Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Bettina Julia Friedrich

 

Untersuchungen zur beruflichen und privaten Situation tierärztlicher Praxisassistentinnen und –assistenten in Deutschland (2006)

 

NBN-Prüfziffer

urn:nbn:de:gbv:95-94494

title (engl.)

 Investigations into the business and private life of veterinary graduates in practice in Germany (2006).

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2007

text

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/friedrichb_ws07.pdf

abstract (deutsch)

Die vorliegende Arbeit vermittelt auf der Basis eigener umfangreicher Umfrageergebnisse einen Einblick in die aktuelle berufliche und private Situation tierärztlicher Praxisassistentinnen und -assistenten in Deutschland. Bislang existierte nur eine mittlerweile 20 Jahre alte Studie über die berufliche und soziale Situation von Anfangsassistent(inn)en (FLEIG 1987), die noch vor dem starken Anwachsen des Frauenanteils in der Tiermedizin sowie vor der Deutschen Einheit angefertigt worden ist.

 

Die Literaturübersicht der vorliegenden Arbeit stellt den Forschungsstand und die themenrelevanten Forschungsarbeiten vor, zeigt die quantitative Entwicklung des Berufsstandes auf und führt in die Entwicklung der arbeitsrechtlichen Regelungen für Assistenztierärztinnen und -ärzte ein. Basis der eigenen Untersuchungen bildete die umfassende schriftliche Befragung von in deutschen Praxen und Kliniken tätigen Assistenztierärztinnen und -ärzten.

 

Dazu wurde im Januar 2006 ein sechsseitiger Fragebogen an 3677 in Deutschland tätige Assistenztierärztinnen und -ärzte versandt. Die Themenschwerpunkte bei der Befragung waren die Beschreibung der Arbeitsstellen (Tätigkeitsschwerpunkt, WBE, Praxispersonal etc.), die Vertragsbedingungen, Arbeitszeiten und Notdienstregelungen, das Gehalt und der Urlaubsanspruch, Fragen zum beruflichem Werdegang, zur Fort- und Weiterbildung, zu Zukunftsplänen und zur Zufriedenheit der Praxisassistent(inn)en. Darüber hinaus wurden Fragen zur privaten Situation (z. B. zum Vorhandensein von Kindern und zu Partnerschaften) gestellt. Besonderes Augenmerk wurde auf den Vergleich der beiden Geschlechter, die Tätigkeit in den alten und neuen Bundesländern sowie auf den Vergleich der verschiedenen Tätigkeitsschwerpunkte der Praxen (Pferde-, Kleintier-, Nutztier-, Gemischtpraxis) gelegt.

 

Die Rücklaufquote der versandten Fragebögen betrug 58 %. Assistent(inn)en, die in familiärer Beziehung zum Praxis-/Klinikinhaber standen, wurden von der Untersuchung ausgeschlossen, um die Ergebnisse nicht durch unrealistische (weil familiäre) Arbeitsbedingungen zu verfälschen. Insgesamt konnten 1945 Fragebögen unter Verwendung des Programms SAS® 9.1 for Windows ausgewertet werden.

 

Die meisten Assistent(inn)en (45 %) waren in der Kleintierpraxis tätig (bei Frauen 50 %; bei Männern 25 %), gefolgt von der Gemischtpraxis (33 %; bei Frauen 31 %; bei Männern 40 %). Die Nutztierpraxis mit insgesamt 13 % der Assistent(inn)en (bei Frauen 10 %; bei Männern 25 %) und die Pferdepraxis mit 9 % (bei Frauen 9 %; bei Männern 10 %) bildeten die kleineren Tätigkeitsfelder. Diese Verteilung verhält sich annähernd analog zur Verteilung der niedergelassenen Kolleg(inn)en auf die verschiedenen Tätigkeitsbereiche (vgl. SCHÖNE u. JÖHRENS 2005, 643). Hervorzuheben ist, dass den befragten Frauen die Arbeit in allen Tätigkeitsbereichen – insbesondere auch in der Großtierpraxis – körperlich nicht schwerer fällt als ihren männlichen Kollegen – ein in der Vergangenheit oft genanntes Vorurteil gegenüber Frauen in der Großtierpraxis.

 

Die Mehrheit der Assistent(inn)en war mit der Wahl der praktischen Berufsausübung (90 %) sowie der zum Zeitpunkt der Befragung aktuellen Arbeitsstelle (60 %) „völlig“ oder „überwiegend“ zufrieden. Dennoch gab es auch eine erhebliche Anzahl Assistent(inn)en, die mit ihrer Stelle nur „teilweise“ (28 %) oder „kaum“/“gar nicht“ (12 %) zufrieden waren. Das Arbeitsklima hatte für die Assistent(inn)en dabei die höchste Priorität und war der häufigste Grund, die Stelle nochmals anzutreten oder zu wechseln – noch weit vor der Nennung von Arbeitszeiten und Gehalt. Dies spricht für die hohe Motivation der in Praxen und Kliniken beschäftigten Assistent(inn)en.

 

Die Möglichkeiten, das Arbeitsklima und die Zufriedenheit zu optimieren, sind vielfältig. Schon der Abschluss eines schriftlichen Arbeitsvertrages ist ein guter Start in ein faires Arbeitsverhältnis. In der vorliegenden Untersuchung arbeitete ein Drittel aller angestellten Tierärztinnen und -ärzte ohne einen solchen – laut Nachweisgesetz gesetzlich vorgeschriebenen – Vertrag. In der Pferdepraxis lag der Anteil mit fast 50 % noch deutlich höher. Auch eine angemessene Aufwandsentschädigung für die Nutzung des Privatwagens bei Praxisfahrten sollte selbstverständlich sein. In der vorliegenden Umfrage gab mehr als die Hälfte der betroffenen Assistent(inn)en (49 % nutzten den Privatwagen für Praxiszwecke) an, keinerlei finanzielle Entschädigung für dieses Engagement zu erhalten.

 

Nach den eigenen Erhebungen ist der Berufszweig der Assistenztierärztin/des Assistenztierarztes vornehmlich durch Frauen (80 %) vertreten, das mediane Alter der Befragten lag bei nur 33 Jahren. Nur etwa ein Drittel der Umfrageteilnehmer/innen gab an, ein Kind oder Kinder zu haben, wobei die befragten Frauen viel seltener Mütter (28 %) als ihre Kollegen Väter (49 %) waren. Bei der Kinderbetreuung konnten die Mütter während ihrer Arbeitszeit weniger häufig auf ihren Partner (51 %) zurückgreifen als ihre männlichen Kollegen (90 %). Mit steigender zeitlicher Arbeitsbelastung konnten sich daher auch immer weniger Frauen vorstellen, nach der Geburt eines (weiteren) Kindes wieder unter den vorherigen Arbeitsbedingungen tätig zu werden.

 

Mehr als 80 % der Väter arbeiteten trotz Nachwuchs in Vollzeit (≥ 40 Wochenstunden; ohne Berücksichtigung der Notdienste). Unter den Müttern arbeiteten nur 20 % in Vollzeit, 58 % der Mütter arbeiteten hingegen weniger als 24 Stunden pro Woche. Dies zeigt, dass auch unter den Praxisassistent(inn)en hauptsächlich die Frauen mit der Kinderbetreuung und der Ausübung des Berufes doppelt belastet sind.

 

Um praktisch tätigen Tierärztinnen (und -ärzten) die Vereinbarkeit des Berufes mit der Familie zu erleichtern und einen Verzicht auf Familie zu Gunsten der Berufsausübung gerade bei Frauen zu verhindern, ist die Erhaltung und Schaffung neuer adäquater (Teilzeit-)Stellen unabdingbar. Familienfreundliche Maßnahmen am Arbeitsplatz (wie Job-Sharing, Kinder-Notbetreuung am Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeiten etc.) und insbesondere die Notwendigkeit der starken Erweiterung staatlicher Kinderbetreuungsplätze erscheinen besonders geeignet, um Tierärztinnen und -ärzten mit Kindern die Tätigkeit als Praxisassistent/in zu ermöglichen, wenn die Kinderbetreuung nicht idealerweise durch in der Nähe wohnende Großeltern oder andere Verwandte (wurde von 46 % der Mütter und 18 % der Väter angegeben) unterstützt werden kann.

 

Die befragten Vollzeit-Assistent(inn)en, die ungeachtet des zusätzlich abgeleisteten Notdienstes mindestens 40 Stunden pro Woche arbeiteten, verdienten im Median 2500 €. Dabei konnten erhebliche Geschlechterunterschiede (Frauen: 2400 €; Männer: 2950 €), Unterschiede zwischen den alten (2500 €) und neuen Bundesländern (2000 €) sowie zwischen den verschiedenen Praxis-Tätigkeitsschwerpunkten (Kleintierpraxis: 2300 €; Pferdepraxis: 2500 €; Nutztierpraxis: 2850 €; Gemischtpraxis: 2500 €) ermittelt werden (angegeben wurde jeweils der Median). Dabei hatten jedoch Assistent(inn)en in der Pferdepraxis die längste Wochenarbeitszeit mit 55 Stunden (Median), Nutztier- und Gemischtpraktiker(inn)en arbeiteten durchschnittlich 50 Wochenstunden, im Kleintierbereich wurde 45 Wochenstunden gearbeitet. Darüber hinaus absolvierten etwa 95 % der Vollzeitassistent(inn)en zusätzliche Notdienste in der Nacht und/oder am Wochenende. 57 % der Vollzeitkräfte erhielten dafür weder Freizeitausgleich noch wurden die Notdienste extra vergütet.

 

Um die Situation für Praxisassistent(inn)en nachhaltig verbessern zu können, muss dieser Beschäftigungsbereich in Deutschland – nach dem Vorbild anderer Länder – besser organisiert werden, beispielsweise in Form eines eigenen Verbandes (wie in der Schweiz) oder durch die Erstellung einer Positivliste von „assistentinnen- und assistentenfreundlichen Praxen“ (wie in Australien). Die adäquate Förderung dieses stark wachsenden Berufszweiges ist dringend anzuraten, um den Praxisassistent(inn)en eine echte Alternative zur eigenen (Einzel-)Niederlassung zu geben und so die Zusammenarbeit und Spezialisierung von Tierärzten und -ärztinnen zu verbessern (auch in Form von aus Arbeitsverhältnissen entstehenden Teilhaberschaften). Nur so kann die Qualität und die Wirtschaftlichkeit in der Tiermedizin optimiert und dauerhaft auf hohem Niveau gesichert werden.

 

abstract (englisch)

The presented work conveys an insight into the current career and private life of veterinary graduates in Germany on the basis of results of an own comprehensive survey. Until now there has only existed a study on the business and private life of recent veterinary graduates (FLEIG 1987) which is in the mean time 20 years old, which was drawn up before the strong increase in the proportion of women in veterinary medicine as well as before the German Reunification.

 

The literature overview of the presented work introduces the state of research and the research work relevant to the theme, demonstrates the quantitative development of the profession and introduces the development of labour law regulations for veterinary graduates. The comprehensive written questionnaire of veterinary graduates in German practices and clinics formed the basis of own investigations.

 

In addition, in January 2006 a six-page questionnaire was sent to 3,677 of these veterinary graduates working in Germany. The main focus of the themes in the survey were the job description (main focus of activity, advanced vocational training accreditation, practice staff etc.), contractual terms and conditions, working hours and on call regulations, salary and holiday entitlement, questions concerning career development, further training, future plans and satisfaction of veterinary graduates. Moreover, questions concerning private life (e.g. existence of children and partnerships) were asked. Particular attention was placed on comparison of both sexes, the job in the old and new German federal states as well as on comparison of various main focuses of activity in practices (equine-, small animal-, livestock-, mixed practice).

 

The rate of return of sent questionnaires amounted to 58%. Graduates related to the practice-/clinic owner were excluded from the study so as not to distort the results by unrealistic (because of family) working conditions. In total, 1,945 questionnaires could be analysed and evaluated by using the program SAS® 9.1 for Windows.

 

Most veterinary graduates (45 %) were employed in small animal practices (50 % of women; 25 % of men), followed by the mixed practice (33 %; 31 % of women; 40 % of men). The livestock practice with a total of 13 % of the graduates (10 % of women; 25 % of men) and the equine practice with 9 % (9 % of women; 10 % of men) made up the smaller fields of work. This distribution is approximately analogously in proportion to the distribution of veterinary surgeons in private practice in the various fields of work (cp. SCHÖNE & JÖHRENS 2005, 643). It should be pointed out that the work in all fields – in particular also in the large animal practice – is not physically more demanding for the women questioned than for their male colleagues – one often named prejudice against women in the large animal practice in the past.

 

The majority of veterinary graduates were “completely” or “mainly” satisfied with the choice of practical work (90 %) as well as with the current employment at the time of questioning (60 %). Nevertheless, there was also a huge number of respondents who were only “partially” (28 %) or “hardly”/”not at all” (12 %) satisfied with their job. The working atmosphere had the highest priority for the graduates and was the most frequent reason for taking up a post again or for changing jobs – far ahead of mentioning working hours and salary. This speaks in favour of high motivation of those employed in practices and clinics.

 

The possibilities of optimising the working atmosphere and satisfaction are many and diverse. Already the completion of a written contract of employment is a good start towards a fair working relationship. In the presented investigation a third of all employed veterinary graduates worked without such a legally stipulated contract according to the “Law of Proof of Substantial Conditions Applicable to the Employment Relationship” (Nachweisgesetz). In the equine practice the proportion with almost 50 % was significantly higher. Also, a reasonable expense allowance for using a private car for practice journeys should be a matter of course. In the presented questionnaire more than half of the graduates affected (49 % used their own car for practice purposes) admitted that they received no financial compensation whatsoever for this commitment.

 

According to their questionnaires the branch of the profession of veterinary graduates is represented primarily by women (80 %), the median age of those questioned being only 33 years of age. Only approximately one third of the questioned participants stated that they had a child or children, whereby the women questioned were more seldom mothers (28 %) than their colleagues were fathers (49 %). In the case of childminding the mothers were much less frequently able to fall back on their partners during working hours (51 %) than were their male colleagues (90 %). With increasing work-load with regard to time that is why fewer and fewer women were able to imagine being employed again under the previous working conditions after the birth of a (further) child.

 

More than 80 % of the fathers worked full-time in spite of children (≥ 40 hours per week; without taking being on call into account). Among the mothers only 20 % worked full-time, 58 % of the mothers on the other hand worked less than 24 hours per week. This indicates that also among the veterinary surgeons mainly women have twice the work load what with childcare and practising a profession.

 

In order to make it easier from a practical point of view for employed female veterinary surgeons (and male veterinary surgeons) to combine career and family and to prevent especially in the case of women their refraining from starting a family in favour of practising a career, maintaining and creating new adequate (part-time) jobs is indispensable. Family friendly measures at the workplace (such as job-sharing, emergency child-care at the workplace, regular working hours etc.) and especially the necessity for an increase in state provision for child-care appear particularly suitable for enabling veterinary surgeons with children to work in practice if the child-care cannot be supported ideally by grandparents or other relatives living in the vicinity (this was stated by 46 % of mothers and 18 of fathers).

 

The full-time employees questioned who worked at least a 40 hour week despite the additional hours on call, earned on average €2,500. What is more, enormous differences were discovered between the sexes (women: €2,400; men: €2,950), differences between the old (€2,500) and new federal states (€2,000) as well as between the various practice main focuses of activity (small animal practice: €2,300; equine practice: €2,500; livestock practice: €2,850; mixed practice: €2,500) (the median was stated in each case). What is more, the veterinary graduates in the equine practice, however, had the longest working week with 55 hours (median), livestock and mixed practitioners working on average 50 hours per week, and a 45 hour working week being worked in the small animal field. Additionally, approximately 95 % of the full-time veterinary graduates put in additional hours in the night and at the weekend on call. 57 % of the full-time workers received neither overtime compensation through time off nor were hours spent on call remunerated.

 

In order to be able to improve on the situation for veterinary graduates in practice long term, this field of employment in Germany – following the model of other countries – has to be better organised, for example in the form of an own association (as in Switzerland) or by compiling a positive list of “graduate friendly practices” (as in Australia). The adequate promotion of this ever-growing branch of the profession should be urgently recommended, so as to give the graduates a real alternative to going into practice on their own and thereby improving the cooperation and specialisation of veterinary surgeons (also in the form of existing participations from working relationships). Only then can quality and economic viability be optimised in veterinary medicine and be safeguarded with long-lasting effect at a high level.

 

keywords

(3 dt. + 3 engl.)

Praxisassistent, Arbeitsbedingungen, private Situation, veterinary graduates, working conditions, private life

kb

2.265