Dissertation
Tierärztliche Hochschule Hannover / Bibliothek – School of Veterinary Medicine Hannover / Library

 

Melanie Außel

 

Belastung von Schlachtschweinen in zwei Zuführungssystemen

zur Elektrobetäubung und die Auswirkungen

auf das Wohlbefinden

 

title (engl.)

Stress slaughter-pigs experience in two different conveyance systems to electrical stunning and the effects on the animals´ welfare

publication

Hannover, Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2001

text

/dissertations/ausselm_2001.pdf

abstract (orig.)

Die Zuführung zur Betäubung stellt für Schweine eine der wesentlichsten Belastungsquellen im Schlachtablauf dar. In vielen Schlachtbetrieben wird ein schonender Umgang des Personals mit den Tieren während Vereinzelung und Zutrieb durch eine unzureichende bauliche Gestaltung dieser Bereiche erschwert, so dass es hier häufig zu Problemen kommt, die das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen können. In der vorliegenden Arbeit sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Belastungen, denen Schweine während der Zuführung zur Betäubung ausgesetzt sind, durch bauliche Maßnahmen reduzieren lassen. Dazu wurden ein herkömmliches und ein neuartiges, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickeltes Zuführungssystem miteinander verglichen.

Die Untersuchung, in die insgesamt 515 dem Bundeshybridzuchtprogramm (BHZP) entstammende Schweine einbezogen wurden, gliederte sich in zwei nacheinander im selben Schlachtbetrieb stattfindende Messperioden. In der ersten Messperiode, in der 266 Tiere untersucht wurden, verfügte der Schlachtbetrieb über ein herkömmliches Zuführungssystem (altes System). Dabei gelangten die Schweine aus der im Wartestallbereich gelegenen Vereinzelungsbucht in einen zur Betäubungsfalle führenden Einzeltreibgang. In der zweiten, nach einem Umbau des Schlachtbetriebs stattfindenden Messperiode wurden 249 Schweine untersucht, die nun in dem neuartigen, nach ethologischen Gesichtspunkten entwickelten System der Betäubung zugeführt wurden (neues System). Im neuen System erfolgt die Vereinzelung und der Zutrieb optisch und akustisch von Wartestall und Schlachthalle getrennt, und im Zutrieb werden die Tiere auf einem Förderband stehend automatisch in die Betäubungsfalle transportiert. Um die Belastung der Schweine einschätzen zu können, wurden jeweils kontinuierliche Herzfrequenz- (Polar® Accurex Plus) und Körpertemperaturmessungen (Pillbox® -Logger, intravaginal) vorgenommen, und es wurden über Venenverweilkatheter und aus dem Stichblut gewonnene Blutproben auf ihren Gehalt an Noradrenalin, Adrenalin, Cortisol und Lactat untersucht. Weiterhin wurde das Verhalten der Schweine per Videoüberwachung erfasst und ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Zuführung zur Betäubung im neuen System im Vergleich zum herkömmlichen mit geringeren Belastungen für die Schweine verbunden ist. So lagen während der Zuführung zur Betäubung Herzfrequenz und Körpertemperatur im neuen System mit durchschnittlich 168 Schlägen/min und 39,4 °C signifikant (p < 0,001 bzw. p < 0,05) niedriger als im alten System mit 189 Schlägen/min und 39,6 °C. Zudem fand sich im Plasma der unmittelbar im Anschluss an den Zutrieb gewonnenen Katheterblutproben im neuen System im Vergleich zum alten ein signifikant geringerer Gehalt an hormonellen und biochemischen Belastungsindikatoren. Der Noradrenalingehalt reduzierte sich von 8,57 nmol/l auf 4,89 nmol/l (p < 0,001), der Adrenalingehalt von 2,64 nmol/l auf 1,49 nmol/l (p < 0,001) und der Lactatgehalt von 2,7 mmol/l auf 1,9 mmol/l (p < 0,001). Die im Plasma des Stichbluts gemessene Lactatkonzentration verdeutlicht die Unterschiede zwischen altem und neuem System noch weiter (4,49 mmol/l zu 2,49 mmol/l, p < 0,001). Dagegen repräsentiert der im Stichblut gemessene Cortisolgehalt von 95,17 ng/ml im alten und 105,21 ng/ml im neuen System aufgrund der Ausschüttungslatenz des Cortisols offensichtlich nicht die Belastungen während der Zuführung zur Betäubung. Im Zuge der signifikanten (p < 0,05) Reduzierung des während der Vereinzelung von den Schweinen gezeigten Vermeidungsverhaltens von durchschnittlich 3,4 Sekunden im alten System auf rechnerisch 0,3 Sekunden im neuen System verkürzte sich auch die Zeitdauer der Vereinzelung im neuen System um mehr als die Hälfte (altes System = 10 Sekunden, neues System = 4,3 Sekunden, p < 0,01), der Einsatz von Treibhilfen (Index) reduzierte sich von 17,8 auf 6,3 (p < 0,001) und die Anzahl der Verhaltenswechsel sank von durchschnittlich 2,7 auf 1 (p < 0,05). Im Zutrieb verringerten sich im neuen System signifikant die zeitliche Ausdehnung des Vermeidungsverhaltens (altes System = 10,2 Sekunden, neues System = 4,1 Sekunden, p < 0,01), der Treibhilfeindex (altes System = 76,9, neues System = 28,5, p < 0,001) und die Anzahl der Verhaltenswechsel (altes System = 6,5, neues System = 3,6, p < 0,01). Auch die Zutriebsdauer verkürzte sich im neuen System von 26,8 auf 20,2 Sekunden, dieser Unterschied ist jedoch nicht signifikant.

Die deutliche Reduzierung der physischen und psychischen Belastung während der Zuführung zur Betäubung im neuen System ist auf dessen bauliche Gestaltung zurückzuführen. Das beim Bau des neuen Zuführungssystems umgesetzte Prinzip, sich das Erkundungsverhalten von Schweinen zu Nutze zu machen, hilft, insbesondere im Bereich der Vereinzelung, Belastungen zu verringern. So fördert die ruhige und schattenfrei hell beleuchtete Umgebung die Orientierung zum Zutriebseingang hin und ein als zusätzliche Orientierungshilfe eingesetzter Metallspiegel, der die Anwesenheit eines Artgenossen im Zutrieb vortäuscht, motiviert die Schweine über das Setzen eines Erkundungsreizes zum Betreten des Zutriebs. Hierdurch wird eine schonende Behandlung der Schweine durch das Personal gefördert. Der automatische Transport im Zutrieb senkt den auf den Schweinen lastenden Anpassungsdruck und ermöglicht es wiederum dem Personal, weitgehend auf den Einsatz von Treibhilfen zu verzichten.

Insgesamt erscheint die bauliche Gestaltung des neuen Zuführungssystems geeignet, das Wohlbefinden von Schlachtschweinen im Problembereich Zuführung zur Betäubung im Vergleich zu herkömmlichen Systemen zu verbessern. Es bleibt zu überlegen, ob der in den letzten Jahren erfolgte Erkenntnisgewinn zur Senkung der prämortalen Belastung von Schlachttieren durch Einführung der Definition "nach Stand der Technik" in den § 3 der Tierschutz-Schlachtverordnung schneller in die Schlachtpraxis umgesetzt werden könnte.

 

abstract (engl.)

Moving pigs to the stunning point is one of the most important sources of stress in slaughtering pigs. In many abattoirs it is difficult for the drivers to handle pigs carefully during separation and access to the restrainer because these areas are often poorly designed. This may lead to problems which can impair the animals´ welfare. This dissertation investigates to what extent constructional measures are able to reduce the stress which occurs during the conveyance to the stunning point. Therefore a conventional conveyance system and a new one, which had been developed in cooperation with the Institute for Animal Hygiene, Animal Welfare and Farm Animal Behaviour of the School of Veterinary Medicine Hannover (TiHo Hannover), were compared.

The investigation included a total of 515 pigs of a German hybrid breeding programme and was divided in two measuring-periods which both took place in the same slaughter plant. In the first period 266 pigs were investigated in the conventional system (old system). In the old system the pigs were sent one by one through a single file race which led to the stunning point. The preceding separation of pigs from the group took place in a pen which was located inside the lairage area. After the slaughter plant had been reconstructed the second measuring period took place. It included 249 pigs which now were moved to the stunning point in the new developed conveyance system which design considers ethological aspects (new system). In the new system separation of pigs from the group and access to the restrainer take place in a special room which is visually and acoustically separated from lairage and slaughtering section and the access functions automatically: the pigs are transported to the restrainer by a conveyor belt on which the pigs are standing. In order to judge the extent of a pre-mortal strain the pigs´ heart rate (Polar® Accurex Plus) and body temperature (Pillbox®-Logger, intravaginal) were continuously measured and blood samples were taken from the sticking blood and via venous catheters and they were analysed for norepinephrine, epinephrine, cortisol and lactate. Additionally the pigs´ behaviour was recorded on video tape.

The results show that in the new system the stress pigs experience during the conveyance to the stunning point is lower than in the old system. The pigs´ heart rate and body temperature were significantly (p < 0,001, p < 0,05) lower in the new system than in the old one (new system = 168,4 bpm and 39,4 °C, old system = 189,1 bpm and 39,6 °C). Additionally the concentration of hormonal and biochemical stress indicators in the plasma of blood samples which had been gathered via venous catheters immediately after the access was significantly lower in the new system compared to the old one. The average norepinephrine-level declined from 8,57 nmol/l to 4,89 nmol/l (p < 0,001), the concentration of epinephrine was reduced from 2,64 nmol/l to 1,49 nmol/l (p < 0,001) and those of lactate from 2,7 mmol/l to 1,9 mmol/l (p < 0,001). The concentration of lactate in the sticking blood (old system = 4,49 mmol/l, new system = 2,49 mmol/l, p < 0,001) illustrates further the differences between the old and the new system. In contrast to that the concentration of cortisol in the sticking blood (old system = 95.17 ng/ml, new system = 105,21 ng/ml) does obviously not represent the strain during the conveyance because circulating cortisol levels respond rather less rapidly to stressful stimuli than the others. As a result of a significant reduction of the extent to which avoidance behaviour was shown by the pigs during separation (old system = 3,4 seconds, new system = 0,3 seconds, p < 0,05) the duration of this procedure halved in the new system (old system = 10 seconds, new system = 4,3 seconds, p < 0,01), the extent of prodding (index) during separation declined from 17,8 to 6,3 (p < 0,001) and the pigs changed less frequent their behaviour (old system = 2,7, new system = 1, p < 0,05). During the access in the new system the extent to which avoidance behaviour was shown (old system = 10,2 seconds, new system = 4,1 seconds, p < 0,01), the extent of prodding (index) (old system = 76,9, new system = 28,5, p < 0,001) and the quantity of behaviour-changes (old system = 6,5, new system = 3,6, p < 0,01) decreased significantly. The duration of access was also reduced from 26,8 seconds to 20,2 seconds, but this difference is not significant.

The distinct reduction of physical and emotional stress during the conveyance to the stunning point in the new system can be explained by its constructional design. The new system´s design realizes the principle of using pigs´ exploratory behaviour. This helps, particulary during separation, to reduce the strain. So the calm and brightly illuminated environment encourages orientation to the entrance of the access and a mirror out of metal, which simulates the presence of a species companion in the access, motivated the pigs to enter the access by setting a stimulus for exploratory behaviour. This promotes a gentle treatment of the pigs. The automatical transport during access reduces the pigs´ distress and enables the drivers to handle the pigs nearly without prodding them.

All in all the constructional design of the new conveyance system seems suitable to improve the welfare of pigs during the critical procedure of moving them to the stunning point. It is to consider if the new knowledge about reducing the pre-mortal strain of slaughter animals, which has been gained in the last years, could be realized in slaughter practice more quickly if the definition "as latest state of engineering" would be inserted in § 3 of the German regulation for the protection of animals during slaughter (Tierschutz-Schlachtverordnung).

 

keywords

Belastung, Schlachtschweine, Wohlbefinden, stress, slaughter-pigs, welfare

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3.106