in Problembetrieben. Zusätzlich unterschieden sich die Kolostrumversorgung, die Verfügbarkeit von Wasser vor allem in den ersten zwei Lebenswochen, die Hygiene der Einstreu und die Serumkonzentrationen der fettlöslichen Vitamine. Die Art der Futtermittel (Vollmilch vs. Milchaustauscher) und die Fütterungstechnik (Eimer vs. Tränkeautomat) unterschieden sich zwischen den geprüften Gruppen nicht signifikant. In zahlreichen Studien wurde bisher die Eimertränke als wichtigster Trigger für das gegenseitige Besaugen bei Kälbern beschrieben, obwohl dies nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Tränke, sondern zu einem erheblichen Teil auch zeitlich unabhängig davon beobachtet wird. Ziel des experimentellen zweiten Teils dieser Dissertation war es daher, zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von nutritivem Besaugen sowie nicht nutritivem Besaugen und der individuellen Stressreaktion von Kälbern besteht. Dafür wurden 48 reinrassige Kälber der Rasse Deutsches Fleckvieh und 31 Kreuzungskälber aus 16 verschiedenen Betrieben während der Einzelhaltungsphase (2.-3. Lebenswoche) einem stressprovozierenden Versuch (d. h. Handling durch eine fremde Person, Anbinden außerhalb des Iglus für 10 min) unterzogen. Die Stressreaktion der Kälber wurde erfasst, indem die Herzfrequenz während des Versuchs kontinuierlich registriert, die Serumkonzentration von Cortisol bestimmt und das Verhalten der Tiere ausgewertet wurde. Anschließend wurden die Kälber während der Gruppenhaltungsphase im Hinblick auf das Auftreten und die Art des Besaugens (kein, nutritives oder nicht nutritives Besaugen) über einen Zeitraum von vier Wochen von den Landwirten intensiv beobachtet. Reinrassige Fleckviehkälber zeigten häufiger nicht-nutritives Besaugen als Kreuzungskälber. Nutritives Besaugen trat in Gruppen mit über 10 Kälbern signifikant häufiger auf, als in Gruppen mit weniger als 10 Tieren. Weiterhin stieg die Herzfrequenz während der Fixation bei Kälbern, die später nicht nutritives Besaugen zeigten, stärker an als bei Kälbern, die später nutritives oder kein Besaugen zeigten. Tiere, die später nicht nutritives Besaugen zeigten, reagierten zudem auf den Stress der Fixation mit einem signifikant ausgeprägteren Anstieg der Serumkonzentration des Cortisols als Kälber, die später kein Besaugen zeigten. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass die häufigen Probleme auf Milchviehbetrieben mit dem gegenseitigen Besaugen unter Kälbern der Rasse Deutsches Fleckvieh durch eine Optimierung von Haltung und Fütterung in den ersten Lebenswochen erheblich reduziert werden können. Die Ergebnisse des experimentellen Teils lassen darauf schließen, dass Kälber, die in Folge während der Aufzucht nicht nutritives Besaugen zeigten, eine ausgeprägtere Stressreaktion zeigten als Kälber, die später nicht oder ausschließlich nutritiv besaugten. Dies suggeriert, dass einige Tiere empfindlicher auf Stress reagieren und dies möglicherweise durch nicht nutritives Besaugen kompensieren. Reinrassige Fleckvieh-Kälber erwiesen sich als stresslabiler verglichen mit Kreuzungskälbern. Es erscheint vorstellbar, im Rahmen von Zuchtprogrammen besonders stressresistente Tiere zu selektieren. Voraussetzung dafür ist ein einfaches Testsystem mit reproduzierbaren, validen Ergebnissen.

abstract (englisch)

Cross-sucking is a common problem in group-housed dairy calves. This ethopathy occurs more frequently in Simmental than in Holstein Friesian calves. The aim of the epidemiological part in this study was to identify risk factors for cross-sucking in Simmental calves on 65 German dairy farms with Simmental and Simmental crossbreds. On these farms, with regard to feeding, housing and hygiene calf-rearing-routines were noted. Furthermore, blood samples in calves were taken on 25 farms and were analyzed for metabolic core parameters, fat-soluble vitamins and trace elements. Fifty-three farms were included into the statistical analysis, which were subsequently subdivided into those farms, where cross-sucking was either no problem (n = 12) or a significant problem (n = 41). The latter group was further split into farms on which nutritive cross-sucking was predominant (n = 25) and farms where calves showed predominantly non-nutritive cross-sucking (n = 16). The significance of risk factors for cross-sucking was tested using Chi-square test. The amount of milk or milk replacer during the milk feeding period and the duration of the milk feeding period proved to be the main significant risk factors. On farms without cross-sucking larger quantities of milk were fed and the milk feeding periods were longer, than on farms with frequent Problems. Another significant factor proved to be the stocking density. Calves on farms without cross-sucking had significantly more space per animal available, than those on farms with cross-sucking. In addition, there were differences in the colostral supply, the availability of drinking water, especially in the first two weeks of life, the hygiene of the litter and serum concentrations of fat-soluble vitamins between farms with and without frequent problems with cross-sucking. The type of milk (whole milk vs. milk replacer) and feeding equipment (bucket vs. automatic milk feeder) didn´t differ between tested groups. So far in numerous studies the milk feeding from buckets has been described as the most important trigger for cross-sucking in calves, although this behavioural disorder is not exclusively observed in connection with the milk feeding, but to a considerable extent temporally independent of it. Therefore the aim of the experimental second part of this thesis was to investigate, whether there is a correlation between the occurrence of nutritive and non-nutritive cross-sucking and the individual stress response of calves. For this, 48 purebred Simmental calves and 31 crossbred calves from 16 different farms were subjected to a stress- provoking experiment (i. e. handling by a foreign person, tethering outside of the igloo for 10 min) during the single- housing phase (second to third week of life). The stress response of the calves was determined by a continuous registration of the heart rate during the test, analysis of the serum concentration of cortisol and evaluation of the behaviour. Subsequently, with beginning of group- housing, the calves were intensively observed by the farmers over a period of four weeks with regard to the occurrence and type of cross-sucking (no , nutritive or non nutritive). Purebred Simmental calves performed non nutritive cross-sucking more often than crossbred calves. Nutritive cross-sucking was significantly more frequent in groups with more than 10 calves than in groups with less than 10 animals. Furthermore, heart rate during fixation increased more strongly in calves that later were seen performing non-nutritive cross-sucking than in calves that only showed nutritive or no cross-sucking. Animals that later performed non-nutritive cross-sucking also responded with a significantly more pronounced increase in the serum concentration of cortisol to the stress of fixation, than calves that later showed no cross-sucking. In summary the results show that the frequent problems with cross-sucking on dairy farms with Simmental cattle can be significantly reduced by optimization of the housing and feeding conditions in the first weeks of life. The results of the experimental study suggest that calves that performed non-nutritive cross-sucking during the rearing period, showed a more pronounced stress response than calves that later showed no cross-sucking or exclusively nutritive cross-sucking. This indicates that some animals are more sensitive to stress and may compensate for this by non-nutritive cross-sucking. Purebred Simmental calves were found to be more stress- labile compared to crossbred calves. As part of breeding programs, it seems conceivable to select particularly stress-resistant animals. This requires a simple test system with reproducible, valid results.

keywords

Besaugen, Stress, Deutsches Fleckvieh, cross-sucking, stress, German Simmental

kb

997